Rechtspopulismus: Gewonnen hat, wer die Fassung behält

orbanVor ungefähr 2 Jahren erschien hier der Artikel „Rechtspopulismus: Das Denken in der Reuse„, der sich mit einem Blogpost des geschätzten Münsteraner Sozialpsychologen und Mediziners Thomas Grüter auseinandersetzte. Damals ging es mir vor allem darum, die kognitiven Strukturen herauszuarbeiten, mit deren Hilfe das rechtspopulistische Subjekt sich innerlich organisiert. Ich habe das damals im Bild der „Reuse“ zusammengefasst: „Ist man erst mal hineingeraten, führt kein Weg mehr heraus, es bleibt einem nur noch übrig, sich im Kreis zu drehen und dabei immer weiter aufzuheizen. Hat man sich dann schließlich zum „Man-wird-doch-wohl-noch-sagen-dürfen“ als (Pseudo-)Weltsicht durchgerungen, kann man nicht nur jegliche Widerstände und alle Kritik locker abtropfen lassen, nein, diese können sogar noch als Futter für’s eigene, „prinzipielle“ Rechthaben verwendet werden, denn die Reuse hat mehrere Eingänge, aber keinen Ausgang. Das rechtspopulistische „Denken in der Reuse“ ist – so gesehen – ein hermetisches (was erklärt, warum es so schwer ist, begabte Rechtspopulisten in einer Diskussion zu widerlegen): Der Reusenbewohner ist ebenso geschützt („unangreifbar“, weil im Besitz der „Wahrheit“) wie gefangen. Alles außerhalb der Reuse wird tendenziell unsichtbar bzw. entwertet.“

brunnerDie politische Lage hat sich seitdem zweifellos verschärft, deshalb dieses Update, das sich erneut an einem Grüter-Artikel entlanghangelt. Ich mache das, weil ich weiterhin den Eindruck habe, dass die ebenso klugen wie nachvollziehbaren Analysen Grüters (Spezialgebiete: Psychologie irrationalen Denkens und Verschwörungstheorien) außerhalb einer winzigen, szientifisch ausgerichteten Community kaum wahrgenommen werden (woran Grüters Schreibstil keine Schuld hat, er drückt sich verständlich aus und verwendet kaum Wissenschaftsjargon). Dabei soll und kann mein Artikel die Lektüre von Grüters Text nicht ersetzen, in dem es (neben anderem) darum geht, mit welchen Kommunikationsstrategien man der gegenwärtigen irrationalen Angst vor „den Flüchtlingen“ begegnen kann:

dahlStrategie 1: Sprich stets von flüchtenden Individuen bzw. Menschen! Wenn von Flüchtlingen immer nur im Kollektiv oder gar im Kollektivsingular („der typische Kriegs-/Wirtschafts-/Armuts-/Klimaflüchtling“) gesprochen wird, so erhöht das die Angst vor einer buchstäblich anonymen Bedrohung. „Den“ Flüchtling aber gibt es gar nicht, wie jeder, die auch nur kurz ernsthaft darüber nachdenkt, sofort einleuchtet. Es gibt nur eine mehr oder minder große Menge von Individuen, die aufgrund eines grauenhaften Bürgerkrieges ihr Heimatland unfreiwillig verlassen haben, um bei uns Zuflucht zu suchen. Mit einem Flüchtling kann ich umgehen, mit „dem“ Flüchtling nicht. Einen Flüchtling oder auch eine Flüchtlingsfamilie kann ich – wenn ich das denn möchte und wenn mir genügend Ressourcen zur Verfügung stehen – konkret bzw. diskret unterstützen, „die Flüchtlinge“ aber erfüllen mich mit Unbehagen und Sorge („Mein Gott, wie viele sind das eigentlich? Kommen da immer mehr? Da sind doch sicher auch Kriminelle dabei, oder?“ etc.).

stracheStrategie 2: Weise darauf hin, dass der bisherige Umgang der deutschen Bevölkerungsmehrheit mit dem Flüchtlingsproblem das Ansehen unseres Landes in der Welt nicht etwa geschmälert, sondern vermehrt hat! Kein Land wird in Europa und in der ganzen Welt derzeit mehr um seine (relative) Gelassenheit angesichts des kurzfristigen Zustroms von über einer Million meist muslimischer Menschen beneidet als das traditionell christlich und atheistisch geprägte Deutschland. Allerdings eher im Stillen. Während die aktuellen Regierungen Polens oder Ungarns (aufgemerkt, ich sage nicht „die Polen“ bzw. „die Ungarn“) sich bereits im Vorfeld verbarrikadieren wollen, bleibt es in Deutschland, in dem die neue Million ja bereits seit Monaten lebt, relativ ruhig. Natürlich gibt es die AfD und PEgIdA. Aber sie repräsentieren – und das gestehen selbst finsterste Pessimisten ein – weiterhin in keinster Weise die Einstellungen der Bevölkerungsmehrheit. Sie sind nur besonders laut und genießen dadurch mediale Aufmerksamkeit. Grüter: „Deutsche scheinen vor dem Flüchtlingseinstrom weniger Angst zu haben als andere Nationen. Dafür werden sie im Ausland geradezu ungläubig bestaunt.“

