Medialismus, Roman: 41. Kapitel

Ralf SchusterEiner der Gründe, weshalb Tina zu mir in die Provinzstadt gezogen war, bestand darin, dass sie auf offener Straße eine Plakatwerbung gesehen hatte, auf der nach Arbeitskräften gesucht wurde und zwar von einer Firma, die offensichtlich direkt hinter dem Plakat in einem frisch renovierten Fabrikgebäude untergebracht war. Sie gab zu, dass sie es für aussichtslos hielt, sich solange zu bewerben, bis irgendwo in der großen Bundesrepublik genau das Arbeitsplätzchen für eine Kunstgeschichtlerin mit wenig ausgeprägtem Selbstvertrauen gefunden worden wäre, das auf ihre Qualifikationen zugeschnitten war und höchstwahrscheinlich wäre es dann in einer fremden Stadt, in der sie nicht wohnen wollen würde. Stattdessen erlag sie der Faszination, dass jemand genau dort Arbeitskräfte suchte, wo sie gerade spazieren ging. Da sie es am Telefon des Autovermieters schon so lange ausgehalten hatte, glaubte sie, es könne in einem Callcenter auch nicht schlimmer sein. Es war einer der Arbeitsplätze, der durch die zunehmende Digitalisierung und den Ausbau der Kommunikationsnetze entstanden war. Nur ein Gelegenheitsjob, der sich zur Überbrückung anbot, aber Tina hatte leider keine richtige Vorstellung, wohin sie überbrücken sollte. Trotzdem ging es uns ausgesprochen gut, vor allem im Sommer. Wir wohnten in meiner sonnigen Vierzimmerwohnung mit Aussicht auf den Park, Freunde winkten uns von unten zu und wir gingen runter, um mit ihnen auf der Wiese am Springbrunnen eine Flasche Wein zu trinken.

An einem Samstag, an dem Tina zur Wochenendschicht eingeteilt war, erkannte ich den Kommunikationstechnologieexperten, der mit einer uneinheitlich aussehenden Gruppe von jungen Leuten Boule spielte. Wie sich herausstellte, waren zwei von ihnen Informatikstudenten, einer langhaarig mit durchlöcherter Jeans, der andere jung und so brav aussehend, als hätte ihn Mutti vor dem Verlassen des Hauses noch mal gekämmt und ein Butterbrot zugesteckt. Dann gab es noch eine junge Frau, die mit ihrem Kurzhaarschnitt von weitem wie ein Mann wirkte und die neue Kollegin des Kommunikationstechnologieexperten war. Sie habe ja schon von mir gehört, sagte sie bei der Begrüßung, ob ich der mit den Komprimierungsproblemen sei. Was hatte man da schon wieder von mir erzählt, fragte ich mich, aber in der Tat drehten sich die Gespräche, die ich mit dem Kommunikationstechnologieexperten führte, oft um die Frage, wie es die anderen schafften, ihre Videos im Internet in bester Qualität laufen zu lassen, während alle meine bisherigen Versuche schrecklich aussahen, übersät von Artefakten und Störungen, oft genug ruckelten sie, das Bild blieb stehen oder die Übertragung brach ganz ab. Ich antwortete, dass ich tatsächlich Komprimierungsprobleme habe und dazu stehen würde, außerdem liebte ich Redundanz. Bei dieser Aussage fühlte ich mich, als sei es das Bekenntnis in einer Selbsthilfegruppe. Redundanz ist cool, sagte der langhaarige Student, aber in der digitalen Welt könne man sie sich noch nicht leisten. Armselig, sagte ich, während ich mit dem Korkenzieher an der Weinflasche herumfummelte.

Wie nicht anders erwartet, widersprach die androgyne Kollegin. Komprimierung sei ökonomisch, sagte sie und deutete auf die Boule-Kugeln. Meine Kugel lag gerade in der besten Position. Wenn ich beschrieben habe, wo alle diese Kugeln liegen und ich werfe eine dazu – was sie auch machte, wobei ihre Kugel knapp an meiner vorbei kullerte und weit hinten landete -, dann brauche ich doch zur Darstellung des Endzustandes nicht noch mal die Position aller Kugeln zu beschreiben, es genüge die Feststellung, dass eine Kugel dazugekommen sei, deren Position ich angeben könne. Dann habe ich alle Information, die ich brauche. Mit lautem Plopp zog ich den Korken aus der Flasche. Ob das nicht unnötig kompliziert sei, fragte ich, aber der brav aussehende Student musste auch noch seinen Senf dazugeben: Es wäre noch ökonomischer, den Endstand der Kugeln zu notieren und den kompletten Spielverlauf daraus rückwärts zu beschreiben. Damit arbeiteten die effektiven Komprimierungsmethoden, die einzelne Bilder des Filmes durch ihre Veränderung zu nachfolgenden Bildern beschrieben. Das sei eine durchaus elegante Methode. Vorher werde aber natürlich geprüft, welche Beschreibung einfacher sei, die von vorne oder die von hinten. Mir war noch gar nicht klar, was das bedeutete, es kam mir aber sehr geheimnisvoll vor.

