Kyle Ganns „Solitaire“ und die Inversion der „Neuen Musik“

Gann, der Schlingel, verbindet hier Fahrstuhlmusik mit Mikrotonalität und erzeugt so – mit rein musikalischen Mitteln – eine sehr wirkungsvolle und nachhaltige Wahrnehmungsirritation. Man könnte von einer musikalischen Doppelbelichtung sprechen, bei der stets beide Ausgangsbilder zu sehen sind – aber sie haben offenbar partout keine Lust, zu einem erlösenden dritten Bild zu verschmelzen.

Das kann man schrecklich nervig finden, oder sehr amüsant, oder … aber hört doch bitte selbst:


Kyle Gann ist nicht nur Komponist, sondern auch Musikpublizist im umfassendsten Sinn (also Kritiker, Theoretiker, Historiker, Journalist und Wissenschaftler), was man seinen Kompositionsnotizen anmerkt: Sie sind oft unheimlich ausführlich, ihre Lektüre dauert manchmal länger als das Anhören der Komposition, um die es geht.

Auch zu „Solitaire“ aus dem Jahr 2009 hat er natürlich einiges zu sagen. Hier zwei markante Schnipsel:

I have sometimes thought of myself as the anti-John Zorn. He tried to make everything as fast and discontinuous and disconcerting as possible, and I sometimes try to make everything sound as normal as possible – EXCEPT THAT … And that except that is the piece. […] [„Solitaire“ is] … the opposite of what I think of new music as a genre generally represents: crazy stuff that doesn’t even strike the uninitiated as music, but whose elements are quickly recognized and understood by aficionados.

Es passt ganz gut zu meiner Hörerfahrung, wie Gann hier seine eigene Komposition charakterisiert: Die Fremdheit dieser Musik kommt – sozusagen – von einer „anderen Seite“. Und ganz merkwürdigerweise nimmt diese Fremdheit sogar mit der Zeit noch zu, weil der letztlich beruhigende Gewöhnungseffekt, der beim wiederholten Hören selbst „radikalster“ Neuer Musik  (z. B. „freier“ Geräuschmusik) irgendwann eintritt, hier schlicht ausbleibt.

Aber warum nur (keine rhetorische Frage)?

Kyle Ganns „Solitaire“ und die Inversion der „Neuen Musik“

6 Gedanken zu “Kyle Ganns „Solitaire“ und die Inversion der „Neuen Musik“

  1. Gerhard schreibt:

    Bei mir tritt ein gewisser Gewöhnungseffekt ein, wird nicht fremder mit der Zeit..
    Fremd bleibt es allerdings, auch wenn ich es gern anhöre.
    Wenn sich das Fremdartige „bei Dir“ nicht einschleichen, sich auf die Dauer gefällig einordnen mag, sich sogar verstärkt, dann kann das mit der Gehirnorganisation zusammenhängen. Beim Zeiterleben etwa weiß man, daß zusammenhängend Empfundenes von den Zyklen innerer neuronaler Erregung abhängt.

    Also jetzt (echte) Musikexperten an die Front! Sagt was dazu, bringt Eure Kenntnisse ein. Wäre schön!

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  2. Gewöhnungseffekt tritt bei mir schon auch ein.

    Faktoren die mir einfallen:
    1) wie sehr man die „Aufzugmusik“ kennt (ich hör ja sowas nie^^)
    2) dito für Mikrotonalität (wobei in dem Fall wahrscheinlich egaler)
    3) „Schwankungsbreite“ d.h. gibt es Momente, in denen die Mikrotonalität verschwindet oder zu verschwinden scheint (hier definitiv gegeben) und wie weit entfernt sind die „schrägsten“ Momente… und ich glaub auch noch dass das Schwanken an sich einer der Hauptgründe sein müsste, warum der Gewöhnungseffekt ausfallen kann, weil man sich eben zwischenzeitlich immer mal wieder umgewöhnt, bis man dann vom nächsten schrägeren Moment wieder irritiert wird. Anders gesagt, man gewöhnt sich an einen zurechtgehörten „Normalklang“ und blendet die Mikrotonalität automatisch aus (wie man es ja auch macht, wenn jemand einfach „falsch“ singt).

    So, mehr fällt mir grad nicht ein.^^

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  3. @Gerhard: Hm, zu deinem „Neuro-Argument“ kann ich – naturgemäß – nichts sagen, da ich meine Hirnströme nicht von außen erleben kann.

