„Gehaltsästhetik“, rezensiert

Erfreullicherweise ist jüngst eine Rezension von Harry Lehmanns Kunstphilosophie „Gehaltsästhetik“, bei deren Entstehung ich die Ehre und das Vergnügen hatte, als Lektor beteiligt gewesen zu sein, erschienen. Das Buch war am 11. Februar im Berliner Salon von Jascha & Sarah Nemtsov präsentiert worden.

Die Besprechung stammt von dem Hannoveraner Musikpädagogen Peter Becker, findet sich im Heft 03/2016 der Neuen Zeitschrift für Musik  und hätte kaum positiver ausfallen können:

Lehmanns Kunstphilosophie wird … gleichermaßen anregen und aufregen, sie wird Zuspruch und Einspruch ernten und dem Nach- und Weiterdenken kraftvolle Impulse geben.

Becker bescheinigt Lehmanns Theorieentwurf einen „wetterfesten Grundriss“, der ihm allerdings angesichts jüngst vergangener „Erschütterungen und verbalem Steinschlag im ästhetischen Diskurs“ auch dringend notwendig erscheint.

Die zentrale These des Buches klingt bei Becker so:

Der Materialästhetik avancierter Kunst im 20. Jahrhundert folge heute eine Hinwendung zur Gehaltsästhetik, die für Lehmann als Synonym für eine Ausrichtung der künstlerischen Energien auf die Komplexität realer gesellschaftlicher Gegenwart steht.

Das lässt sich kaum bündiger und verständlicher formulieren und ist deshalb sowohl stilistisch wie auch vom Niveau her meilenweit entfernt von den zum Teil unfairen Anwürfen gegen Lehmanns Musikphilosophie „Die digitale Revolution der Musik“ aus dem Jahr 2012, gegen die ich ihn hier in der Weltsicht verteidigen zu müssen glaubte – ob auf besonders geschickte Art und Weise, sei einmal dahingestellt.*

Becker fährt fort:

Unter den Chiffren ERFAHRUNG, ÄSTHETISCHE EIGENWERTE (…), ÜBERTRAGUNGSWERTE und REFLEXIONSWERTE (…) wird Kunst als eine … für die Menschwerdung unabdingbare Lesart … der Welt elaboriert, wobei die Fülle des vorgestellten Materials … ebenso beeindruckt wie der Versuch seiner sensiblen Erschließung (…).

Dem ist eigentlich nur hinzuzufügen, dass der Autor die größte Mühe darauf verwendet hat, die von Becker in Großbuchstaben gesetzten Begriffe so präzise und wissenschaftsnah wie nur irgend möglich zu definieren, denn als bloße „Chiffren“ würden sie seinem hohen Anspruch wohl kaum gerecht.

„Gehaltsästhetik“ ist gerade kein weiterer schöngeistiger Langessay in Buchform, in dem ein vermeintlich Universalgelehrter der Leserin schlechtgelaunt demonstriert, was er (besser) weiß, sondern die ernsthafte Anstrengung eines ebenso bedächtig wie systematisch agierenden Kopfes, ein umfassendes Modell ästhetischer Erfahrung mit einem nachdrücklichen Appell an die Gegenwartskunst und ihre ProtagonistInnen zu verbinden.

Und einen Philosophen und Intellektuellen, der es wagt, selbstbewusst Forderungen an die Gegenwartskunst zu stellen, anstatt lediglich im Gefolge längst etablierter Großkünstler wie Pollock oder Beuys demütig ein flankierendes Theoriesüppchen zu köcheln – wann hat es den zum letzten Mal gegeben?


* An dieser Stelle sei einmal mehr auf meine 10 Blog-Artikel zur „Digitalen Revolution der Musik“ hingewiesen, für die ich mittlerweile eine eigene Website innerhalb der Weltsicht gebaut habe, wo sie gerne weiterhin kommentiert und diskutiert werden können 🙂
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