Das klingt nach Zeitreise, meinte die androgyne Kollegin versöhnlich, ist es aber nicht, denn im Computer sei es kein Problem, die Daten von mehreren Bildern gleichzeitig im Arbeitsspeicher liegen zu haben, die alle zugänglich sind und nicht, wie bei einer Filmrolle, immer nur einzeln erfasst und dann vergessen werden. Die analoge Technik sei doch extrem grobschlächtig und unflexibel, total auf das JETZT fixiert. Wenn der Film aus dem Internet komme, so müsse der Rechner nur einen Pufferspeicher füllen, um die zehn, zwanzig oder hundert Bilder, die für die Decodierung nötig seien, vorliegen zu haben, eventuell seien das vier Sekunden, eine Zeitverzögerung, die aber niemandem weh tue. Vier Sekunden tun niemandem weh? fragte ich ungläubig. Mir schon, ich leide unter jedem der 25 Bilder pro Sekunde, das nicht rechtzeitig erscheine. So sei das nicht gemeint, beschwichtigte mich die androgyne Kollegin, es gebe nur eine einzige Verzögerung, nämlich die, wenn der Film starte und danach … Ich schmiss erst mal meine Kugel und knallte gleich zwei gegnerische davon, was mir aber nichts nützte, da meine eigene am allerweitesten ins Abseits geriet. Trotzdem gab ich mich nicht geschlagen. Diese schamlose Sympathie, die meine Boulepartner der Komprimierung entgegenbrachten, passte mir gar nicht.

Es sei ja, fuhr ich fort, herumzukritisieren, nicht nur eine Frage der Eleganz, sondern auch der Sicherheit. Damals, bei den S-VHS-Kassetten, da habe eine kleine Störung auf dem Magnetband, wie sie durch ein Staubkorn verursacht werden könne, dafür gesorgt, dass eine einzelne Zeile eines Videobildes zerstört wurde, dies konnte durch die Verdopplung der benachbarten Zeile aber wieder repariert werden. Bei den DV-Bändern, die ja viel kleiner seien, führten aber ähnliche Störungen auf dem Band dazu, dass gleich ein ganzes Bild unbrauchbar werde, komplett. Aber bei diesen höheren Komprimierungsmethoden, die von einem Bild zum anderen arbeiteten, da könne ein ebenso kleiner Fehler mehr als eine Sekunde des Materials vernichten, weil sich der Fehler fortpflanze, durch die Bilder hindurchziehe, und das sei sehr bedrohlich, eine heimtückische Gefahr. Wenn man Videobilder als Gefahr sehen will, dann ja, meinte schnippisch die androgyne Assistentin und verkannte offenbar den Ernst, mit dem ich die Angelegenheit sah. Trotzdem gelang es mir nicht, ihre gut platzierte Boulekugel weg zu schießen.

Stattdessen quälte sie mich auch noch mit ihren Weisheiten über Fehlerkorrekturverfahren. Denn Fehler gebe es ja überall, auch in der Digitaltechnik. Es sei bei weitem nicht so, dass die Eins von der Null immer zweifelsfrei unterschieden werden könne, aber in allen Speichersystemen gebe es Korrekturverfahren, die einzelne Fehler komplett wegbügelten, doch wehe, wenn die Anzahl der Fehler einen kritischen Wert überschreite, dann breche der Leseprozess auf dem Datenspeicher zusammen, und mit etwas Pech sei alles weg, dann stecke die CD, die DVD oder die Kassette im Laufwerk und der Bildschirm bleibe schwarz oder blau oder zeige eine Fehlermeldung, je nach Gerät. Unterhalb der kritischen Fehlerhäufigkeit sehe man gar keine Störungen, oberhalb des kritischen Wertes sinke aber der Informationsgehalt schlagartig auf null, sagte mein Freund, der Kommunikationstechnologieexperte. Das beunruhigte mich sehr. Würden meine digitalen Magnetbänder in einigen Jahren plötzlich unbrauchbar werden und die Filme verschwinden? Ja, das könne durchaus der Fall sein, meinte die androgyne Kollegin und alle anderen Informatik-Experten nickten zustimmend. Der Erdmagnetismus und die Selbstmagnetisierung seien schuld.

