Feinbergiana-Pause #5

feinberg_jungEs ist wie verhext: Wieder nicht geschafft, mich über die Protokollierung der letzten noch ausstehenden Feinbergsonate zu machen. Und nächste Woche wird’s wahrscheinlich auch nichts. Aber dann.

Was ich allerdings geschafft habe, ist die Fortsetzung der Lektüre des Suhrkamp-Wälzers „Selbstbeobachtung“, dessen Ideen zu einer „Psychologie des Denkens“ nach Oswald Wiener ja die zentrale Anregung für dieses Projekt war. Habe grade den Beitrag Johannes Ullmaiers (testcard) hinter mir, der sich auf der Suche nach verlorenen ProgRock-Ohrwürmern selbst beobachtet und diese Selbstbeobachtung mit bewunderungswürdiger Akribie mitprotokolliert hat.

Leider weiß ich immer noch nicht genau, warum mich dieser ganze Ansatz (Wiener, Raab) so nachhaltig fasziniert, bzw. ob er überhaupt sinnvoll ist. Aber ich folge hier – wie immer – zunächst meinem Instinkt.

Feinbergiana-Pause #5

5 Gedanken zu “Feinbergiana-Pause #5

  1. Gerhard schreibt:

    Selbstbeobachtung = Selbstliebe?
    Durch was ist „Selbstbeobachtung“ hier genau charakterisiert? Ich kenne eine Art Selbstbeobachtung durch Führen eines Tagebuchs..da gehört ausser Fakten auch Unverdautes rein – in der Hoffnung bzw. Erwartung, daß sich ein Kern dahinter zeigt. Aber auch ohne Entwirrung und Benennung von Eigenheiten kann es ein Akt der Liebe sein, zu lauschen, sich wahrzunehmen.

    Gefällt mir

  2. @Gerhard: Bei Selz/Wiener/Raab geht es eher wissenschaftlich zu, d. h., man versucht, eine Methodologie der Selbstbeobachtung (wieder-)zuentdecken und zu kanonisieren, die sich als nicht-rechnergestützter Beitrag zur Kognitionsforschung versteht. Man will damit – so der Klappentext des Buches – ein Feld eröffnen, „das gerade in Zeiten des Scheiterns statistischer Allmachtsphantasien in den Sozialwissenschaften besonderes Interesse verdient.“ Gemeint ist hier wohl das Scheitern behavioristischer Ökonomietheorien angesichts der seit 2007 wütenden globalen Finanzkrise (will sagen, es gab [fast] keine ökonomische Theorie, die diese Krise prognostizieren konnte – der Realität war es schlicht egal, welche Modelle diverse Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften entworfen hatten). Einzig „Verhalten“ (also z. B. Konsumverhalten), so diese Theorie, sei (extern) beobacht- und quantifzierbar, jedwede „Innenschau“ eines Individuums sei bestenfalls „interessant“, aber letztlich nicht objektivierbar.

    Thomas Raab empfindet gegenüber der „Innenwelt-losigkeit“ unserer Gegenwart (man kann es auch einfach „De-Humanisierung“ nennen) ein tiefes Unbehagen, das ich rundweg teile. Er drückt das in der Einleitung zu „Selbstbeobachtung“ u. a. so aus: „Je fremder das Gegenüber, … desto eher nehmen wir es als Reiz-Reaktions-Maschine wahr. Auch die geradezu wehrlose Hinnahme behavioristischer Marketing- und Managementtechniken, auch von Seiten eines Großteils der ‚Eliten‘, beweist, wie sehr der Behaviorismus … zur Weltanschauung geworden ist – und angesichts der immer notwendigeren Massenverwaltung wohl auch bleiben wird.“ (Raab S. 11)

    Gut, den letzten Halbsatz kann man natürlich leicht unter „österreichischer Fatalismus“ abbuchen (Wiener und Raab sind Österreicher), der wissenschaftlichem Aufbruchsdenken wohl eher im Wege steht, vielleicht ist es aber auch nur eine Form von „gesundem“ Realitätssinn.

    Denn wenn ich das Projekt „Selbstbeobachtung“ im Wiener/Raab’schen Sinn (Otto Selz war ein deutscher Vorläufer, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts wirkte und im Konzentrationslager starb) richtig begreife, geht es hier keineswegs um irgendeine Form von esoterischer „Innerlichkeit“, der das Wort geredet werden soll angesichts der so schröcklich böhsen materialistischen Welt, sondern eher um den Versuch einer qualitativ begründeten „objektiven Grenzsetzung“ des quantifizierenden behavioristischen Zugriffs auf die Dinge.

