Artificial Intelligence reloaded

Lee SedolDie Anzeichen mehren sich, dass das gute alte, zwischendurch bereits totgesagte Menschheitsprojekt „Künstliche Intelligenz“ (Artificial Intelligence bzw. AI) gerade eine Renaissance erfährt. Nicht ganz unschuldig daran ist das Programm AlphaGo, das vor Kurzem Lee Sedol, einen der weltweit führenden Go-Spieler, schlagen konnte. Details des offenbar hochdramatischen Matches nebst einigen optimistischen Reflexionen zur gemeinsamen Zukunft von Mensch und Maschine hat Cade Metz hier in einem sehr lesenswerten Artikel für wired.com aufgeschrieben. AlphaGos Triumph, so Demis Hassabis, der Kopf hinter dem Programm, sei mindestens so bedeutsam wie der Erfolg von IBMs Schachautomat Deep Blue gegen Garri Kasparow in den 1990er Jahren. Schaut man sich Hassabis‘ brillante, kurzweilige und – verblüffenderweise – verständliche Präsentation seiner aktuellen Projekte an, ist man doch stark geneigt, ihm da einfach mal zuzustimmen.

Hier die Kurzfassung …

… und hier die sehr lohnenswerte, ebenfalls gut verständliche Langfassung desselben Vortrags:

Googles Deep Dream Generator (DDG), mit dem ich vor einigen Tagen hier mal rumgespielt habe, gehört auch zu Hassabis‘ Projekt. Ich halte den DDG für eine ausgesprochen gelungene Art und Weise, auch interessierten Laien anschaulich zu machen, was Künstliche Intelligenz derzeit kann – und was nicht. Hier wird nicht doziert oder belehrt, stattdessen kann jedermann beliebige Grafikdateien (also z. B. auch eigene Fotografien) selber in den DDG einspeisen. Dieser modifiziert diesen Input recht rasch nach eigenem Gutdünken und gibt die mitunter verblüffenden Ergebnisse anschließend dem Benutzer zurück.

Abschweifung: The Style Morpher Experience

Auf ganz ähnliche Art arbeite ich als Komponist schon seit ca. 10. Jahren mit vorgefundenen Algorithmen. Ich stellte beispielsweise dem Programm Style Morpher „Fragen“, indem ich ihm MIDI-Dateien von Klavierstücken Igor Strawinskys und Erik Satie „vorlegte“. Style Morpher spuckte anschließend unzählige Varianten dieses Inputs aus, die ich dann einer kritischen Beurteilung unterzog: Hatte die algorithmisch generierte Variante den Input „verbessert“ oder nicht? Kurz gesagt: Der Output war fast immer Müll. Aber manchmal war dann doch etwas dabei, was mich faszinierte – und gleichzeitig befremdete. Der Algorithmus hatte die Musik Strawinskys bzw. Saties auf eine Art und Weise „deformiert“, auf die ein Mensch nie und nimmer gekommen wäre (und ein „Komponist“ gleich gar nicht).

Fairerweise muss ich an dieser Stelle erwähnen, dass Style Morpher zur Permutation sehr einfachen, liedhaften musikalischen Inputs konzipiert wurde. Aber genau das hat mich gereizt! Man kann zwar an ein paar Parametern herumschrauben, letztlich lässt sich der Output aber nur sehr grob beeinflussen. Dennoch erkennt man sofort, dass die Programmierer den Ehrgeiz hatten, in Style Morpher so etwas wie eine musikalische Mustererkennung zu implementieren, die bsp.weise „Melodie“ von „Begleitung“ unterscheiden kann, denn was das Programm ausspuckt ist definitiv nicht zufällig, sondern – wenn auch teilweise auf sehr einfache Weise – eine Variante des Inputs. Was passiert wohl, wenn ich diese Black Box systematisch mit komplexer Musik der Klassischen Moderne „überfordere“? Nun, letztlich war ich recht zufrieden mit dem Ergebnis*.