Man hatte mich also gewarnt. In den folgenden Jahren hätte ich mich dringend mal darum kümmern müssen, die Daten von den Magnetbändern auf ein anderes Medium zu transferieren. Aber wenn ich mir die alten Bänder anschaute, merkte ich, dass die Erinnerung schöner war, als die Filme. Das nahm mir die Motivation, mich darum zu kümmern und ich schob die Aufgabe Jahr für Jahr vor mir her. Ursprünglich, als ich begann, mit digitalem Video zu arbeiten, hatte ich mir viele Gedanken gemacht und fühlte mich sicher dabei, die fertigen filmischen Werke auf die Magnetbandkassetten zu speichern. Das war die Lösung mit der geringsten Komprimierung, was angeblich eine gute Voraussetzung sei, um die Filme noch mal weiterzuverarbeiten oder neu zu schneiden. Allerdings machte ich das dann doch nie. Stattdessen lagen die Magnetbänder nur rum, und ihre Langzeithaltbarkeit beim Rumliegen war vergleichbar schlecht. Später wollte ich sie einfach nur abspielen, das war das einzige, was ich wollte und dieses einfache Abspielen, das ging dann nach weiteren zehn oder fünfzehn Jahren bei der einen oder anderen Kassette nicht mehr. Es war so, wie es mir die Fachleute im Park vorhergesagt hatten: ganz oder gar nicht. Trotzdem blieben die wichtigsten Filme erhalten, weil von ihnen Kopien, Internetversionen, Dateien oder zusätzliche DVDs vorhanden waren. So hatten sich einige unwichtige Filme von alleine verabschiedet. Nicht nur die Daten wurden komprimiert, sondern auch mein Archiv.

Die chemischen Filme verschwanden allerdings nicht. Die Filmdosen im Regal sahen sehr dekorativ aus, während der Projektor längst den Geist aufgegeben hatte. Was die Langzeitarchivierung meines Lebenswerkes anging, waren das schlechte Aussichten und der Kommunikationstechnologieexperte ein schlechter Boulespieler. Auch ihm gelang es nicht, die Kugeln unserer Gegner wegzuschießen. Wir verloren haushoch und es wurde noch schlimmer, als Tina von der Arbeit kam. Sie sah uns von weitem und ging daraufhin gar nicht ins Haus hinein, sondern zu uns, um meine Mannschaft zu verstärken. Sie wirkte ziemlich fahrig, schmiss die Kugeln ohne Optimismus, aber mit zynischen Kommentaren. Die anderen sollten acht auf ihre Eier geben, war ihre beliebteste Redewendung beim Werfen. Wenn es ihr gelang, jemanden von der Spitzenposition zu verdrängen, sagte sie: Schluss mit der Erektion! Meistens scheiterten ihre Attacken und häufig endete es damit, dass sie selbst in letzter Sekunde rausgekickt wurde. Schließlich verabschiedete sich die Informatik-Clique.

Wir gingen in die Wohnung und Tina saß wieder mal so verknotet auf dem Küchenstuhl, wie ich es von ganz früher kannte. Beide Beine auf der Sitzfläche, dazu hatte sie einen großen Schlabberpullover übergestreift, unter dem sie eines ihrer angewinkelten Beine verstaute. In der Wochenendschicht gebe es immer viele obszöne Anrufe, sagte sie schließlich, damit habe sie heute Pech gehabt. Dumme Wichser, die in der Hotline des Bestellservices plötzlich anfingen, von ihrem Schwanz zu erzählen, oder sie anmachten und fragten, wie sie ihre Möse stopfe. Das sei unangenehmer, als sie zugeben wolle, obwohl man die Leute wegdrücken könne, aber manchmal kämen die dann wieder, nochmal in die gleiche Leitung, speziell am Wochenende seien ja gar nicht so viele Mitarbeiter da und dann quatschten diese Menschen so eine unschuldige Telefonistin mit ihren Wichsfantasien voll, sie müsse gleich kotzen, wenn sie zu viel darüber erzähle oder sich einfach nur daran erinnere. Ich wusste gar nicht, was ich dazu sagen sollte. Es wunderte mich, dass Tina so mitgenommen war, da ich sie robuster eingeschätzt hatte. Einige Kolleginnen drückten dann einfach das Headset-Mikrofon in die Ohrmuschel, erklärte sie, das ergebe sofort eine entsetzlich pfeifende Rückkopplung, die gut sei, um die Wichser zu vertreiben, oder auch, um sich eine Genugtuung zu verschaffen. Sie selbst empfinde das Piepen als zu nervig. Außerdem sei es gar nicht das Problem, die Typen aus der Leitung zu schmeißen, sondern die Tatsache, dass sie sich mit ihren Selbstbefriedigungsgedanken nicht zurückhalten könnten, das mache sie fertig, das sei etwas, was ihr überhaupt nicht in den Kopf gehe. Der Tag sei ihr leider völlig verdorben.


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