    Anders gesagt, die quantifizierende Verwaltung der Welt mithilfe von statistischen Daten ist zwar „im Grunde“ alternativlos, dabei darf aber nicht ganz in Vergessenheit geraten, dass „die Gesellschaft“ lediglich eine (wenn auch ungeheuer große) Ansammlung von Individuen ist. Der Behaviorismus hat aber keinen Begriff davon, wie diese Individuen für sich selbst eigentlich „ticken“ (denn, wie gesagt, er negiert, dass es überhaupt Formen produktiver Innenschau gebe). Auf der anderen Seite basiert das moderne Rechtssystem aber weiterhin unhinterfragt auf der „idealistischen Vorstellung individueller Tatverantwortung – auf dem mit freiem Willen ausgestatteten Rechtssubjekt“ (Raab, S. 12). Und hier liegt, denke ich, der Hund begraben. Eine Weltanschauung, die jegliche Form von „Innerlichkeit“ verwirft, maßt sich dennoch an, die Lebenswelten der Individuen komplett zu designen (Marketing, Werbung, Design, Nudging etc.). Operativ wird also die Existenz eines handlungssouveränen Subjekts stets geleugnet, wenn es allerdings bsp.weise um Alkohol am Steuer geht, nicht. Das Individuum wird also nur noch gebraucht, wenn es um seine Bestrafung geht. In allen anderen Lebenszusammenhängen unterliegt es staatlicher bzw. privatwirtschaftlicher Gestaltungssouveränität. Fies, oder?

    ABER: Ich kann das nicht beweisen, aber ich denke, dass dieses „Austrocknen“ des individuellen Innenraums langfristig auch zu einer „Ausrottung“ von echtem, sich nicht durch Konsumgewohnheiten definierenden, Individualismus führen wird (bzw. – let’s face it – längst geführt hat). Und damit zu einer „Austrocknung“ von Kreativität. Dies wiederum führt langfristig zu einem Stocken des allgemeinen gesellschaftlichen Innovationsprozesses. Damit hätten sich die behavoristischen Strategien zu Tode gesiegt und letztlich selbst ad absurdum geführt, denn sie wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts (Skinner, Pawlow) einst begründet, um „objektive Erkenntnis“ über die menschliche Seele jenseits von psychoanalytischer oder tiefenpsychologischer Spekulation zu erbringen, waren also ein produktives Werkzeug des Fortschritts. Dieses aber verliert m. E. seine Produktivität, sobald es auch zum Konstrukteur der Gegenwart wird, weil es kein „Außen“ und kein Gegenüber mehr hat. Die Gesellschaft wird steril und damit „hyperstabil“. Sie ist in ihrem eigenen Feedback-Loop gefangen.

    Behavioristische Strategien sind umso erfolgreicher, je prognosemächtiger sie sind („Trendforscher haben vorausgesagt, dass … und exakt so ist es gekommen.“). Dies lässt sich aber m. E. nicht unendlich skalieren, d. h. eine maximal konformistische, maximal in all ihren Konsum- und Lebensgewohnheiten „formbare“ Gesellschaft wäre gar keine mehr, sondern etwas anderes. Eine Art Eloi/Morlock-Segregation (Eloi=glückliche Konsumentin, Morlock=wissender Sozialingenieur) beginnt dann um sich zu greifen, bzw. – let’s face it again – sie existiert bereits, wird aber nur selten so benannt (wir leben schließlich in einer Demokratie, gell?).

    Finstere Aussichten? Vielleicht, aber man darf über diese Zusammenhänge ruhig mal ernsthaft nachdenken, wie ich finde.

    Gefällt mir

  3. Gerhard schreibt:

    Danke.
    „Der Behaviorismus …negiert, dass es überhaupt Formen produktiver Innenschau gebe“.
    Eine Form produktiver Innenschau ist ja bekanntermassen die Analyse und Bewertung der eigenen Träume. Selbstverständlich gibt es auch hier die Auffassung, daß Träume belanglose Spielereien des Gehirns seien. Doch wer Nutzen aus einer entspr. Selbstschau gezogen hat, kann dem nicht ganz zustimmen.
    Im Schreiben selbst, im Versuch der Beschreibung von Empfindungen, lernt man manchmal einiges hinzu und sicher nicht Details eines eingebildeten Persönlichkeits-Netzes, das sich quasi als Konstrukt vor uns ausbreitet.
    Deinen Pessimismus, Stichwort „ Austrocknen von Kreativität“, mag ich eigentlich nicht teilen. Sicher gibt es einen konformistischen Sog, doch fehlen mir Anzeichen dafür, daß es mit uns als Individuum bergab geht.

    Gefällt mir

  4. Gerhard schreibt:

    Ja, beeindruckend. Dennoch mag ich die im Text genannten Horrorszenarien nicht ohne Weiteres glauben wollen.
    Suchtstrukturen gab es schon immer (ich erinnere mich als Junge Samstag von 13:00 bis 1:00 nonstop TV gesehen zu haben). Es kann durchaus sein, daß jetzt ein grösserer Prozentsatz als ehedem gefährdet ist und wie der Bericht sagt, dadurch schlicht nicht lernt zu kommunizieren.
    Das mit den Handys ist mir schon 2001 in Tokyo aufgefallen. Wirklich ein jeder schien auf das damals kleine Viereck zu schauen und niemand schien die Gaukler oder die Mädchengruppe wahrzunehmen.

    Gefällt mir

Kommentieren:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s