«For John Zorn» für Klavier (ePlayer-Realisierung)

yamahacfiiiRealisiert mit den von Mats Helgesson im Jahr 2003 aufgenommenen Samples eines fast 3 Meter langen Yamaha CF III Konzertflügels (inkl. prägnanter Nebengeräusche der Flügelmechanik) und Faltungshall. O-Ton Helgesson: „It was recorded with a pair of Neumann KM84 microphones in X/y stereo. […] The samples are sorted in 5 velocity layers …“ Ich liebe vor allem die herrlich knurrigen und teilweise überpräsenten Bässe dieser Library 🙂 – ACHTUNG: Das Stück fängt sehr leise an und wird ab 00:12 abrupt sehr laut.

Hörvorschlag für Neueinsteiger

Erst mal das ganze Stück leise oder mittellaut komplett durchhören und möglichst wenig dabei denken, d. h. halbautonom laufende Geschmacksurteilsmodule nach Möglichkeit komplett deaktivieren. Dann einige Zeit (Minuten, Stunden, Tage) was ganz anderes machen, um sich abzulenken. Anschließend das Stück noch mal komplett anhören, diesmal in mittlerer oder voller Lautstärke. Sollte sich jetzt immer noch kein „inneres Bild“ dessen einstellen, was in der Musik passiert, diesen Vorgang so oft wiederholen, bis ihr euch sicher seid, dass die Komposition was taugt – oder eben nicht.

Kompositionsnotiz

Das Stück basiert auf dem PianoLog 2008-09-06. Diesmal habe ich relativ stark in das improvisierte Altmaterial eingegriffen. Einige Passagen gefielen mir einfach so gut, dass ich sie im Verlauf des Stücks mehrfach hören wollte. Auch Oktavtranspositionen und Stimmverdopplungen fanden statt. Mehr aber nicht (d. h. es wurde kein neues Material eingebracht). Gelöscht habe ich allerdings schon ein bisschen was.

Ich habe das Stück wg. seines collagehaften Charakters nach dem New Yorker Saxofonisten und Komponisten John Zorn benannt, dessen Band „Naked City“ (u. a. mit Bill Frisell an der Gitarre, kennt den noch jemand?) mich vor – hm – 20? Jahren nachhaltig faszinierte. Die Band spielte damals live die heterogensten Musikstile so schnell hintereinander, wie man am Radio oder Fernseher durch die Sender zappt. Das hat mich tief beeindruckt. Nicht (nur) wegen der erstaunlichen Virtuosität der Musiker, sondern vor allem wegen Zorns kompositorischer Strategie: Nach Ende eines derartigen Stücks entstand nämlich das irritierende Phänomen, dass man nicht ohne weiteres benennen konnte, was man denn nun gerade genau gehört hatte: Jazz, Metal, Country, Neue Musik, Pop, Musique concrète, Punk … ? – Wohlgemerkt, es ging Zorn nicht um fusion, diesen Jazz-Fetisch der 1970er Jahre, sondern um das genaue Gegenteil: Er stellte die einzelnen, meist eher trashigen und klischeebeladenen Musikfragmente unverbunden nebeneinander (wengistens hatte ich nach dem Konzert dieses Bild im Kopf – kann sein, dass es in Wirklichkeit ein wenig anders war) und erklärte dieses Chaos dann dreist zu seiner „Komposition“. Diese Idee war damals für mich neu.*

„For John Zorn“ verwendet folgende Temperierung, die ich in komplett anderem Zusammenhang vor Jahren einem Standard MIDI File mit arabischer Popmusik entnahm:

NAME Pitch -62.5 Cent für d, g und a
DEGREES 12
PITCH   261.626
CENTRE  60 
1  c100.00
2  c137.50
3  c300.00
4  c400.00
5  c500.00
6  c600.00
7  c637.50
8  c800.00
9  c837.50
10 c1000.00
11 c1100.00
12 r2
END