    @Gerhard und knopfspiel:

    „Gewöhnung“: Vielleicht sprechen wir hier nicht über die gleiche Art von „Gewöhnung“. Auf einer niedrigen Stufe „gewöhne“ ich mich natürlich an „Solitaire“ gleich beim ersten Hören. Auch wenn einem der Fachbegriff „Mikrotonalität“ unbekannt ist, merkt man doch sofort, „Aha, hier stimmt etwas nicht“. Es ist ungefähr so, als ob man ein farbrichtiges fotorealistisches Gemälde vor sich hat, bei dem aber der Himmel grün ist (so ähnlich, wie ich das mitunter in meinen Fotoarbeiten photoshopmäßig realisiere).

    Habe ich dagegen einen van Gogh vor mir (und weiß ungefähr, „wie“ van Gogh malt), dann kann ich ihn bereits anhand des „typischen“ Stils erkennen, auch wenn ich genau dieses Bild noch nie gesehen habe. Dasselbe gilt für Bilder von Dalí, Max Ernst, Picasso, Gerhard Richter, Sigmar Polke (jeweils bezogen auf bestimmte Werkphasen) etc. Es gilt ganz sicher (mit der erwähnten Einschränkung) für Kunstmusik von Strawinsky, Reich, Schönberg etc.

    Das ist aber nicht das, was Gann hier macht. Ich denke, es geht hier nicht um „Originalität“ und „Wiedererkennbarkeit“ im o. a. Sinn. Vielmehr scheint er ein vorher genau ausgedachtes Konzept zu realisieren, das aber nur für diese eine Komposition Gültigkeit haben mag (oder er macht eine Serie, aber das ist dann natürlich seiner Willkür überlassen).

    Vielleicht ist es das, an was ich mich hier nicht „gewöhnen“ mag: das „Unorganische“, „Ausgedachte“, „Konstruierte“ an dieser Komposition, das gleichzeitig verschleiert und ausgestellt wird.

    Hoffe, ich konnte mich ein wenig verständlicher machen, danke für’s Zuhören🙂

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  4. Gerhard schreibt:

    Nein, ganz verstehe ich das nicht. Es interessiert mich, was Du genau meinst.
    „Vielmehr scheint er ein vorher genau ausgedachtes Konzept zu realisieren, das aber nur für diese eine Komposition Gültigkeit haben mag “
    Das ist doch in Konzeptmusik oder Musik, die von Software „komponiert“ wurde, der Fall. Also Dir bestens vertraut.
    Worin könnte die besondere Art der Gann’schen“ Konstruktion“ bestehen?Vielleicht sollte ich es mir nochmal anhören.

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  5. @Gerhard: Falls dich kompositionstechnische Details interessieren, die kannst du vom Meister selbst erfahren, in dem du auf den Link unter dem Wort „einiges“ im Artikel gehst.

    Ich denke aber eher, deine Frage zielt in eine andere Richtung: Was unterscheidet Ganns Komposition z. B. von Strawinskys „Sacre“?

    Nun, der „Sacre“ ist Ausdrucksmusik, weil sein Schöpfer sich aller ihm zur Verfügung stehenden ästhetischen Mittel bediente, um ein möglichst intensives, „starkes“, autonomes Artefakt herzustellen.

    „Solitaire“ ist Konzeptmusik, weil sein Schöpfer ein reflexives Moment in die Komposition einführt, das dessen „eigentliche“ Expressivität zumindest subvertiert, wenn nicht gar – aber das ist Geschmacksache – annuliert. Meiner Meinung nach (Kyle Gann mag das ganz anders sehen) geht es hier nicht bzw. nicht mehr um „Materialfortschritt“, d. h. die Erkundung „ungehörter Klänge“ (gähn), sondern um ein freies Spiel heterogener Elemente, das beim – geneigten – Zuhörer ein „Aha!“-Erlebnis auslösen soll. Es handelt sich um musikalische Science Fiction mit folgendem Narrativ: Was wäre, wenn wir in einer Parallelwelt leben würden, in der „normale“ Unterhaltungsmusik mikrotonal wäre?

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  6. Gerhard schreibt:

    Danke für die Ausführungen. Ich denke, sie sind für andere auch hilfreich, daher finde ich das gut.

    Was ich nicht mag am und im Netz, ist, daß Diskussionen und Erörterungen oft nicht fortgeführt und selten zu Ende gebracht werden. Irgendetwas wird losgetreten und dann versackt und versumpft es. Man könnte das so bewerten: „Hättest Du geschwiegen, wärest Du Philosoph geblieben“.
    Das ist so ähnlich wie mit einem Gespräch auf offener Strasse, wenn der Gesprächspartner sich urplötzlich wegdreht, und ohne Gruß geht, ganz ohne Vorankündigung und äusseren Anlass. Was mir im übrigen auch schon mal so passiert ist. Da steht man nun und wundert sich.

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