Lobo über den IS als Meisterschüler von Anonymous

Nach langer Zeit mal wieder eine wirklich durchschlagende Analyse vom Mann mit dem Irokesen. Das Zustandekommen des Massakers von Orlando zeige, so Lobo, dass der IS die komplett dezentrale Organisationsstruktur (wenn man hier überhaupt noch von „Organisation“ sprechen kann) der Internet-Guerilla Anonymous nicht nur erfolgreich kopiert, sondern wohl leider auch perfektioniert hat:

Der IS ist die erste Terrororganisation, der man per Selbsternennung angehören kann, weil sie genau für diesen Zweck via Internet einen Open-Source-Code, einen digitalen Terror-Baukasten anbietet. Ganz ohne Absprachen mit der Organisation selbst.

Sascha Lobo: Terror mit Anonymous-Taktik: Meme machen Mörder (spiegel.de 2016-06-15)

Keine Ahnung, wie man mit traditioneller Geheimdienstarbeit, also dem Aufdecken von zwischenmenschlichen Kontakten, einer derartigen komplett unpersönlichen „Organisationsstruktur“ beikommen kann. – Ich denke, gar nicht.

Terrorismus im 21. Jahrhundert hat also die Form eines frei im Internet zirkulierenden, inhaltlich beliebigen Hass-Angebots, auf das jede/r jederzeit nach Belieben aufspringen und es – ein wenig Zeitaufwand, Können und Geld vorausgesetzt – in mehr oder minder grauenerregende Taten in der realen Welt umwandeln kann. Der Terror ist jetzt überall und gleichzeitig nie schwerer fassbar als heute. Dagegen wirken Beate und die Uwes vom NS-Untergrund mit ihrem klandestinen Wohnmobilterror – und die waren ja schaurig genug – bereits wie ein Relikt aus dem 20. Jahrhundert.

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Lobo über den IS als Meisterschüler von Anonymous

5 Gedanken zu “Lobo über den IS als Meisterschüler von Anonymous

  1. Volker schreibt:

    Ein Aspekt aus Lobos Analyse, den ich hervorheben will:
    „Der schon zuvor gewaltaffine und sozial auffällige Massenmörder von Orlando führte offenbar ein Doppelleben, zwischen dem homophoben, islamistischen Vater, der scheinbar gewöhnlichen Kleinfamilie und den eigenen homosexuellen Neigungen. Ein erahnbarer Konflikt, der früher vielleicht im Suizid oder in ein Familiendrama gemündet hätte – aber mit dem dezentralen, netzbasierten Rechtfertigungsangebot des IS zu einer Eskalation des Hasses in ein Massaker führte.“
    Dieser Aspekt beunruhigt mich, denn es lässt sich ja auch hierzulande beobachten, wie offensiv Menschen rassistisch-krude Standpunkte vertreten, weil sie sich durch eine wahrgenommene „Netz“-Wirklichkeit im Recht fühlen.

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  2. Volker schreibt:

    @ichselbst: Wem es vielleicht nicht aufgefallen sein sollte – die von mir zitierte Passage könnte ohne weiteres auch dazu herangezogen werden, vermeintlich präventiv auf breiter Front „gewaltaffine und sozial auffällige“ Mitmenschen zu verfolgen und wegzusperren. Fragt sich bloß, auf welcher Grundlage – wer legt mit welchem Recht fest, wer so gewaltaffin und sozial auffällig ist, dass man ihn einsperren muss? Stefans Schlussthese bringt mich mehr und mehr zu dem Gedanken, dass die Freiheit des Internet beginnt, sich in ihr Gegenteil zu verkehren…:-(

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  3. JJäger schreibt:

    Ich nehm mal einen deiner Begriffe auf, denn ich lese ihn im Zusammenhang mit Rechtspopulismus öfters und ich nehme ihn mal exemplarisch, denn er drückt ein gewisses Weltbild aus, dass gegen Rechtspopulismus keinen Ast gewinnt:
    „krude“
    Was steckt denn da drin? Es ist ein Begriff, der im akademischen Setting Sinn ergibt aber absolutes PR-Gift ist.

