Lehmann in Warschau

Eine Präsentation in englischer Sprache vom 28. November 2015. Bemerkenswert die Informiertheit und Interessiertheit des polnischen Publikums. Organisiert wurde der Event von Monika Pasiecznik (Fundacja Bęc Zmiana), die auch Lehmanns Buch „Die digitale Revolution der Musik“ (2012) ins Polnische übertrug.

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Lehmann in Warschau

2 Gedanken zu “Lehmann in Warschau

  1. Danke für den Hinweis zu diesem Vortrag. Gut durchdacht und in allen Punkten nachvollziehbar, deswegen sehr überzeugend. Umso beeindruckender, dass Lehmann auf Englisch vorträgt. Starker Beitrag zum Diskurs. Nur warum bleibt er auch in der englischen Version beim Terminus „Gehalt“, wäre „Content“ nicht bedeutungsgleich und international verständlicher? Das deutsche Wort impliziert, dass es sich um ein rein deutsches Phänomen handelt, liege ich mit dieser Einschätzung falsch?
    Wie überhaupt ist die Lage der Neuen Musik, wenn man mal etwas Abstand nimmt und über Deutschland oder gar Europa hinausblickt? Sind die Zustände und die daraus resultierenden Probleme, die Lehmann vollkommen zu Recht anspricht, woanders überhaupt existent? Alle seine Beispiele stammen aus dem deutschsprachigen Raum. Liegt es vielleicht auch an der absurden Trennung von Kunst- und Unterhaltungsmusik (E&A), die es so ja nur in Mitteleuropa und speziell in Deutschlang gibt, dass so ein Paradigmenwechsel überhaupt formuliert werden kann? Habe den Eindruck, dass andere westliche Musikkulturen (z.B. USA) da wesentlich entspannter damit umgehen, bzw. vielleicht gar kein prinzipielles Problem erkennen.

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  2. @Dennis: „Gehalt“ wurde – das weiß ich aus erster Hand – bewusst unübersetzt gelassen, da es kein englisches Wort gibt, das die Bedeutung genau wiedergibt. Content ist „Inhalt“, ganz wertfrei und rein quantifizierend. „Gehalt“ dagegen impliziert ein qualitatives Moment und wäre so etwas wie content + sense bzw. content + meaning, also ein Inhalt, der seine „Relevanz“ bereits unter Beweis gestellt hat.

    Das deutsche Wort impliziert, dass es sich um ein rein deutsches Phänomen handelt, liege ich mit dieser Einschätzung falsch?

    Nein, da liegst du sogar sehr richtig. HL beschreibt in seiner Musikphilosophie (neben vielem anderen!) m. E. die inhaltliche Entleerung der Neuen Musik durch ihre Über-Institutionalisierung / „Verbeamtung“ – und liegt damit übrigens auf einer Linie mit Klarenz Barlow, einem (allerdings komplett verkannten) Whistleblower der Neuen Musik. In dem Interview, das ich vor zwei Jahren mit Barlow führen durfte, sagte er zu diesem Thema unter anderem: „Ich schäme mich nicht, öffentlich zu sagen, dass ich das Gefühl habe, dass die Qualität runterging, weil die Auftraggeberei zu einem Automatismus wurde und die Leute nur noch von einem Auftrag zum anderen lebten. Ich kannte Leute in meinem Alter, die keine Zeit hatten, Essen zu gehen, weil sie schon wieder an drei verschiedenen Aufträgen gearbeitet haben. […] Aufträge sollen gegeben werden, aber Komponisten sollen nicht von Aufträgen verführt werden, schon wieder ein neues Stück zu produzieren, ohne auf die Qualität zu achten.“

    Wie überhaupt ist die Lage der Neuen Musik, wenn man mal etwas Abstand nimmt und über Deutschland oder gar Europa hinausblickt?

    Auch hier lasse ich gerne nochmals Barlow zu Wort kommen, der Deutschland, die Niederlande und die USA aus persönlicher Erfahrung kennt: „Letztlich sind die europäischen und das amerikanische System vergleichbar. […] Die USA sind eigentlich fein raus, weil die Kunst da staatlicherseits sowieso kaum unterstützt wurde. Es sind dort die reichen Leute, die einen gewissen Sinn für Kultur haben – weniger für Neue Musik allerdings als für Bildende Kunst. […] Ich habe in den USA eine Kollegin, die Millionen jedes Jahr auftreiben kann, indem sie ständig Briefe schreibt und um halb acht Uhr morgens Millionäre zum Frühstück trifft. […] In den USA bekommen manche Komponisten, deren Musik ich nicht besonders gut finde, sehr viel Unterstützung von Industriellen, und es gibt andere, die sehr gute Kunst machen, aber nicht die richtigen Leute kennen oder nicht wissen, wie man … Bittbriefe richtig schreibt.“ Du siehst, das mäzenatische Modell scheint auch seine Nachteile zu haben!

    Liegt es vielleicht auch an der absurden Trennung von Kunst- und Unterhaltungsmusik (E&U), die es so ja nur in Mitteleuropa und speziell in Deutschland gibt, dass so ein Paradigmenwechsel überhaupt formuliert werden kann?

    Die zentrale These von HLs Buch ist ja, dass die Digitalisierung der Musik „kollateral“ zu einer Ent-Institutionalisierung der Neuen Musik führt. Dass durch die Segnungen der Technologie jetzt „jeder“ „professionell klingende“ Musik fabrizieren kann, gilt global und unspezifisch, also für jede Art von Musik. Für Deutschland mag das etwas bitterer sein als für die USA, da hierzulande die institutionalisierte Neue-Musik-Welt bisher eine Art ästhetisches Monopol für sich in Anspruch zu nehmen können glaubte – was aber schon immer eine Anmaßung war, da es selbstverständlich auch in Deutschland stets coole Kunstmusik außerhalb der „Neuen Musik“ gab, ich sage nur Free Jazz, Krautrock, Genialer Dilettantismus, Postpunk. Lehmann sagt eigentlich nur, dass den Vertretern des „Dispositivs“ Neue Musik nach der Digitalisierung allmählich die Argumente ausgehen, warum ihr elitärer, aufwändiger Apparat eigentlich für die Entstehung „gehaltvoller“ Kunstmusik so alternativlos ist und deshalb weiter von öffentlichen Geldern finanziert werden sollte. Das gilt aber m. E. genau so für den institutionalisierten Jazz- & Pop-Bereich, nur eben nicht so extrem, denn ich kenne keinen Singer/Songwriter oder Jazzmusiker, der, wie das Barlow beschreibt, ausschließlich von staatlichen Aufträgen leben würde.

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