Anschließend erklärte ich diese maschinengenerierte Deformation fremder Einbildungskraft zu meiner Komposition, damit ganz in der Tradition der Konzeptkunst stehend (was mir damals allerdings nicht bewusst war). Eine neue Variante der von mir so geschätzten „digitalen Bastardmusik“ entstand, ein hybrides Werk, dessen Autorschaft ich kackdreist beanspruchte, ohne auch nur eine Note davon im herkömmlichen Sinn komponiert zu haben (Nebenbemerkung: Erst, wenn einer AI-Entität einmal Menschenrechte zugesprochen werden sollten, würde ich sie als Co-Autor angeben und meine Tantiemen mit ihr teilen. Andererseits – wozu braucht ein Roboter eigentlich Geld?).**

Es gibt jedoch einen Haken: Wie bei aller echten Konzeptkunst lässt sich diese Versuchsanordnung zwar beliebig wiederholen, aber dabei kommt nichts prinzipiell Neues mehr heraus. Das Ding ist „durch“. In diesem Sinn bleibt Komponieren so anspruchsvoll und anstrengend wie eh und je und wird durch die Einbeziehung von Algorithmen in keinster Weise „leichter“, außer, man begnügt sich damit, ein einmal gefundenes Produktionsverfahren ad nauseam wiederzukäuen. Es soll ja KünstlerInnen geben, die so arbeiten, solange sich damit Kohle machen lässt.

*

Bezogen auf die Begegnung Lee Sedols mit AlphaGo beschreibt Metz in seinem wired.com-Artikel die allmählich entstehende „Beziehung“ zwischen Mensch und Maschine so:

Just these few matches with AlphaGo, … [Sedol, S.H.] told …, have opened his eyes. This isn’t human versus machine. It’s human and machine. […] The machine that defeated him had also helped him find the way.

aiboGenau so sollte man sein Verhältnis zu allen „intelligenten“ Maschinen definieren. Wir (Menschen) sind sozusagen zum spielerischen Umgang mit den uns jetzt immer häufiger begegnenden Automaten verurteilt, eine andere Kommunikationsform wird nicht möglich sein. „Spielerisch“ heißt hier auch: Ich kann das Ding ruhig kaputtmachen, es überfordern, umbauen, zerlegen – denn es ist nun mal ein Ding, auch wenn es z. B. aussieht wie ein, na ja, Hund (Remember „Aibo„?). Es scheint aber leider einen unausrottbaren Zug im Menschen zu geben, alles, was er nicht versteht, zu anthropomorphisieren, d. h., einer Black Box unzulässigerweise (über-)menschliche bzw. magische Eigenschaften zuzuschreiben. Bei einem Auto oder einem Atari ST erkennt jeder sofort die Schrulligkeit dieses Verhaltens, welches ja letztlich in einer Art von primitivem Ghost in the Machine-Denken wurzelt . Bei den kommenden, tatsächlich halbwegs „intelligenten“ Übersetzungsprogrammen, Fußballspielkommentarautomaten oder auch „mitdenkenden“ Kühlschränken werden allerdings vermutlich sehr viel mehr Menschen, auch die nicht ganz dummen, ins Grübeln kommen: „Woher hat er das jetzt schon wieder gewusst? Das gibt’s doch gar nicht! Ist das Ding am Ende schlauer als ich? Will es etwas von mir?“ – HAL 9000 lässt grüßen.

Man sieht schon: Aufklärung tut Not, denn wir werden in den nächsten 10 – 15 Jahren eine breite gesellschaftliche Debatte zu diesem Thema bekommen. Allerdings (und das prophezeie ich jetzt einfach mal) unter Überschriften wie: „Durch Automat ersetzt: Prominenter Sportjournalist begeht Selbstmord!“ [BILD, BZ, …] bzw. „Besiegelt die neue industrielle Revolution den endgültigen Untergang des Abendlandes?“ [FAZ, SÜDDEUTSCHE, ZEIT, …] oder auch „Welche Jobs von der Roboter-Revolution nicht betroffen sind: Sichern Sie die Zukunft Ihrer Kinder durch die Wahl der richtigen Ausbildung!“ [FOCUS, …].

HAL9000Die Gewerkschaften, die SPD, der Arbeitnehmerflügel der CDU sowie die Linkspartei und der technologiefremdelnde Teil der Grünen werden sich dann wie immer auf die „Seite der Menschen“ stellen und das unschlagbare Arbeitsplatz-Argument verwenden, die Arbeitgeberverbände, der Wirtschaftsflügel der CDU, die FDP und der technologiefreundliche Teil der Grünen werden auf der „Seite der Roboter“ stehen, ihre ebenfalls unschlagbare Argumentation wird ungefähr so gehen: „Automatisierung ist alternativlos, weil sie die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland erhält.“ Die AfD wird Monat für Monat ganz sachlich per Münzwurf entscheiden, welchem der beiden Lager sie angehören möchte. Ironie der Geschichte: Die einzige Partei, die bereits eine mir einleuchtende Lösung*** für das Problem des raschen Wegfalls sehr vieler qualifizierter Arbeitsplätze durch Automatisierung hat, sind die Piraten – doch die befinden sich aufgrund fortgesetzter innerer Querelen seit 3 Jahren im steilen Niedergang und werden, sollte sich der Trend fortsetzen, in Kürze ganz von der politischen Landkarte verschwunden sein.