Die Originalimprov wurde mit einem konventionell temperierten (Nerd-Info: 12-TET) 88-Tasten-MIDI-Keyboard eingespielt. Für die vorliegende Komposition hörte ich mir dieses Altmaterial so lange in diversen Temperierungen an (was tatsächlich harte Arbeit ist!), bis ich eine entdeckte, bei der ich das Gefühl hatte, dass sie dem Stück semantisch etwas hinzufügt (hier: eine Art „Pseudo-Orientalismus“), ohne die bereits bestehenden Strukturen dadurch zu beschädigen. Ziel war also eine ästhetische Komplexitätssteigerung durch autonome Verfremdung bestehenden, für sich bereits „gültigen“ Materials. „Autonom“ nenne ich den Verfremdungsprozess deswegen, weil ich keine einzige Note im Altmaterial änderte, damit es sich etwa in der neuen Temperierung „angenehmer“ bzw „musikalischer“ anhörte. Soviel Anästhetik musste dann schon sein 😉 **

So, und zum Abschluss für die 2, 3 MIDI-Fanatiker unter den LeserInnen der Weltsicht noch ein paar grässlich technokratische

Nerd-Infos (HOW I DID IT)

Die Samplebibliothek des Yamaha CF III lag mir nur im proprietären Kontakt-Format vor (NKI-Datei) und der Kontakt Player 5 kann nach meinem Kenntnisstand von Haus aus kein scale tuning, erkennt aber Pitch-Bend-Befehle. Also habe ich meine MIDI-Datei mit Fred Nachbaurs 17 Jahre alter DOS-Software „PianoTuner“ verarbeitet, die dafür sorgt, dass jede pitch class ihren eigenen MIDI-Kanal bekommt. In diesem Fall entsteht eine 12-kanalige MIDI-Datei, Kanal 1 enthält alle Cs, Kanal 2 alle C#/Dbs, Kanal 3 alle Ds der Komposition etc. (An der Musik ändert das nichts.). Weiterhin fügt PianoTuner zu Beginn jeder Kanalspur einen Pitch-Bend-Befehl ein, der die Temperierung der jeweiligen pitch class festlegt. Das sieht dann so aus [Ausschnitt einer mit Hilfe von Piet van Oostrums Program „mf2t“ aus dem Jahr 1995 erstellten ASCII-Text-Darstellung meines Standard MIDI Files. Alles nach einem „#‘ ist Kommentar]:

MFile 0 1 480
MTrk
0 Meta Text "Tempered by PianoTuner"
0 TimeSig 4/4 24 8
0 Tempo 500000
0 Meta SeqName "For John Zorn"
0 Pb ch=1 val=8192 # 8192 = Nullstellung (kein Pitch-Bending)
0 Pb ch=2 val=8192
0 Pb ch=3 val=5632 # Alle "D"s erklingen um -62.5 Cent tiefer.
0 Pb ch=4 val=8192
0 Pb ch=5 val=8192
0 Pb ch=6 val=8192
0 Pb ch=7 val=8192
0 Pb ch=8 val=5632 # Pitch class "G" -62.5 Cent 
0 Pb ch=9 val=8192
0 Pb ch=11 val=5632 # Pitch class "A" -62.5 Cent
0 Pb ch=12 val=8192
0 Pb ch=13 val=8192
...
...

In Markus Schwenks MidiEditor, den ich gar nicht genug loben kann, wird die selbe MIDI-Datei so dargestellt [Ausschnitt]:

screenshotmidieditor

Jede Farbe markiert hier die MIDI-Events einer bestimmten pitch class: Alle „A#/Bbs“s sind bsp.weise orange, alle „D“s grün etc. Wie gut, dass ich früher eher mit Lego als mit fischertechnik spielte, so sind mir komplexe Farbcodierungen von Kindesbeinen an vertraut 😉