soiniStrategie 3: Das breite bürgerliche Engagement für Kriegsflüchtlinge stärkt den zivilgesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland! Es ist eine Binsenweisheit: Gemeinsames Engagement für eine als sinnvoll empfundene Sache stärkt Wir-Gefühl und positives Selbstbild der Gruppenmitglieder. Dennoch scheint in weiten Teilen der veröffentlichten Meinung die gegenteilige Ansicht zu herrschen: Die Flüchtlingskrise bewirke eine Spaltung Deutschlands. Sollte damit eine Spaltung zwischen 90% empathiefähiger Individuen und 10% Psychopathen gemeint sein – dagegen lässt sich leider gar nichts machen, die gab’s schon immer. Gemeint ist aber natürlich etwas anderes: „Gutmenschen“ vs. „Asylkritiker“. Nun, ich denke nicht, dass jeder, der sich „asylkritisch“ nennt, ein Psychopath ist, er lässt lediglich zu, dass humanitären Impulse von Existenzängsten überlagert und damit „neutralisiert“ werden.

dzintarsNatürlich lösen diese 3 Kommunikationsstrategien allein nicht die Probleme. Konsequent praktiziert, können sie aber dazu beitragen, den Kontext, in dem die Debatte geführt wird, zu ändern: von „Bevölkerungsaustausch“ und „Untergang des Abendlandes“ hin zu „humanitärer Verpflichtung“. Dabei geht es selbstverständlich nicht darum, real existierende Sachprobleme schönzureden oder gar „wegzuquatschen“. Doch lassen sich erfahrungsgemäß auch ernsteste Lagen in entspannter, zumindest aber nüchterner Atmosphäre stets einfacher lösen als mit Panik, Hass und Existenzängsten im Hinterkopf. Exakt dieses eher unspektaktuläre, ja fast langweilig wirkende Nüchternbleiben – Frau Merkel kann das zweifellos besser als manch anderer Politiker- ist aber der wahre Feind des rechtspopulistischen „Reusenhirns“. Denn gelingt es ihm partout nicht, seine Gesprächspartnerin durch dreiste Behauptungen aus der Fassung zu bringen, hat der rechtspopulistische Agitator sein Pulver auch schon verschossen, denn die argumentbasierte Diskussion ist seine Sache nicht.

jensenDas rechtspopulistische Kalkül geht immer dann auf, wenn der „Gutmensch“ die Nerven verliert und beginnt, zurückzufaseln (vgl. exemplarisch Sachsens Ministerpräsident Tillich, der sich kürzlich tatsächlich zu der wenig hilfreichen Äußerung „Wer Flüchtlingsheime anzündet, ist doch kein Mensch!“ hinreißen ließ.). Doch im Unterschied zum seiner Impulsivität genussvoll freien Lauf lassenden Rechtspopulisten (Gruß an D. Trump an dieser Stelle!) ist der „Gutmensch“, hat er erst einmal die Contenance verloren, seinen Emotionen hilflos ausgeliefert. Für einen intelligenten Rechtspopulisten ist es anschließend ein Klacks, ihn bloßzustellen, zu beschämen und schließlich mundtot zu machen. Dazu verwendet er z. B. folgende Strategie: „Ja, da sieht man’s mal wieder, hinter Ihrer vermeintlichen Toleranz verbergen Sie mindestens so viel Hass und Groll wie wir, man muss Sie nur ein wenig provozieren! Im Gegensatz zu uns verstellen Sie sich aber, Sie spielen ein falsches Spiel. Wir aber verstecken gar nichts, wir sagen immer, was wir denken! Wir sind die Authentischen, die Echten, Sie aber sind ein Heuchler! Wenn Sie ehrlich wären, wären Sie längst bei uns! Wie also kommen Sie zu der Vorstellung, Sie seien uns moralisch überlegen?“ Wurde der „Gutmensch“ erst einmal soweit in die Ecke gedrängt, hat er eigentlich schon verloren – und zwar nicht wg. fehlender Argumente, sondern weil er der Provokationsstrategie seines Gegners auf den Leim gegangen ist (vgl. Tillich oben).

Ich fasse zusammen: Gewonnen hat, wer die Fassung behält. Nur so geht das Spiel. Alles andere („Besorgte Bürger ernst nehmen!“ etc.) ist Kokolores und kann weg.

Die Fotos zeigen die Vorsitzenden der 7 aktuell erfolgreichsten rechtspopulistischen Parteien in Europa (Quelle: Wikipedia). Für Details (Namen, Prozentwerte) bitte mit der Maus über das jeweilige Bild fahren.

Rechtspopulismus: Gewonnen hat, wer die Fassung behält

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