Medialismus, Roman: 40. Kapitel

Ralf SchusterIm falschen Film hatte ich einen schnauzbärtigen Kommissar gespielt, weil alles UNPASSEND sein sollte. Inzwischen hatte sich so vieles geändert. Deshalb war ich der Meinung, dass es nun PASSTE. Den Anspruch, mit jedem Film ein zeitloses ideologisch-ästhetisches Denkmal zu setzen, hatte ich nie einlösen können. Je länger ich mich mit dem Filmemachen beschäftigte, desto mehr wurde mir bewusst, was mir alles missglückt war. Manche meiner eigenen, aber auch viele Werke der anderen unabhängigen jungen Filmemacher gingen mir in ihrer Bedeutungsschwere inzwischen auf die Nerven. Als Konsequenz versuchte ich nun, wieder in der Provinz, einfache Geschichten mit Unterhaltungswert zu erzählen. Aber das Wertesystem, das meinen Geschichten zu Grunde lag, sollte nicht so spießig sein wie beim Konsensfernsehen, oder gar in den Hollywoodproduktionen mit ihren standardisierten Gut-Böse-Unterscheidungen und ihrem Wer-will-der-kann-Optimismus. Ansonsten realisierte ich meine Filme jetzt möglichst einfach, da ich keine Ambition verspürte, die teure Ästhetik des professionellen Films aufwändig nachzuahmen, ohne dafür wirklich ein Budget zur Verfügung zu haben. Immerhin musste ich mich an meinem Arbeitsplatz erst vierzig Stunden die Woche um die Probleme der Universität und der Studenten kümmern, bevor ich an meinen eigenen Werken arbeiten konnte. Es gab im Videolabor die gleiche Kamera, wie wir sie bei der digitalen Spielfilmproduktion verwendet hatten, dazu Stative, Mikros und Tonangel, kleine und große Lampen. Im Lauf der Jahre kaufte ich von den offiziellen Mitteln, die mir von Seiten der Universität zur Verfügung standen, einiges dazu.

Ständig kamen neue Kameramodelle auf den Markt, aber weiterhin waren die meisten mit Magnetbandkassettenlaufwerk ausgestattet. Als digitalen Schnittplatz brauchte man einen Computer, der eine bestimmte Rechenleistung haben musste, um 25 Bilder pro Sekunde liefern zu können. Zunächst schafften das nur solche Rechner, die in jeder Hinsicht optimiert waren, nach ein paar Jahren genügte, was als einfaches Modell galt, und noch später war jeder billige Laptop gut genug. Entscheidend war nur, dass er den passenden Anschluss hatte, der den aufregenden Namen FireWire trug. Mit FireWire konnte man die Videoaufzeichnung verlustfrei von den Magnetbandkassetten in den Computer holen. Wenn der Film fertig war, wurde er wiederum digital auf die Kassette ausgespielt. In Deutschland war es damals aufgrund merkwürdiger zollrechtlicher Bestimmungen verboten, Kameras mit der kompletten Funktionalität eines Videorekorders einzuführen, das heißt, ein fertiges Video, das durch FireWire vom Computer zur Kamera zurückgeliefert wurde, konnte von dieser nicht auf das Magnetband aufgezeichnet werden. Ein paar Jahre später wurde diese pingelige Unterscheidung zwischen Kamera und Videorekorder aufgehoben. Die Funktionen der Geräte verschwammen immer mehr.

Mich hatte es sowieso nicht gestört, weil ich zum Aufzeichnen den Videowalkman benutzte, ein hübsches kleines Gerät mit aufklappbarem Bildschirm. Obwohl ich es ihnen mit meinen technokratischen Argumenten stets madig zu machen versuchte, bevorzugten die meisten anderen Menschen aber Medien, die direkt auf dem Computer abgespielt werden konnten, also Video-Dateien oder DVDs. Die Magnetbandkassetten hatten, was die Datenkomprimierung und den Qualitätsverlust beim Kopieren von Kopien anging, diverse Vorteile. Da ich inzwischen aber weitgehend von der schwerfälligen und spezialisierten Analogtechnik befreit war, musste ich mir zusätzliche technische Extravaganzen leisten, um weiter als Spezialist gelten zu dürfen. Zur Not langten Fachbegriffe und Videowalkman. Beim Filmen diente er als Kontrollmonitor, nach dem Schnitt benutzte ich ihn zum Ausspielen auf das Band und bei der Vorführung schließlich als Abspielgerät. Im Lauf der Jahre entstanden so etliche Filme, die alle auf den kleinen Magnetbandkassetten landeten und im Archivierungsregal wuchs die Reihe meiner Master-Tapes beträchtlich.

