Systemtheorie und Künstliche Intelligenz

Dirk Baecker, einer der bekanntesten Schüler Niklas Luhmanns, schlägt in einem aktuellen Interview deutlich fatalistische Töne an, was das zukünftige Verhältnis von systemtheoretisch informierter und Künstlicher Intelligenz angeht:

Die nächste Organisationsberatung besteht aus Therapeuten, die uns darüber beruhigen, dass die Computer schon wissen werden, was sie tun.

aus Dirk Baecker: Die Organisation im Wandel, a never ending story, Blog-Artikel vom 13. Mai 2016. Die von mir zitierte Passage steht in diesem PDF, zu dem vom Artikel aus verlinkt wird.

Besonders bemerkenswert erscheint mir dabei, dass Baecker diese Bemerkung auf seinem eigenen Blog The Catjects Project nachreichte, gehört sie doch zu dem Teil des erwähnten Interviews, der es „nicht mehr auf Gerhard Krejcis Blog schaffte“ (Baecker). Wenn sich der Interviewte nun die Mühe macht, diese – aus welchem Grund auch immer – bereits hinauseditierte Passage selbst zu publizieren, muss es sich wohl um mehr als eine flapsige Bemerkung handeln.

Aber was will uns Baecker damit eigentlich sagen? Etwa, dass auch Soziologen der Luhmann-Schule nun allmählich gezwungen sind, von gestaltender Erklärung zur bloßen „Bildschirmrückseitenberatung“ (G. Dueck 2010) überzugehen?

4 Kommentare zu „Systemtheorie und Künstliche Intelligenz

  1. Der Beitrag ist zwar schon älter, aber weil ich Ihr Blog heute erst entdeckt habe und Baeckers Statement damals nicht wahrgenommen hatte:

    „Etwa, dass auch Soziologen der Luhmann-Schule nun allmählich gezwungen sind, von gestaltender Erklärung zur bloßen „Bildschirmrückseitenberatung“ (G. Dueck 2010) überzugehen?“

    Eigentlich will die Systemtheorie ja nichts „erklären“. Sie spricht eher davon, Funktionsäquivalente zu dem Beobachteten zu identifizieren, also quasi Alternativen „wie es noch sein könnte“ aufzuzeigen. Das ist eher ergänzend zu kausalen Erklärungen. (Kann aber trotzdem für praktische Gestaltung und Beratung eine Grundlage bilden.)

    Baeckers Statement kann ich mir nur mit einem Grinsen vorstellen, als Ironie. Was eigentlich nötig wäre, sind keine Beruhigungen, „dass es schon funktionieren wird“, sondern etwa das, was Douglas Rushkoff „Code Literacy“ nennt — ein Grundverständnis darüber, wie digitale Techniken funktionieren und was diese tun. Aber angesichts der Vielzahl von Menschen, die sich in dem „Bildschirmrückseitenberatung“-Artikel wiedererkennen dürften, ist Code Literacy noch in weiter weiter Ferne. Aber man/ich arbeite(t) daran. 😀

    Schöner Blog, gerade die Verbindung von Kultur und Digitalisierung gefällt mir.

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  2. @Mario Donick: Herzlichen Dank für den sachkundigen Kommentar und schön, dass Sie die Weltsicht entdeckt haben! Ihre Interessen vorausgesetzt (hab grad mal kurz in IHR Blog reingeschnuppert) dürfte es hier eine Menge zu entdecken geben. Ich freue mich jetzt schon über weitere Kommentare 🙂

    Dafür, dass die Systemtheorie eigentlich nichts erklären will („Beobachten statt Verstehen“ etc.), ist sie ganz schön redselig 😉 Ich war lange ein Fan Luhmanns, mittlerweile denke ich aber, dass sein equilibristischer bzw. „ökologischer“ Ansatz der Dynamik dieses Jahrhunderts ein wenig hinterherhinkt. Und deshalb interpretiere ich Baeckers Diktum auch als resignierten Stoßseufzer ohne jede echte Ironie.

    Code Literacy ist ein hehres Ziel und ich bin hier voll auf Ihrer Seite (vgl. das Mission Statement der Weltsicht). Andererseits mache ich mir keine Illusionen über die Grenzen dieses Volksbildungsunternehmens. Aber man tut halt, was man kann.

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  3. Vor ein paar Jahren haben wir Systemtheorie viel an meiner damaligen Uni benutzt, allerdings primär, um Dirk Baeckers Texte besser einordnen zu können. Zeitweise liefen wir alle mit einer Kopie von „Form und Formen der Kommunikation“ in der Tasche herum. Mittlerweile halte ich die Systemtheorie für gut geeignet, um mal ein bisschen zurückzutreten, um die Dinge, für die man sich interessiert, zu sortieren. Und von da dann mit anderen Ansätzen tiefer zu gehen. Zum Beispiel bringt mir Luhmann wenig, wenn ich mich für die individuellen Wahrnehmungen eines Menschen interessiere; da sind Phänomenologie oder Psychologie ggf. zielführender. Theorietheoretisch gibt es bei solchen Kombinationen zwar einige Probleme, aber pragmatisch funktioniert es trotzdem 😀

    Ja, Ihr Blog ist tatsächlich sehr interessant. Gut gefällt mir auch Ihr kleines Stück „Interaktivität 2.0“ 😉

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  4. @Mario Donick: In meiner Studienzeit Ende der 1980er-Jahren waren das die „Allegorien des Lesens“ von Paul de Man (=dekonstruktivistische Literaturtheorie). Ja, so alt bin ich schon (*1966). Dass Ihnen mein Dramolett „Interaktivität 2.0“ gefällt, freut mich ganz besonders! Wenn Sie es in Über/Strom teilen möchten, hier ist der Shortcode: [archiveorg stefanhetzelvideoessays2/Interaktivitaet20.avi height=370]

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