Die Neurowissenschaften entdecken das Wir

Wer auch immer diese 5-köpfige Diskussionsrunde zusammengestellt hat, er/sie hatte ein überaus glückliches Händchen🙂 Nur ganz selten habe ich ein Panel mit gleich 4 jungen bis mittelalten Karriere-AkademikerInnen gesehen, das so wenig vom üblichen Ego-Gerangel geprägt war. In „My Neurons, My Self“ geht es wirklich und wahrlich über eine Stunde ausschließlich um die Sache – die ist aber auch spannend genug:

Denn anscheinend treten die Neurowissenschaften gerade in ihre „Post-fMRT-Phase“ ein, in der die einsame Probandin in der „Röhre“ nicht mehr länger die Speerspitze der Forschung symbolisiert. Jetzt werden den Testpersonen relativ unspektakulär aussehende Laser-Hauben aufgesetzt, die das Schädelinnere buchstäblich ausleuchten (Abbildung bei 38’50“ im Video). Was den großen Vorteil hat, die Gehirne mehrerer Personen scannen zu können, während sie miteinander interagieren.

Folgt man vor allem den Ausführungen des einzigen Nicht-Neurowissenschaftlers in der Runde, der sich einen „empirischen Philosophen“ nennt, treten wir in nun in eine Art „neurosoziologische Phase“ der Hirnforschung ein. Nicht mehr markige Determinismen à la „Freier Wille? – Gibt’s nicht!“ werden demnach die Debatte der kommenden Jahre bestimmen, sondern Begriffe, die man sonst eher aus der Sozialpsychologie oder der Soziologie kennt: Kommunikation, Soziokultur, Empathie, kollektives Bewusstsein – all das soll nun neurowissenschaftlich erklärbar, re-formulierbar und am Ende natürlich auch simulierbar werden. Interessante Zeiten!

Ich habe einen Pointer auf den Beginn der tatsächlichen Debatte gesetzt, die erst ab der 36. Minute des Videos einsetzt, vorher gibt’s ein Standbild und einiges Einführende:

Die Neurowissenschaften entdecken das Wir

5 Gedanken zu “Die Neurowissenschaften entdecken das Wir

  1. Gerhard schreibt:

    Habe bisher etwa 20 Minuten gesehen..
    Ich frage mich immer, auf welchem Level diese Leute reden? Sicherlich auf einem sehr populären Level, um etwas „rüberzubringen“.
    Das eine Zitat: “We are making decisions based not on our experiences but on the memories of our experiences” war solch eine populäre Ansage.

    Noch etwas: Ist ein empirischer Philosoph nicht gleich zu setzen mit dem Begriff „Neurophilosoph“?
    Offenbar nicht, denn der empirische Philosoph fragt Leute, schaut nicht in deren Hirne..

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  2. @Gerhard: Zunächst war ich über dieses Video ganz aus dem Häuschen, meine Euphorie hat sich aber jetzt fast vollkommen gelegt. Unter dem Strich bleibt lediglich diese neue Untersuchungsmethode übrig, die – so habe ich das verstanden – die Datenqualität eines fMRT-Scans für interpersonale Aktionen liefern kann. Sollte DAS wirklich funktionieren, werden wir wohl in den nächsten Jahren viel Neues über die neuralen Äquivalente zwischenmenschlicher Handlungen erfahren. Und es wird sich zeigen, inwieweit diese Erkenntnisse mit dem übereinstimmen, was die Geisteswissenschaften (hier vor allem die Psychologie, aber auch die Soziologie und die Verhaltensforschung) immer schon wussten bzw. zu wissen glaubten.

    “We are making decisions based not on our experiences but on the memories of our experiences.” – Auf sprachlogischer Ebene ist dieser Satz natürlich dubios, denn „Erfahrung“ definiert sich ja gerade als etwas, an das ich mich „von früher her“ erinnern kann. Eine „Erfahrung, an die ich mich nicht erinnern kann“ ist eine logische Unmöglichkeit. Gemeint ist hier vermutlich die Existenz verschiedener Erfahrungsklassen im menschlichen Gedächtnis, die sich durch ihre unterschiedliche Zugänglichkeit unterscheiden. Bekannt ist ja bsp.weise die zeitweise „Unzugänglichkeit“ traumatischer Erfahrungen durch „Verdrängung“ etc. So bekäme der Satz wieder Sinn.

    Über den Begriff „empirischer Philosoph“ musste ich zunächst auch lächeln. Aber auch hier gilt es zwischen reiner Sprachlogik und neurowissenschaftlichem Kontext zu differenzieren: Sprachlogisch bezeichnet „Philosoph“ natürlich einen Theoretiker, der sich per definitionem ja gerade nicht mit Empirie, also Erfahrung, abgibt. Es gab aber natürlich die Denkschule des „Empirismus“, die Wissenschaftlichkeit mit exakter Beobachtung der „Realität“ verband. Hieran soll wohl angeknüpft werden. Allerdings ist ein Soziologe oder ein Sozialpsychologe bsp.weise dann auch nichts anderes als ein „empirischer Philosoph“, denn er verbindet ein theoretisches Gesellschaftsmodell mit empirischen Untersuchungen (z. B. mit Hilfe von Fragebögen). – Nun gut, die Soziologie hat halt auch schon einige Jahre auf dem Buckel, der flotte junge Herr im Video will sich vermutlich nicht mit allzu vielen historisch einschlägig vorbelasteten Denkschulen identifizieren, das verstehe ich. Also nennt er sich einen „empirischen Philosophen“, das klingt schicker als „Ich mache sozialpsychologische Untersuchungen.“😉

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  3. Gerhard schreibt:

    „based on the memories of our experiences“
    Hier verstehe ich „memories“ als „verabeitete Erfahrungen“, also das, as wir aus unseren „Erfahrungen“ machen. Da Erfahrung ja per se schon Verarbeitung durchläuft und ein nachträgliches Verändern/Modifizieren, bewusst und unbewusst, hinzukommt, ist diese Bemerkung mit dem Decisionmaking aus meiner Sicht nicht wirklich toll. Ganz abgesehen davon, wie Decisions entstehen, das ist aber ein anderes Kapitel.

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