Anschließend wechselte ich in den Kontakt Player 5 im Demo-Modus (KP5DM) und startete dort 12 Instanzen des gewünschten virtuellen Instruments, die vom Programm automatisch den ersten 12 MIDI-Kanälen zugeordnet werden. Der KP5DM ist eine kostenlose Variante der Software-„Vollversion“, sogenannte crippleware, deren Funktionalität derart eingeschränkt ist, dass sie gerade noch als „benutzbar“ durchgeht.*** Der KP5DM ist besonders gemein und schaltet sich immer nach 30 Minuten Laufzeit ab. Speichern oder gar rendern kann man sowieso nix mit dem Teil. Aber abspielen! Da ich mir die Ausgabe von EUR 399,00 (!) für die Kontakt-Vollversion derzeit sparen möchte, blieb mir also nichts anderes übrig, als KP5DM unter Verwendung des LoopBe MIDI Relays mit dem MidiEditor extern anzutriggern und den (makellosen!) Audio-Output von KP5DM mit Audacity mitzuschneiden. Wie man hört, hat’s geklappt 🙂

P.S.: Ich habe den technischen Aspekt meiner kompositorischen Arbeit hier nicht deswegen so breit dargestellt, um anzugeben, sondern, weil mir aufgefallen ist, dass ich das in all den Jahren in dieser Form tatsächlich noch niemals getan habe. Ich möchte schlicht in guter, alter Internet-Tradition Wissen teilen, mehr nicht. Wenn ihr Fragen zu diesen Bereich habt, nur zu, werde ich versuchen, sie zu beantworten, 🙂


* Heute würde man von einem Musikkonzept oder gar Konzeptmusik sprechen, die auf einen persönlichen Stil verzichtet. Damals hieß das „Post-Avantgarde“.

** Aber was rede ich: Es hört sich natürlich trotzdem wieder alles sehr „schön“ an – ich kann halt nicht aus meiner Haut.

*** Die Firma Native Instruments, die Kontakt vertreibt, hat bei Sample-Bibliotheken eine ähnliche Quasi-Monopolstellung wie Adobe bei PDFs und nutzt diese leider auch genauso gnadenlos aus. Ich habe keine gangbare legale Möglichkeit entdeckt, „Kontakt“-Bibliotheken in nicht-proprietäre Formate wie etwa SFZ zu konvertieren. Die Benutzung des kastrierten KP5DM war also unumgänglich 😦

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«For John Zorn» für Klavier (ePlayer-Realisierung)

7 Gedanken zu “«For John Zorn» für Klavier (ePlayer-Realisierung)

  1. Gerhard schreibt:

    Ich habe das gerne gelesen, obwohl das „Material“ mir in mehr oder minder grossem Umfang verschlossen ist. Vielleicht war es gerade dewegen ein guter read. Deswegen auch, weil ein Laie einen vernünftigen Eindruck von der Arbeitsweise gewinnen kann.
    Ich stelle mir vor, daß es einem Wissenschaftsjounalisten ähnlich gehen müsste, wenn er in Forschungslaboratorien Zugang bekommt.

    Also erstmal : Like!

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  2. @Gerhard: Danke für deine Bemerkungen 🙂 Mit Wissenschaft hat das, was ich da tue, natürlich gar nichts zu tun (außer, man würde Alchemie auch schon als Wissenschaft verstehen wollen). Allerdings „borge“ ich mir stets ein gewisses Ethos von der Wissenschaft – und ich stelle immer wieder fest, dass das in der heutigen Kunstwelt durchaus eher exotisch ist. Vor allem drei Dinge gehören zu diesem Ethos: Ein Streben nach Wahrheit, ein Streben nach Wissen und ein Streben nach Überprüfbarkeit der Ergebnisse.

    Das hat natürlich Grenzen: Ließe sich mein kompositorischer Output komplett „objektivieren“, würde ich mich als Künstler überflüssig machen (und bsp.weise durch einen Algorithmus bzw. eine künstliche Intelligenz ersetzt werden können). Es geht mir also nicht um die komplette Versachlichung des kreativen Prozesses, sondern um dessen Entmystifizierung: „Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; …“ (Wittgenstein)

    Ich denke, eines der Hauptprobleme heutiger Kunst, über das aber kaum jemand redet, ist die Tatsache, dass es immer bessere Algorithmen gibt, die Kreativität simulieren können (Ich habe darüber bereits in den 1990er Jahren in meinem Briefwechsel mit Rigobert Dittmann ausführlich, wenn auch unbefriedigend kryptisch, reflektiert.). Diese Tatsache hat die Künstlerin von heute zur Kenntnis zu nehmen. Und nicht nur dass – ich denke auch, sie ist dazu verpflichtet, sich dazu zu verhalten.

