Die Geschichte vom wunderlichen Herrn N. und seinen sich selbst spielenden Klavieren

Die Vita des 1997 verstorbenen Jazztrompeters, Kommunisten und Komponisten Conlon Nancarrow, der neben Hemingway und Orwell im Spanischen Bürgerkrieg kämpfte, eignet sich ganz hervorragend zur Legendenbildung: Da haben wir den klassischen introvertierten Eigenbrötler und kreativen Dickschädel mit leichtem Größenwahn, der gegen alle inneren und äußeren Widerstände sein mehr oder minder sperriges Ding, hier: seine Vorstellung davon, was eine musikalische Komposition ist, durchzieht, dafür aber erst im Spätestherbst seines Lebens die verdiente Würdigung erfährt.

Die folgende Doku von Helen Borten aus dem Jahr 2005 (?), kein Film im eigentlichen Sinn, sondern ein durch Fotografien angereichertes Radiofeature*, die mir vor einigen Tagen in die Hände fiel, bedient im Großen und Ganzen ebenfalls dieses Narrativ. Nun ja, vielleicht handelt es sich in diesem Fall ja ausnahmsweise mal um die Wahrheit und Nancarrow war wirklich introvertiert, eigentbrötlerisch, kreativ, dickschädelig und ein wenig größenwahnsinnig?

nancarrowIch entdeckte seine Musik in meiner Sturm und Drang-Zeit, also Mitte der 1980er, via Langspielplatte – und zwar exakt durch die links abgebildete. Interessanterweise hat mich schon damals sein Musikkonzept, das ich hier mal mit „Klaviere spielen sich selbst“ abkürzen möchte, stärker berührt als seine eigentlichen Kompositionen. Es war bzw. ist wohl dieses „Zieh‘ dich zurück, werkle im stillen Kämmerlein, kümmere dich um nichts anderes und realisiere auf diese Weise unabhängig von irgendwelchen launenhaften bzw. unfähigen InterpretInnen exakt die Musik, die du gerne hören würdest, die es aber scheinbar noch nicht gibt. Dabei soll es dich nicht kümmern, ob sich irgendjemand außer dir selbst für deinen Output interessiert“, das mich bei Nancarrow so elementar faszinierte und weiter als role model dient – auch wenn ich im Lauf der Jahre zu meiner nicht geringen Enttäuschung erfuhr, dass er bei weitem nicht so heroisch isoliert lebte, wie ich früher annahm.

So war er ganze dreimal verheiratet, wurde mit Ende 50 Vater und stand auch schon vor seiner „Entdeckung“ durch die eurozentrische Neue Musik-Szene, sprich durch György Ligeti in den 1980er-Jahren, im Gedankenaustausch mit so illustren Kollegen wie John Cage und James Tenney. In der US-amerikanischen Kunstmusik-Szene wusste man also immer schon, wer Conlon Nancarrow war, selbst Frank Zappa erwähnt ihn in irgendeinem Song, dessen Titel ich vergessen habe.

Es gibt nur sehr wenige gute Nancarrow-Kompositionen – 4 davon werden in den nächsten Tagen in der Weltsicht präsentiert werden – und selbst die klingen meist nur auf seinen beiden Original-Pianolas wirklich mitreißend. Sämtliche anderen Realisierungen haben mich enttäuscht. (Diese wunderbar leichte und graziöse Realisierung der Studie #7 für zwei Disklaviere von Klarenz Barlow

 

nehme ich dabei ausdrücklich aus). Das wird zum Einen mit dem extrem hellen, fast cembalo-artigen Sound von Nancarrows Pianolas zu tun haben, der sich offensichtlich nicht so einfach reproduzieren lässt. (Eine öffentlich zugängliche Sample-Bibliothek dieser Pianolas, die ja wohl, wie mir kürzlich zu Ohren kam, weiterhin in Mexico City herumstehen, wäre übrigens eine echte Inspiration!)

Zum Anderen mangelt es Nancarrows musikalischem Basismaterial m. E. schlicht an Originalität. Lässt man mal den ultrabrutalen Pianolaklang und die Rhythmuskanon-Manie weg, bleiben eigentlich nur Scott Joplin, Igor Strawinsky und ein wenig hispanische Folklore als Quellen übrig. Und natürlich der Jazz vor seiner modernistischen Phase, also Boogie Woogie, New Orleans, so was. Nicht, dass das schlechte Quellen wären. Natürlich nicht. Aber sie sind halt auch nicht sonderlich aufregend, dieweil es sich um extremst abgegrastestes Terrain handelt.

Nancarrows Originalität grenzt oft ans Schrullige. Und allem aus lediglich idiosynkratischen Gründen Originellem mangelt es nun mal naturgemäß an Universalität: Der Sonderling, der sich aus einem Schuhkarton und zwei Drähten ein Instrument bastelt und damit in der nächstbesten Fußgängerzone auftritt, ist zweifellos im Wortsinn originell, doch die meisten Menschen werden sofort begreifen, dass sie es hier nicht mit einem allgemein relevanten Innovator, sondern eben „nur“ mit einem ein wenig wunderlichen, hochgradig eigensinnigen Menschen zu tun haben, dessen Output die eine oder andere zweifellos inspirieren mag und auch wird, der aber vermutlich eher nicht in die Musikgeschichte eingehen wird.**

Im Falle Nancarrows verhält es sich so, dass ich sehr lange Zeit eigentlich sonderlingshafte Anteile seiner Arbeit für innovativ hielt. Mittlerweile sehe ich das nüchterner: Conlon Nancarrow war als Komponist eigentlich eher durchschnittlich begabt, hatte aber genau eine fantastische Idee, die er dann auch langfristig produktiv machen konnte  – und das macht ihn dann doch außergewöhnlich.

Wegen seiner schieren Willenskraft, seines enormen Durchhaltevermögens und seinem beispielhaften Individualismus, der, glaubt man den Aussagen der ZeitzeugInnen im Radiofeature, nur wenig mit Narzissmus oder gar Egomanie zu tun hatte, ist ihm also dennoch Respekt zu zollen – und zwar der höchste.


* Das Original konnte ich auf der Homepage von Public Radio International leider nicht auffinden (Abfrage 2016-05-01).
** Freilich darf man es sich hier nicht zu einfach machen: Es existieren alle möglichen Mischformen zwischen Sonderling und echtem Erneuerer. Ich würde sogar soweit gehen, zu behaupten, dass kein wirklich bedeutender Innovator ganz ohne sonderlingshafte Anteile auskommt und – auf der anderen Seite – nahezu jeder Sonderling auch tatsächlich innovative Ideen hat.
Die Geschichte vom wunderlichen Herrn N. und seinen sich selbst spielenden Klavieren

4 Gedanken zu “Die Geschichte vom wunderlichen Herrn N. und seinen sich selbst spielenden Klavieren

  1. Gerhard schreibt:

    Ein gelungenes „Psychogramm“.
    Ich denke, man kann in so mancher kreativen Sphäre Leute ausmachen, die eher „schwach begabt“ sind, aber durch schieren Fleiß und Durchsetzungsvermögen, Starrsinn manchmal, „ihr Ding“ machen und wo es einem dadurch schwer fällt, das Ganze endgültig zu bewerten.
    Food for thought🙂

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