Während ich einen Film fertigschnitt, schrieb ich meist schon am Drehbuch für den nächsten. Als schnauzbärtiger Kommissar ermittelte ich gegen eitle Regisseure, Filmfestivalfanatiker oder Pressesprecher, also gegen alle, die mir nicht in den Kram passten. Wenn möglich, wurden Gummienten in die Handlung integriert oder als Requisite im Bildhintergrund platziert. Es gab einerseits genügend Studenten, die mithelfen wollten, andererseits ist es ein Vorteil aller Provinzstädte, dass man früher oder später mit den Leute zusammenkommt, deren Interessen zu den eigenen passen. So machte der Kommunikationstechnologieexperte bei mehreren Filmen den Ton, aber auch als Leiche musste er herhalten. Es gab noch zwei andere Filmemacher in der Stadt, ein paar Schauspieler ohne Engagement, Musiker, Schreiberlinge, alle jeweils vereinzelt, nicht im Überfluss wie in der Großstadt und deshalb auch nicht so von der eigenen Wichtigkeit besessen. Solange meine Filme zügig und ohne Stress abgedreht wurden, fand sich immer jemand, der Lust hatte, mitzuarbeiten. Das war gut. Meine Tina machte Kamera, wobei wir uns bei den ersten Filmen darauf beschränkten, jede Szene entweder als feststehende Totale oder als bewegte Handkamera in einem Take zu drehen. Also Tableau oder Gefuchtel. Unschärfen gab es kaum, weil wir möglichst weitwinklig drehten. Wenn ein Mikrofon im Bild sichtbar war, störte uns das nicht. Das ersparte viele Komplikationen bei den Dreharbeiten. Ich hatte sowieso genug damit zu tun, mich auf meine komplizierten Texte zu konzentrieren.

Irgendwann während meines zweiten oder dritten Jahres als Universitätsangestellter zog Tina zu mir in die Provinz. Ihre Masterarbeit über kunstgeschichtliche Zusammenhänge zwischen Bauhaus und Hausbau hatte sie trotz vieler innerer Widerstände fertiggeschrieben. Ihre Bewerbungsaktivitäten aber, die sie zur Erlangung eines ihrer Qualifikation entsprechenden Jobs entfaltete, blieben lust- und erfolglos. Inzwischen hatte ich mir eine große, billige Wohnung besorgt. Tina war immer häufiger am Wochenende zu mir gekommen. Ich selbst verlor allmählich den Draht zu meinen vermeintlich wichtigen Berliner Kontakten, den Kneipen und Kulturinstitutionen, den Poetry Slams, den Lesebühnen und Off-Filmvorführstätten.

An einem der letzten Wochenenden in Tinas Berliner Wohnung rief unerwartet Marianne an. Sie teilte mir mit, dass sie nun endlich fest in Berlin wohne, die Adresse brauche ich aber gar nicht wissen, es reiche ja, dass sie mir ihre E-Mail-Adresse gebe, das sei sowieso viel universeller, ortsunabhängig und zeitlos. Sie habe keinen Festnetzanschluss mehr, nur ein Prepaid-Handy. Einen Teil ihrer geschäftlichen Aktivitäten wickle sie inzwischen nun doch aus verschiedenen Gründen, wobei Achim der triftigste davon sei, unter einem anderen Namen ab. Vor kurzem habe er sie nochmals auf offener Straße beschimpft, deshalb sei es ihr wichtig, dass er ihre neue Adresse nicht erfahre. Trotzdem sei die Angelegenheit weitgehend ausgestanden, Achim habe zwar ursprünglich eine Anwaltskanzlei damit beauftragt, gegen sie und das Theaterstück vorzugehen, doch dieser sei ein Formfehler unterlaufen, woraufhin die Klage nicht angenommen wurde. So wie es aussehe, reiche Achims Kraft nur noch für ein paar Kraftausdrücke, wenn er sie durch Zufall auf der Straße treffe, aber nicht mehr für weitere juristische Schritte. Dann verabschiedete Marianne sich überraschend und legte auf. Ich konnte ihr gar nicht mehr sagen, dass die Telefonnummer, die sie gewählt hatte, mitsamt der zugehörigen Adresse schon fast der Vergangenheit angehörte. Ihre E-Mail-Adresse gab mir zwar die Möglichkeit, ihr so viele Informationen zukommen zu lassen, wie ich wollte, doch ich wollte gar nicht. Ich hätte sie gerne mal wieder persönlich getroffen, oder, besser noch, mit ihr zusammengearbeitet, aber das Leben hatte sich inzwischen so entwickelt, dass das nicht zur Debatte stand. Und so erwartete ich vor ihr auch keinen nennenswerten Einfluss mehr auf den weiteren Verlauf meiner Aktivitäten.


