Medialismus, Roman: 39. Kapitel

Ralf SchusterZwei Wochen später besuchte mich Tina am Wochenende in der Provinzstadt und wir drehten im Wohngemeinschaftshaus mit der Diskettenkamera alle Szenen mit den Frauen. Die Darstellerinnen hatten sich übertrieben hübsch gemacht und sollten sich auch dementsprechend verhalten. Vor allem dekadent herumliegen, sich schminken, tanzen und gegenseitig anzicken. Meine hübsche Tina hatte sich vorher die Haare schwarz gefärbt und im Second Hand ein orangefarbenes, enges Kleid besorgt, mit dem sie den goldenen Minirock der blonden Architekturstudentin nicht unbedingt übertraf, aber gut mithalten konnte.

Die dritte im Bunde kam aus Polen, sprach mit einem hilflos wirkenden Akzent und war mit ihrer roten Lockenmähne für Gegenlichtaufnahmen prädestiniert. Von ihr stammte auch das polnische Drink-Geheimrezept, aber die blonde Architekturstudentin hatte es modifiziert und darüber stritten die beiden so lang, bis wir das irgendwann in die Handlung integrierten. Den Streit und die Drinks. Die Dreharbeiten und das feuchtfröhliche Beisammensein gingen nahtlos ineineinander über und alle waren bester Laune.

In diesem Zusammenhang ließ sich Tina zu der unerwarteten Aussage hinreißen, meine Lebensbedingungen in der Provinzstadt seien ja offensichtlich angenehmer als ihre in Berlin. Gleichzeitig behauptete sie, dort motiviert an ihrer Masterarbeit herumzuschreiben. Aber je mehr Zeit verging, desto deutlicher beschlich mich das Gefühl, dass sie das nur vortäuschte. Außerdem ging sie sehr lustlos einem Studentenjob nach. Bei einer Autovermietung nahm sie die Vorbestellungen entgegen und bekam dafür ein ordentliches Gehalt. Weil es nur ein paar Stunden pro Woche waren, langte das trotzdem nicht zum Leben. Nun musste sie die leidige Erfahrung machen, wie es sich anfühlt, wenn das Konto immer leer ist. Manche Menschen stört das nicht, mich schon. Ich empfand es als schicksalhaft, dass Tina exakt zu dem Zeitpunkt in die finanzielle Unterversorgung hineinrutschte, als ich den sehr angenehmen Zustand erreicht hatte, mich auf den monatlichen Zahltag verlassen zu können. Als Gegenleistung für mein Wochenendwohnrecht übernahm ich einen Teil ihrer Miete. Abgesehen davon wollte sie keine Hilfe von mir. Ich hatte offenbar genau rechtzeitig die Unwägbarkeiten der Tagelöhnerei gegen die Vorhersehbarkeit eines bescheidenen Gehaltes im Öffentlichen Dienst eingetauscht.

Film- und Fototechnik gab es noch dazu und davon machte ich ausgiebig Gebrauch, der Diskettenkamerafilm war nur der Anfang. Um ihn zu Ende zu drehen, verbrachten Tina und ich gemeinsam mit einigen Studenten oder Studentinnen aus der Wohngemeinschaftshaus-Clique viele schöne Tage des Frühsommers. Wir suchten Locations, die am besten zu unseren gutaussehenden männlichen Darstellern passen würden. Ausflüge in die nähere Umgebung der Provinzstadt, um leerstehende Industriegebäude, Tagebaulandschaften oder verlassene Militäranlagen zu erkunden, erwiesen sich als sehr ergiebig. Auch bei den Studenten kam das gut an, zumal sie einige Geheimtipps beizusteuern hatten. Wir fuhren viel herum und drehten dann doch in der Stadt oder direkt am Stadtrand.

Ich setzte die jungen Männer, die möglichst imposant aussehen sollten, übertrieben elegant in Szene, aber die bescheidene Bildqualität der Diskettenkamera gab sie auf sarkastische Weise der Lächerlichkeit preis. Das Gleiche galt für die Frauen, die sich prima als Tussis gebärdeten. Letztendlich war der Film nicht mehr als eine Parallelmontage, die zwischen hyperaktiven Männern und dekadenten Frauen hin- und hersprang, bis die Männer schließlich ohne vorherige Andeutung das Zeitliche segneten. Der eine fiel vom Surfbrett ins Wasser und tauchte nicht wieder auf, dem Bodybuilder quetschte die große Hantel die Luft ab, bis er erstickte und der Autofahrer stieß mit dem Studenten zusammen, als dieser gerade sein riesiges Architekturmodell über die Straße trug. Die Frauen beklagten zur gleichen Zeit, ohne von den Zwischenfällen zu wissen, unter schrecklicher Langeweile zu leiden. Dann war der Film zu Ende. Ich gab ihm den tiefgründigen Titel „Zwischen Mann und Frau liegt der Rest der Welt“.