    Es drückt ein Weltbild aus, dass die Relevanz einer Aussage nicht an Wahrheitsgehalt misst sondern an Ausgereiftheit (Diskursivität). Da trieft der Elitismus schon raus, denn die Anklage ist im Prinzip die:
    „Eure Bedürfnisse sind dem akademischen Diskurs hintergestellt.“ Das ist absurd.
    Wenn in Venezuela jemand sagt „There is no food.“ ist das faktisch eine krude These. Das ist aber belanglos. Nach Maslow’s Bedürfnishierarchie ist Hunger auf der höchsten Prioritätsstufe (Physiologie) und die Eloquenz des akademischen Diskurs auf der niedrigsten (Selbstverwirklichung). Eine solche Forderung hat kein Standbein. Immer in Zeiten von sozialer Unsicherheit und Existenzangst verlieren die Weltbilder, die mit hoher Affluenz assoziiert sind an Erklärungsmacht. Konkret ist das momentan der Idealismus. Den muss sich eine Gesellschaft erstmal leisten können und gedeiht nur in Gesellschaftssektoren, in denen die Existenz ihrer Mitglieder absolut sichergestellt ist. Traditionell war das der Klerus, heute die Universitäten.
    Die Menschen, die um ihr täglich Brot bangen werden es für sinnfrei erachten, eben dieses Brot nur als gedankliches Konstrukt zu konzipieren. Es ist real, weil zwecks einfacher Informationsverarbeitung es sinnvoll ist, es als real zu konzipieren.
    Also „krude“? Die Leute interessiert das nicht.
    Der Reichste kann moralische Regeln aufstellen, an denen er andere misst, selbst wenn andere gar nicht auf dem Level konkurrieren können.
    Kluge Populisten argumentieren materialistisch, denn sie wollen nach oben schlagen.
    Idealismus schlägt immer nach unten. Deshalb halte ich Idealismus und Links für inkompatibel
    und lasse keine Gelegenheit aus mit über idealistische „Neulinke“ lustig zu machen, denn die halte ich für moralisch bankrott.

    Manche populistische Bewegungen stellen übrigens überhaupt keine Thesen oder Forderungen auf.
    Occupy und „Nuit debout“ zum Beispiel, die waren vereint in einer Grundstimmung und haben sich vororganisiert. Occupy wurde später von Sanders abgeholt.
    Ich komme aus der Peak Oil Szene (weshalb ich Materialist/Dualist/Neurealist bin BTW) und Peak Oil Autor Dmitry Orlov hat es elegant formuliert als er gefragt wurde, ob Occupy erfolgreich war, obwohl es doch nichts verändert hatte.
    „Occupy Wallstreet hat die Situation nicht verändert, aber es hat die Menschen verändert.“
    Das ist eigentlich der Kern vom Populismus, Vororganisation. Und die werden dann abgeholt.

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  4. JJäger schreibt:

    Das war @Volker, soll aber kein Vorwurf sein, nur eine Beobachtung, Augstein und Konsorten lieben den Begriff „krude“, die Spiegel-Truppe war absolut kontaproduktiv in ihrem Kreuzzug gegen Rechtspopulismus.

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  5. Volker schreibt:

    @jjäger: Ob ich mich dem Urteil über die „Spiegel-Truppe“ anschließe, lasse ich mal dahinstehen, aber die anderen Ausführungen kann ich kaum von der Hand weisen. B. Brecht hat das in der Dreigroschenoper auf einen einfachen Nenner gebracht: „Erst kommt das Fressen und dann die Moral“. Genau das war der Nährboden, auf dem der Nationalsozialismus in der Weimarer Republik gedieh – übrigens auch sehr plastisch in Erich Kästners „Der Gang vor die Hunde“ nachlesbar. Die Frage ist für mich, wie man jedem Menschen auf der Welt eine vernünftige Lebensperspektive geben kann – das Beispiel Venezuela, das aufgrund des Rohölreichtums so hoffnungsvoll begann, ist für mich das zeitlich jüngste, dass es mit einer Art Kommunismus auch nicht so funktioniert 😦

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