Inhaltsverzeichnis

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Medialismus, Roman: 40. Kapitel

6 Gedanken zu “Medialismus, Roman: 40. Kapitel

  1. Gerhard schreibt:

    „…ihr so viele Informationen zukommen zu lassen, wie ich wollte, doch ich wollte gar nicht.“
    Sehr schön! Irgendwann muß ja auch mal Schluß sein mit dem Zuquasseln. 🙂

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  2. @Dennis: Ich würde sogar noch weitergehen (basierend auf eigener Erfahrung): Je besser man digital vernetzt ist ((Mobil-)Telefon, Skype, SMS, WWW, E-Mail, WhatsApp, Facebook etc.), desto unwichtiger wird es, wo man lebt, um „dabei“ zu sein. Gut, das hat natürlich Grenzen, aber die verschieben sich immer mehr in Richtung „Fernanwesenheit“. M. a. W.: Es wird – in diesem Zusammenhang! – immer unwichtiger, wo man lebt. Auf der anderen Seite differieren für mein Gefühl die kohlenstoffweltlichen Lebensbedingungen (Mieten, Lebenshaltungskosten, Infrastruktur, Umweltbelastung, „Lebensqualität“) in Metropole und Provinz immer stärker – zugunsten der Provinz!

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  3. Gerhard schreibt:

    Es relaviert den Umstand, daß man in der Provinz lebt. „Feinstoffliche“ Anregungen, wie sie es nur in Großstädten wie Berlin gibt, bekommt man nur als geruchlose Attrappe auf den Schirm! Besser, sie direkt, unmittelbar erleben zu können.
    Ich war (und bin) ein Fan des Schauspielers Günter Lamprecht. Oft gesehen im TV, war es ein unvergleichlich höheres Erlebnis, ihn live erleben zu können, nur wenige Meter von mir entfernt. Man wird da Sachen gewahr, die man auf dem Screen sicherlich nicht so wahrnehmen kann.

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  4. @Gerhard: Wie gesagt, die „Fernanwesenheit“ hat nicht nur Vorteile. Aber wo wir grade beim Theater sind: Sitzt man erst mal drin, so mitten in der Reihe z. B., und Stück wie Performance werden langsam unerträgllch oder einfach nur unerträglich langweilig, dann muss ich mich schon ziemlich überwinden, mittendrin aufzustehen, böse Blicke und Zischlaute erntend, um den Weg ins Freie zu erreichen… Auch bei Konzertbesuchen ist mitunter der Punkt des „Das war jetzt gut, besser kann’s nicht mehr werden“ schon weit vor dem Ende des Abends erreicht, aber man bleibt halt noch – und nimmt das schwache Ende auch noch mit. Warum eigentlich? Ich sehe das immer weniger ein (das hat auch nichts mit kultureller Übersättigung zu tun, denn wenn ich begeistert bin, bleibe ich natürlich bis zum Schluss und fordere frenetisch Zugaben, bis die KünstlerInnen sich schließlich erweichen lassen – und so muss es doch eigentlich sein, oder?).

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  5. Gerhard schreibt:

    Nun gut, ich habe in Berlin auch schon Aufführungen erlebt, die unerträglich waren. Aber da blieb ich sitzen, weil ich die Künstlerin, so sie eine war, nicht beschämen wollte, wozu bitte auch?. Andere gingen. Ich war der Meinung, daß es mir nicht wehtun wird, vielleicht weitere 40 Minuten auszuharrenn.
    Wenn es im Kabarett oder Konzert eine Pause gibt, dann gehe ich selbstverständlich, wenn mir danach ist. Das ist gut möglich.
    Im Kino belege ich stets einen Aussensitz, den ich als solchen ganz gelegentlich benutze, um zu gehen.

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