Als ich den Film fertig hatte, war gerade die nächste Party im Wohngemeinschaftshaus in Vorbereitung. Sie sollte wieder über mehrere Stockwerke gehen und man hatte, ohne mich zu fragen, bereits beschlossen, dass die Filmpremiere im Gemeinschaftsraum stattfinden sollte. Die Liegewiese hatte sich mittlerweile in eine Matratzenlandschaft verwandelt, die den ganzen Raum einnahm. Am Anfang des Abends lief der Film fast ununterbrochen, da immer wieder neue Gäste eintrafen. Ich selbst lag auf einer Matratze direkt vor der Leinwand, neben mir der Laptop. Als ich den Film starten wollte, merkte ich, dass die Zuschauer zusehen konnten, wenn ich mit dem Mauszeiger die Playtaste drückte, weil der Beamer das Menü mitübertrug. Das geht doch nicht, sagte ich mir, aber auch als ich die Lautstärke vom Laptop aus korrigierte, sahen alle zu, ganz zu schweigen davon, dass die Maus manchmal mitten im Bild positioniert war und einmal direkt auf der Nase von Tina saß. Mir passte diese Mitwisserschaft des Publikums überhaupt nicht, aber es gelang mir nicht, den Laptop für mich einzunehmen und dazu zu veranlassen, keine unterwünschten Hintergrundinformationen mehr an den Beamer zu senden. Deshalb gab ich auf und beschloss, mich nicht mehr an dem Informationsaustausch zwischen Laptop und Publikum zu stören, obwohl ich ihn eigentlich für eine Frechheit und Verschwörung hielt. Ich wurde dadurch entschädigt, dass die Projektion, weil ich so nah vor der Leinwand lag, zumindest für mich monumental wirkte. Außerdem passte das Matratzenambiente perfekt. Die permanente Wiederholung der ritualhaften Handlung ergab genau den Sinn, der mir beim Drehen vorgeschwebt hatte. Wie erwartet sinnierten die Zuschauer weniger über die vermeintlich tiefsinnige Bedeutung der Geschichte, sondern lachten über die Dialoge der zickigen Frauen und die unerwarteten Todesfälle.

Als ich, zufrieden mit mir, kurz nach Mitternacht eine Pause einlegte, traf Tina mit dem letzten Zug aus Berlin ein und brachte nicht nur, wie angekündigt, Martin, sondern auch Sabine mit, außerdem stand, völlig unerwartet, die große Tina vor mir. Wir hatten uns seit Jahren nicht gesehen. Jetzt, da ich Berlin verlassen hatte, war sie mit Mann und Kind dorthin gezogen. Von denen hörte ich im Übrigen zum ersten Mal, da die große Tina mir, wie sie sagte, hatte ersparen wollen, ihre blitzartige Verwandlung zur Mutter und Ehefrau eines Bauingenieures, der weltweit Großprojekte überwachte, mitverfolgen zu müssen. Es genüge durchaus, dass ich diese als vollzogenen Prozess zur Kenntnis nähme, deshalb habe sie die kleine Tina zum Stillschweigen verpflichtet. Bei Gelegenheit könne ich aber sehr gerne ihre mehr als großzügige Wohnung am Prenzlauer Berg begutachten. Hier mischte sich die kleine Tina ein, um zu beteuern, dass es in der Tat ausgesprochen schockierend für sie gewesen sei, die große Tina erstmals in derem neuen Zuhause zu besuchen. Wie im Lifestyle-Magazin sehe es dort aus, alles neu und nur Designermöbel. Zum Glück finge inzwischen der kleine Sohn an zu laufen und sorge so für eine natürliche Unordnung.