* Die Sätze 2 und 3 meiner „4 Movements for Player Piano (2005 – 2008)“ sind so entstanden.
** In meinem 3 Jahre alten Manifest „Wer komponiert, ist ein Idiot“ habe ich mir zu diesem Themenkomplex schon mal ein paar Gedanken gemacht. Das Ganze gibt’s auch als Video-Essay. Weiterhin verweise ich auf mein Dramolett „Interaktivität 2.0 – Künstliche Intelligenz und musikalische Komposition“ aus dem Jahr 2012 (Urfassung 1998). Auch aus diesem habe ich, selbstverständlich zum Großteil mit algorithmischen Methoden, Video-Essays fabriziert.
*** Es handelt sich um die Idee eines bedingungslosen Grundeindkommens (BGE).

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Am besten von meiner Leseliste.
Artificial Intelligence reloaded

6 Gedanken zu “Artificial Intelligence reloaded

  1. Gerhard schreibt:

    Der Text gefällt!
    Mir fiel während des Lesens ein, dass es in der Keramik ein “ Verfahren“ gibt, eine verunglückte Skulptur einer “ Neuinterpretation“ zuzuführen, indem man das gute Stück einfach…fallen lässt. Die dabei entstehende zum Teil drastische Deformation kann genutzt werden, um etwas neues, vielleicht Besseres aus der Anfangsidee/Konzeption zu machen. Fast immer ist das möglich. Es gibt selten einen völlig abwegigen Output dabei – wenn man offen ist.
    Ich möchte auch noch etwas zum Thema Spiele sagen.
    Go ist von der Anzahl der möglichen spielvariationen zwar komplexer als Schach, aber das sagt natürlich nichts über die Komplexität des Spiels an sich aus. „Schach“ ist nicht von dieser Erde“, so auch Go. Niemand wird die Frage beantworten können, ob das Spiel Schach theoretisch remis ist. Man geht davon aus, denn es gibt ja die sogenannte Remisbreite, aber es wäre interessant zu wissen, ab welchen Anfangszügen eine Partie definitiv verloren ist. Mathematisch lässt sich dieses Problem nicht fassen.
    Bezüglich eines Sprachcomputers habe ich auch meine Zweifel, was Perfektion anbelangt. Zumindest könnte ein entspr. Programm sicher auswerfen. Mit welcher Sicherheit es jeweils eine Übersetzung anbieten könnte. Bei Lyrik wurde es vermutlich verzweifeln oder eben eine völlig neue lyrik auswerfen. Eine, die man als Mensch sorgsam auf ihre lyrik hin zu überprüfen hätte:-)
    Noch einmal zurück zum Schach: In einer Partie von einem Comp gegen Kramnik fiel auf, dass der Comp bei jedem Zug eine ganz neue Linie verfolgte. Seine einen Zug zuvor „angesteuerte“ linie interessierte ihn nicht mehr. Der neue zughorizont einen Zug später warf eine neue „optimale“ Folge aus. Dieses aus menschlicher Sicht in Fragmenten „unentschlossene“ ist in seiner Gesamtheit dem Menschen überlegen, weil es nie fünftbeste Züge wählen wird, der Mensch aber schon, gerade wenn die Kräfte nachlassen.

    Der Siegeszug des Computers in den Wissenschaften ist eine ganz faszinierende Geschichte. Etwa in der Biologie, bei der man 120-dimensionale Stoffwechseldatenbanken bezüglich evolutiver Routen untersuchen kann.
    Damit will ich es erst mal bewenden lassen.

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  2. http://deepart.io/ ist eine Variante von Google Dreams; dort lädt man immer zwei Bilder hoch, das Ausgangsbild und ein Stilbild, das auf dieses angewendet wird. Meines Erachtens besser (es sei denn, Google Deep Dreams kann das auch, und ich habe es bloß nicht bemerkt)

    „das unschlagbare Arbeitsplatz-Argument verwenden“ – das Argument wird mit zunehmenden technischen Fortschritt immer mehr albern. Die Konsequenz von Robotern ist letztlich entweder eine Art von Allgemeinen Grundeinkommen oder ein Bürgerkrieg.

    (Wobei es natürlich auch die Sicht gibt, dass wenn lästige Putzjobs usw. komplett wegfallen, wieder neue Jobs kreiiert werden, weil die Leute Zeit haben, ihre persönlichen Hobbies in Auftrag zu geben. Ich glaube, das würde aber eine deutlich aufgeklärtere Bevölkerung benötigen. Außerdem – wozu das Theater? Kürzere Arbeitszeiten sind der logische Schritt, wenn es einfach nicht so viel zu tun gibt.)

