Xenakis‘ Reden und Schweigen

Mark Kidel hat ca. 10 Jahre vor dem Tod des griechischen Komponisten und zeitweisen Architekten folgenden ganz hervorragend auf Xenakis‘ Musik geschnittenen und sehr bildstarken Dokumentarfilm erstellt, den ich vor einigen Tagen auf YouTube entdeckte:

Mein Problem mit Xenakis‘ Musik scheint ähnlich dem zu sein, das offenbar so einige mit meiner (aus anderen Quellen schöpfenden) Musik haben: Man kann sie nicht besonders oft ertragen, aber hat man sich erst mal auf sie eingelassen, berührt sie einen auf eine Art und Weise, die sich nicht ganz leicht in Worte fassen lässt. Ich empfinde Xenakis‘ Musik auf elementare Art als inkommensurabel, d. h., sie ist nicht nur unvergleichbar mit so ziemlich jeder anderen Art von Musik, sondern scheint sozusagen Mitteilungen aus Bereichen zu machen, in die andere Musik erst gar nicht vordringt. Aber was genau sind das für Bereiche?

Die Musikpublizistik hat sich – meines Erachtens aus purer Ratlosigkeit – irgendwann darauf geeinigt, Xenakis als eine Art „Propheten unpersönlicher Kräfte“ zu interpretieren: Er sei ausschließlich durch mathematische Ideen inspiriert, bzw. durch seine naturwissenschaftliche, will sagen: betont distanzierte, Wahrnehmung der Welt. Auch die Bildsprache von Kidels Film folgt dem in weiten Teilen: Das Meer ist zu sehen, Landschaften, Spinnennetze, Fisch- und Vogelschwärme etc. – Kurz gesagt: Ich halte das für Unsinn. Die Musik Xenakis‘ hat überhaupt nichts Unpersönliches bzw. thematisiert in keinster Weise unpersönliche musikalische Gestaltungsmittel. All das gilt viel eher für Kunstmusik, die mit Konzepten arbeitet, etwa die von LaMonte Young oder dem frühen Reich, auch für Werke Johannes Kreidlers natürlich.

mfXenakis für seinen Teil war vermutlich ganz recht, dass man ihn für einen Pythagoreer hielt, denn er trieb offenbar wirklich ausgesprochen gern Mathematik* und hatte vermutlich einfach meist keine Lust, zu erklären, in welchem Verhältnis seine Musik zu seinem Seelenleben stand. Es hätte uns vielleicht auch gelangweilt**. Und diese Strategie ist schlicht und einfach zu respektieren. Xenakis‘ Theoriebuch „Musiques formelles“ aus dem Jahr 1963 ist denn auch im Grunde eine Formelsammlung und eine Art Neue Musik-Äquivalent zu Russell/Whiteheads „Principia Mathematica“. Ähnlich wie die beiden Philosophen ein halbes Jahrhundert vor Xenakis versuchten, die Mathematik aus der Logik herzuleiten, versucht Xenakis, seinen idionsynkratischen musikalischen Erfindungsreichtum in Mathematik aufzulösen. Dazu fällt mir Wittgensteins Kommentar zu seiner „Logisch-philosophischen Abhandlung“ ein: Der wichtigere Teil dieser in weiten Teilen formallogischen Abhandlung sei eigentlich der zweite. Gefragt, wo dieser zu finden sei, antwortete er kryptisch, dieser müsse naturgemäß ungeschrieben bleiben.

In Kidels Filmdokument wird der ungeschriebene zweite Teil der „Musiques formelles“ ein Stück weit erahnbar, vor allem, wenn Xenakis mit seiner Frau die Stätten seiner Kindheit und Jugend besucht und wenn er von seinen Bürgerkriegserlebnissen als junger Mann in Griechenland berichtet. Er scheint vor allem von Einsamkeit, Traumatisierung, Enttäuschung und körperlicher Verletzung zu handeln – wobei man zu jedem dieser vier Begriffe getrost das Adjektiv „brutal“ hinzufügen kann. Als mathematisch-naturwissenschaftlich (Hoch-)Begabtem kam es für Xenakis offenbar nicht in Frage, diesen massiven lebensgeschichtlichen Ballast literarisch oder gar psychoanalytisch aufzuarbeiten. Und so gelang ihm das im Wortsinn Kunststück, sein Mathematik- und Ingenieurstalent selbstheilend einzusetzen, indem er es in den Dienst seiner Kompositionen stellte. Allerdings zahlte er dafür einen hohen Preis, denn bis heute gilt er vielen als zerebraler, gar apollinischer Komponist. Das Gegenteil ist der Fall. Jeder, die seine Musik auch nur einmal unvoreingenommen gehört hat, wird sofor klar werden, dass sie der Expressivität Jackson Pollocks oder dem kunstvollen Gekritzel Cy Twomblys viel näher steht als Piet Mondrians oder Josef Albers‘ kühlen Konstruktivismen.

Xenakis Frau Françoise bringt das bei 34:45 auf den Punkt:

Er fühlte in sich die Gabe, Dinge aus dem Nichts zu erfinden. Aber er fürchete, sich damit lächerlich zu machen. Deshalb suchte er Halt in der Wissenschaft. In der Physik, in den naturwissenschaftlichen Gesetzen fand er die Beweise für das, was er intuitiv in der Kunst ausdrückte. Er machte also von dieser Sprache Gebrauch, und das lässt manche Menschen sagen: „Ich kann Xenakis nicht anhören, weil ich nichts von Mathematik verstehe!“

In diesem Sinn folgt „Musiques formelles“ streng der Master-Doktrin des frühen Wittgenstein:

Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.

Ludwig Wittgenstein: Logisch-philosophische Abhandlung, Vorwort (1921)

*

Wer sich noch weiter mit dem Thema befassen will, dem sei diese Textcollage empfohlen, die ich kurz nach dem Tod Xenakis‘ 2001 zusammengestellt habe. Sie war zeitweilig sogar mal Teil der Wikipedia-Weblinks für den Eintrag „Iannis Xenakis“, wurde dann irgendwann aber – aus welchen Gründen auch immer – wieder hinauseditiert.


* Mir ist bewusst, dass der Ausdruck „Mathematik treiben“ namenlos antiquiert klingt. Dennoch beschreibt er exakt das „interesselose Wohlgefallen“ an der Lösung mathematischer Probleme, zu dem einige wenige (oder vielleicht gar nicht so wenige?) Menschen in der Lage sind (mathematical recreations). Ich bin stets rundum fasziniert von dieser Fähigkeit – auch, weil sie mir aufgrund dyskalkuler Tendenzen gänzlich verschlossen ist.

** Vgl. J. Kreidler in seinem aktuellen Text für die Österreichische Musikzeitung „Wer schreit, hat recht“ : „Allzu viel Subjektivität ist abstoßend, unkommunikativ, Nabelschau, hässlich bis obszön – oder banal.“

Xenakis‘ Reden und Schweigen

8 Gedanken zu “Xenakis‘ Reden und Schweigen

  1. Gerhard schreibt:

    Ausgesprochen guter Artikel. Er gefällt mir außerordentlich. Er ist sprachlich kreativ, „gefüllt mit Seele“, witty, aus-der-reihe-tanzend, insightfull…tut einfach gut!
    Der beschwingte sprachlich-kreative Lauf fing recht bald mit “ scheint sozusagen Mitteilungen aus Bereichen zu machen, in die andere Musik erst gar nicht vordringt“ an und regte so den Speichel im Mund schon mal an.
    Chapeau!

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