Wie es der Zufall wollte, besaßen Sabines Eltern in der gleichen Straße auch einen Altbau, dessen Sanierung demnächst abgeschlossen sein sollte. Luxus-Sanierung, warf ich ein, zwischen Frage und Anklage schwankend. Der Luxus von heute, antwortete Sabine darauf lässig, sei ohnehin nur der Standard von morgen. In einigen Monaten ziehe sie dort hin, direkt in die Nachbarschaft von Tina. Jetzt, da ihre Tochter alt genug sei, um allein zu Hause zu bleiben, sei es an der Zeit, endlich wieder in einem lebendigen Stadtteil zu wohnen. Ihr neuer Teilzeitjob bei einer kleinen Firma, die Daten für Navigationssysteme aufbereite, sei ganz angenehm und entspräche voll ihren Qualifikationen, aber das Geld, das sie damit verdiene, reiche bestenfalls für die Tochter, keinesfalls aber für diese Wohnung und den Lebensstil, den sie sich inzwischen einfach so, aus der finanziellen Wohlsituiertheit ihrer Eltern heraus, die nichts besseres mit ihrem Geld anzufangen wüssten, als es ihr ungefragt hinterherzuwerfen, ohne jede Kraftanstrengung angewöhnt habe. Schließlich brach sie diese Schilderung ihrer Daseinsbedingungen mit dem Satz „Ich will jetzt endlich mal wieder tanzen!“ ab, einem Satz, den ich vor allem von nicht mehr ganz jungen Frauen aus dem Kulturbetrieb schon so oft gehört hatte, dass er bei mir immer den Verdacht weckte, hier ginge es eigentlich um etwas ganz anderes.

Sabine warf die Arme in die Luft und wackelte mit der Hüfte, offensichtlich meinte sie es ernst mit dem Tanzen. Los, nach oben mit dir, da ist die Tanzfläche, sagte ich zu ihr. Da packte sie mich an der Schulter und schob mich die Treppe rauf, als sei ich nur für sie da. Beide Tinas kamen hinterher, während Martin erst noch einen Abstecher zur Bar machte und etwas später mit den Bierflaschen auf der Tanzfläche erschien. Der Party-DJ hatte gerade das erste Set mit den ausgelutschten Stimmungshits hinter sich. Jetzt versuchte er es mit anspruchsvoller elektronischer Club-Musik. Auf der Tanzfläche war genug Platz, so dass wir uns hemmungslos gehen lassen konnten. Martin legte merkwürdig staksige Nerd-Verrenkungen an den Tag, die beiden Tinas wechselten zwischen Knutschen und ekstatischem Zappeln und Sabine erging sich in zeitlupenhaften Hüftschwüngen, die wohl erotisch wirken sollten, aber so gar nicht zum aufgekratzten Tempo der Musik passten. Ich schüttelte meinen Körper, den Kopf, die Arme, spürte den total technischen, aber wahnsinnig kraftvollen Bass, wie er mich durchdrang und in Bewegung hielt.

Im bunten Licht der Partybeleuchtung erhaschte ich bizarre Anblicke dieser Menschen, die ich liebte, die sich im Rhythmus der Musik näherten und entfernten, an mir vorbeiglitten oder sich untereinander berührten, nutzlos in der Sonne, ekstatisch in der Nacht, getriggert vom banalen Bums einer synthetischen Bassdrum, flirrenden Klängen, die härter und spröder wurden, während mir die ichbezogene Idee durch den Kopf glitt, dass sie mich ja eigentlich umkreisten wie Planeten ihre Sonne. Karsten, der blondierte Architekturpunk, schwirrte an mir vorbei, die Blondine mit dem goldenen Minirock klebte an seiner Seite. Die beiden wirken genauso, als hätten sie gerade gefickt, sagte ich mir, sie haben es sicher in einem der verschließbaren Zimmer getan, dort bietet sich die beste Gelegenheit. Auch wenn das nur eine Fantasie war, mit der ich meine Erregung steigern wollte, wirkte sie. Die kleine Tina drückte sich erst von hinten an meinen Rücken, dann fiel sie mir um den Hals und ich glaubte zu erkennen, wie sich Sabine an den ungelenk tanzenden Martin ranschmiss. Dann wiederum sah ich wie durch einen Schleier die beiden Tinas küssend vor mir.

