A Certain Ratio „Lucinda“ (1982)

Der britsche Post-Punk hatte nach meinem Dafürhalten nicht nur, wie in meinem Eingangsartikel vom Montag bereits gesagt, strukturell mit dem Surrealismus zu tun. Auch inhaltlich kann man viele ästhetische Phänomene dieser Zeit als Anwendung surrealistischer Strategien auf die Popmusik begreifen.

Ein Paradebeispiel hierfür ist für mich der folgende Track:

Was hören wir hier eigentlich? – „Funk!“, lautet für gewöhnlich die Antwort. Aber reicht das aus? Die Sängerin, deren Intonation sich jenseits von Gut und Böse bewegt, aber dennoch auf schwer definierbare Art und Weise „stimmig“ und nicht etwa einfach nur „daneben“ erscheint, passt doch von Timbre und Phrasierung her wohl eher in eine Hare-Krishna-Kapelle, und die während ruhigerer Passagen dräuenden tiefergelegten Gitarrenwolken weisen eher in Richtung New Wave als James Brown.

Doch nicht genug der „Unstimmigkeiten“: Während die Band – sprich: die Jungs – sich im Verlauf von „Lucinda“ ganz konventionell in eine 1982 nicht ganz unhippe BritFunk-Ekstase (remember Level 42?) hineinsteigert, verbleibt Martha Tilson in ihrer schrägen, luftigen, „esoterischen“ Ecke und lässt sich in keinster Weise (wie es Black-Music-Tradition wäre) vom Enthusiasmus der anderen allmählich anstecken: Sie singt „mit“ der Band, befindet sich dabei aber ganz offensichtlich auf einem anderen Planeten. Und das bleibt auch so.

Ich habe dieses Konzept der musikalischen „Doppelbelichtung“ (welches übrigens während des gesamten Albums „Sextet“ durchgezogen wird) immer als Musterexemplar einer gelungenen popmusikalischen Aneignung des Collageprinzips im Sinne des Surrealisten Max Ernst verstanden:

Collage-Technik ist die systematische Ausbeutung des zufälligen oder künstlich provozierten Zusammentreffens von zwei oder mehr wesensfremden Realitäten auf einer augenscheinlich dazu ungeeigneten Ebene […]

(Quelle)

A Certain Ratio „Lucinda“ (1982)

6 Gedanken zu “A Certain Ratio „Lucinda“ (1982)

  1. @alle: Zugabe, weil die Band einfach so brilliant war. Selbe Zeit (1981), selbe Besetzung (vermutlich), selbes Konzept: Spieltechnische Präzision trifft Anarchie. Leider abrupter Schluss (ist wohl ein Radiomitschnitt):

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  2. @Volker: Nein, es singt definitiv Martha Tilson. Aber mit „A Certain Ratio“ (ACR) und Martha Tilson ist es so eine Sache. Ich konnte einfach kein Foto von ihr auftreiben, und nach allem, was ich recherchieren konnte, hat sie in der langen Geschichte der Band auch nur auf diesem Album, das darum auch numerisch korrekt „Sextet“ betitelt wurde, mitgewirkt.

    Das Frappierende ist, dass sie dadurch den Gesamtcharakter von ACR dramatisch beeinflusste und die Band eine (vergleichsweise) Popularität erlangte wie nie zuvor und (soweit ich das überblicke) auch danach nicht (die Jungs sind wohl bis heute musikalisch aktiv). Ohne Martha klingen ACR eben meist nur wie eine spieltechnisch brilliante BritFunk-Band mit leichtem Noise-Anteil – nicht schlecht, nicht verkehrt, aber eben auch nicht außergewöhnlich.

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  3. Volker schreibt:

    Ich hab auch noch was gefunden:

    Ein im wahrsten Wortsinne abgedrehtes Video, die Bilder der Band passen überhaupt nicht zur Musik, aber egal. Ob die Person mit dem Mikro vor dem Mund Martha Tilson sein könnte?

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  4. @Volker: Macht nix, dass du die ganze Liste gepostet hast, diese Version von „Knife Slits Water“ kannte ich noch nicht – und sie ist gut🙂

    Und – es ist sehr wahrscheinlich, dass die Frau am Mikro in „Day One“ wirklich Martha Tilson ist (wer sollte es sonst sein?), über die ich ansonsten im WWW so gut wie nichts fand, nicht einmal ein Foto. Respekt, gut recherchiert🙂

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