    Eine auf Musik ausgelegte verbesserte AI von der Art eines DeepArt-Algorithmus (ich rechne mal in den nächsten zehn Jahren damit) könnte meines Erachtens 90% des Filmmusikbedarfs decken. Und wahrscheinlich auch den anderen Komponisten gehörig Konkurrenz machen.

    „Erst, wenn einer AI-Entität einmal Menschenrechte zugesprochen werden sollten, würde ich sie als Co-Autor angeben und meine Tantiemen mit ihr teilen.“
    Ich glaube, wenn es so weit ist, ist eher die Frage, ob sie dir einen Teil an ihren Tantiemen lässt.^^

    Meine Filterblase (danke für das Wort übrigens, ist jetzt Teil meines Wortschatzes) enthält relativ viele AI Enthusiasten, von daher muss ich eher schmunzeln, wenn ich sowas lese wie „wozu braucht ein Roboter Geld?“ – hat die AI ein einprogrammiertes Ziel (utility-function), dann wird sie jeden Cent dazu verwenden, dieses zu erreichen. Hat sie sowas nicht, dann hat sie vermutlich schon irgendwas entwickelt, was einem „Moralverständnis“ oder neutraler einem „Ziel“ entspricht. Und dann ist ebenfalls wieder jeder Cent dafür brauchbar. Solange Geld halt auf der Welt irgendwas tut.

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  3. Gerhard schreibt:

    „Kürzere Arbeitszeiten sind der logische Schritt, wenn es einfach nicht so viel zu tun gibt.“

    Ich denke, dass es in Zukunft mehr denn je zu tun geben wird. Die Konsequenzen unseres Tuns fordern Anpassungen und Nachbesserungen. Wir verändern auch stetig unsere Lebensgrundlagen – da sind jede Menge Korrektiven nötig, damit Leben weiterhin prosperieren kann. Die Frage ist, ob unser Tun noch rechtzeitig erfolgt. Lee Sedol konnte jedenfalls seine Partien nicht mehr retten, als er den Schiefstand zuungunsten von ihm erkannte🙂
    Ich weiß, ein sattsam langweilig-spiessiger Gedanke, aber trotzdem wahr😉

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  4. @knopfspiel: deepart.io hat vermutlich nichts mit Google zu tun, es handelt sich um ein Projekt von Wissenschaftlern der Universitäten Tübingen, Lausanne und Louvain. Trotzdem hochinteressant, danke für den Tipp!

    „Die Konsequenz von Robotern ist letztlich entweder eine Art von Allgemeinen Grundeinkommen oder ein Bürgerkrieg.“ – Das bedingungslose Grundeinkommen habe ich in meiner dritten Fußnote ja erwähnt.

    „Eine auf Musik ausgelegte verbesserte AI von der Art eines DeepArt-Algorithmus (ich rechne mal in den nächsten zehn Jahren damit) könnte meines Erachtens 90% des Filmmusikbedarfs decken.“ – Manchmal habe ich den Eindruck, das ist schon so … obwohl, dann wäre die Musik wahrscheinlich wesentlich besser😉

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  5. @Gerhard: „Der neue zughorizont einen Zug später warf eine neue “optimale” Folge aus. Dieses aus menschlicher Sicht in Fragmenten “unentschlossene” ist in seiner Gesamtheit dem Menschen überlegen, weil es nie fünftbeste Züge wählen wird, der Mensch aber schon, gerade wenn die Kräfte nachlassen.“ – Hochinteressanter Gedanke, danke. Leuchtet auch unmittelbar ein, denn wer denkt schon vor jedem Zug seine gesamte Strategie komplett neu durch – das wäre einfach wahnsinnig ressourcenfressend!

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  6. Gerhard schreibt:

    Anzumerken ist noch, dass ein Schachprogramm innerhalb seines Zughorizonts nicht strategisch denkt, sondern lediglich die Stellungen bei Erreichen des Horizonts miteinander gemäss bestimmter Kriterien vergleicht. Die Kriterien zu definieren ist die eigentliche Kunst. Ich denke, dass aus dem Bündel von sog. Kandidatenzügen derjenige ausgewählt wird, der die beste Bewertung hat und zugleich auch in einem eigens nochmal fur die Kanditatenzüge vergrößerten Horizont noch gut abschneidet. Eine Strategie an sich meine ich ist etwas rein Menschliches. Diese menschl. Strategie ist aus Intuition und Berechnung zusammengesetzt.

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