Das ist meine Welt, sagte ich, aber niemand konnte es hören, denn die Musik füllte nicht nur mich, sondern auch den ganzen Raum bis kurz vor dem Zerplatzen aus. Der Beat hämmerte Energie in unsere Köpfe und Körper und mir standen Tränen in den Augen. Es war einer der Momente, der mich mit ungebremsten Gefühlen in eine Sphäre hob, die oberhalb des gewöhnlichen Daseins zu schweben schien. Auch wenn es wahrscheinlich von außen lediglich so aussah, als wäre ein verirrter Ü-30-Partytrupp auf die falsche Tanzfläche geraten, um dort auszuflippen, war es für mich viel mehr, denn sie, genau SIE waren zu mir gekommen, nachdem ich diesen Weg, der mir so lang und anstrengend vorgekommen war und der genau dort hingeführt hatte, wo wir uns jetzt befanden, zurückgelegt hatte. Ich fragte mich, ob dies nun ein Höhepunkt meines Daseins war oder schlichte Einbildung. Aber was könnte denn sonst das Echte und Wahre sein? Unser wildes Gehüpfe auf der Tanzfläche einer leergeräumten Wohnung eines runtergewirtschafteten Hauses in einer unbedeutenden Provinzstadt? Ja, aber alles andere auch.

So adrenalinübersättigt, wie wir uns verausgabten, konnte es nicht lange weitergehen. Die Euphorie wurde zunehmend von der Schwäche unserer irdischen Körper verdrängt. Als der DJ wieder zu Konsensmusik überging, begann die Realität in Gestalt von Studenten, die auf die Tanzfläche kamen, wieder durchzuschimmern. Wir pausierten paarweise an den Fensterbrettern, beobachteten die Tanzenden und tranken Bier. Schließlich fanden wir uns im Gemeinschaftsraum wieder, wo ich den Diskettenkamerafilm zum letzten Mal in dieser Nacht vorführte. Zu diesem Zeitpunkt hielten sich die meisten Studenten in den oberen Stockwerken auf, weshalb wir genug Platz hatten, um kreuz und quer auf den Matratzen und Sofas herumzuliegen, teilweise übereinander und ineinander verschränkt. Beide Tinas kamen dann zum Übernachten mit zu mir. Wie selbstverständlich verabschiedeten sich Martin und Sabine gemeinsam mit dem Hinweis, dass sie ein Hotel gebucht hätten. Das hörte sich an wie von langer Hand geplant, störte mich aber zu meinem eigenen Erstaunen überhaupt nicht.

Am nächsten Tag beim gemeinsamen zweiten Frühstück in meiner Wohnung stellte sich heraus, dass allen außer der kleinen Tina die Premiere wie ein Déjà-vu vorgekommen war. Wir erinnerten uns an die Rückbesinnung, meinen Super-8-Film, dessen erste Aufführung damals in Martins Wohnung stattgefunden hatte. Von der Szenerie her völlig anders, aber von der Stimmung her merkwürdig ähnlich. Dass wir uns gerade auf die Rückbesinnung rückbesinnten, sorgte natürlich schon aufgrund des kuriosen Wortwitzes für einige Heiterkeit. Ich rechnete nach und stellte fest, dass die Premiere der Rückbesinnung auf wenige Tage genau zwölf Jahre zurücklag. Sabine machte einen Witz über die fragwürdige Bildqualität des Diskettenkamerafilms, aber Martin und ich belehrten sie, dass genau das unser Ziel gewesen sei, woraufhin sie erwiderte, in weiteren zwölf Jahren wolle sie dann aber endlich einen ordentlichen Film zu sehen kriegen. Oh nein, riefen da die anderen, alles, nur das nicht, das sei keinesfalls meine Bestimmung, das könnten, sollten und müssten Andere machen.

Spaßeshalber beschlossen wir, dass ich ja nun, nachdem ich sowieso schon mal, wenn auch unbeabsichtigt, die Stimmung der Rückbesinnung aufgegriffen hätte, genausogut auch gleich die Arbeit an dem damals verlorengegangen falschen Film wiederaufnehmen könnte. Ohne in der Vergangenheit zu schwelgen, fing ich sofort mit dem Brainstorming an und begann, neue Ideen für die alte Szenerie zu sammeln. Ich liebte es schon immer, mit Freunden zusammenzusitzen und dabei Handlungsfäden zu spinnen. Gerade an jenem Frühstückstisch hatten sich die richtigen versammelt und in der Tat erarbeiteten wir ein fast vollständiges Konzept für den nächsten Film, der wiederum der erste Teil einer Serie wurde, deren Produktion sich dann wirklich über die nächsten zwölf Jahre hinziehen sollte.


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