    Ich gebe zu, für diesem Ethos entgegengesetzte, reaktionäre Strategien (=“Der Künstler als Genie“: Jonathan Meese & Konsorten) habe ich nicht sonderlich viel übrig. KünstlerInnen dieser Couleur gebärden sich stets besonders „revolutionär“, „radikal“ und (gähn) „subversiv“ (d. h. vor allem „trashig„), allerdings – behaupte ich jetzt einfach mal – nicht aus innerer Notwendigkeit heraus, sondern weil sie ganz genau wissen, dass derlei leichter konsumierbar ist als „zerebrale“ Konzeptualismen. Die Idee des Künstlers als „Originalgenie“ ist schließlich seit ca. 200 Jahren erfolgreich im Handel.

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  3. Gerhard schreibt:

    Da hast Du wieder ein Faß aufgemacht, aber das ist ja sozusagen dein Markenzeichen. Markenzeichen insofern, weil Du vieles durchdacht zu haben scheinst. Zumindest über das, was Du redest, hast Du nachgedacht und es in eine Ordnung gebracht.

    „Wissenschaftlich“ nannte ich Deine kompositorische Arbeit im allgemeinen Sprachgebrauch, der da meint, daß der Kompositeur ein ganzes Rudel an Methoden/Erfahrung/Knowhow hinter sich „getürmt“ hat.
    Das angesprochene Ethos „Ein Streben nach Wahrheit, ein Streben nach Wissen und ein Streben nach Überprüfbarkeit der Ergebnisse“ ist in der Tat eine wissenschaftliche Herangehensweise, die sehr schön in dem Buch „Die Verzauberung der Welt“ beschrieben ist.

    „Ließe sich mein kompositorischer Output komplett “objektivieren”:
    Das geht alleine schon deshalb nicht, weil wir alle andere Ohrapparate haben, in dem Sinne, das wir „anders“ hören, bestimmte Frequenzen undeutlicher/schwächer wahrnehmen als der andere…denke ich zumindest. Und immer entscheidet ja auch das schon Angehörte darüber, wie ich einen neuen musikalischen Output wahrnehme. Welche Filter sind AN, welche AUS?

    „Ich denke, eines der Hauptprobleme heutiger Kunst, über das aber kaum jemand redet, ist die Tatsache, dass es immer bessere Algorithmen gibt, die Kreativität simulieren können“
    Da sprichst Du Wahres. Aber: Selbst eine „Zurschaustellung der Simulation von Kreativität kann Kunstcharakter haben“ . Man zeigt einen Output, der Themen der Kunst beinhaltet, aber sichtbar und offen unkünstlerisch hergestellt wurde. Das wäre eine natürliche Konsequenz der Ideen in und um Kunst.

    „Innere Notwendigkeit“
    Ich denke, das ist der beste Gradmesser. Produziere ich Künstlerisches aus anderen Quellen/Motiven heraus, verliere ich sozusagen den „Auftrag“.
    Diese innere Notwendigkeit würde mir aber verbieten, etwas zu „machen“, wenn ich einen solchen Impetus mal an einem Tag nicht verspüre?! Dennoch macht der Künstler etwas an solchen Tagen, sei es aus Gewohnheit oder weil er es gut kann, es „sein Feld“ ist, was auch immer.
    Es ist erstaunlich manchmal, daß etwas gelingt, also einem künstlerischen Anspruch genügt, obwohl der Kopf stumpf war, keine Inspiration, keine schöpferische Welle vorlag. Man schaut „das Ding“ im Nachhinein an und es hat was! Seltsam.

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