Video der Woche : KW 36 : «Fotofilm 01: Die Stadt (Aufbruch)»

Während der laangen Sommerpause war ich nicht faul und habe mir ein neues Genre erfunden: den Fotofilm. Als Fotofilm bezeichne ich eine kurze, d. h. 5- bis 15-minütige Bild/Ton-Collage, die nach den hier spezifizierten Regeln fabriziert wird.

Fotofilme sind audiovisuelle Lyrik („YouTube-Gedichte“). Sie versuchen über einen Medienwandel, mir unverzichtbar erscheinende Qualitäten textbasierter moderner Lyrik wie Hermetik, Individualität, Polysemie und Unbestimmbarkeit für das 21. Jahrhundert, das eher von Bildern und Tönen geprägt ist als von Texten, neu zu formulieren. Mein erster Fotofilm heißt „Die Stadt (Aufbruch)“ und entstand im vergangenen Juli:

Video der Woche : KW 36 : «Fotofilm 01: Die Stadt (Aufbruch)»

3 Gedanken zu “Video der Woche : KW 36 : «Fotofilm 01: Die Stadt (Aufbruch)»

  1. Volker schreibt:

    Chapeau mein Freund – 5 Sterne von mir! Trifft voll meinen Geschmack und gefällt mir bald besser als das Gewimmel von Koyaanisqatsi – wobei ich mir den als zeitgeschichtliches Dokument aber auch ab und zu gerne mal wieder ansehe. Bloß – dort wie hier, das Ganze auf einer Kinoleinwand mit Dolbysurround – das wär’s!
    Und – äh – sollte das jetzt nicht deutlich geworden sein, ich will mehr davon, MEHR!😉

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  2. @Volker: Danke🙂

    Dein Hinweis auf Koyaanisqatsi ist ebenso richtig wie irreführend. Richtig, weil meine Fotofilme natürlich erstmal auch „nur“ Bilder mit Musik sind, irreführend, weil hinter ihnen ein anderes Narrativ steht als bei Reggios Bildern mit Glass‘ Musik.

    „Koyaanisqatsi“, obwohl US-amerikanischer Provenienz, war der perfekte Film für die/den bundesdeutscheN GrünenwählerIn der 1980er-Jahre: ästhetisierend, aber gleichzeitig angsterfüllt, schwelgerisch, aber gleichzeitig apokalyptisch: Ja, der Wald stirbt, die NATO-Nachrüstung führt in den 3. Weltkrieg und seit Tschernobyl sind wir sowieso alle schon verstrahlt, aber in meinem Häuschen in der Toskana lass ich mir’s dennoch gutgehen. Komische Zeit – übrigens treffend zusammengefasst im Titel eines Buches von Frank Apunkt Schneider: „Als die Welt noch unterging“.

    Meine Fotofilme verstehe ich dagegen als kleinteilige Meditationsübungen: Schau, was da ist. Schau diesen banalen Gegenstand an, dieses unscheinbare Haus, diese langweilige architektonische Situation. Ist er / es / sie wirklich banal / unscheinbar / langweilig? Schau noch mal hin. Vielleicht auch noch ein drittes Mal, aber etwas später.

    Meine Fotofilme – und meine Fotoarbeiten überhaupt – plädieren für Haecceitas („Diesheit“) im Sinne eines pragmatischen Umgangs mit Kontingenz, also den Dingen, die gegeben, aber weder notwendig noch unmöglich sind.

    „Haecceitas“ ist ein Begriff des mittelalterlichen Philosophen Duns Scotus, der die spezifischen Eigenschaften eines Objekts vor seinen verallgemeinerbaren betont bzw. wertschätzt. Genau deswegen stehen oft unspezifische, also im landläufigen Sinn „nichtssagende“ Objekte und Situationen im Zentrum meines fotografischen Interesses. Sie faszinieren mich, je nichtssagender sie sind (bzw. „sein wollen“, aber Objekte können natürlich nichts wollen). Dabei geschieht Folgendes: Je genauer man hinsieht, desto spezifischer wird ein Objekt, desto weniger vermag man es lediglich als Repräsentant einer bestimmten Objektklasse zu sehen. Der unabgelenkte, aufmerksame, unvoreingenommene Blick auf die Dinge generiert zwangsläufig Diesheit.

    Hinter dieser kontemplativen Art, die Dinge anzusehen, steckt natürlich ein gewisser Mystizismus, aber das geht für mich als Agnostiker durchaus in Ordnung. Ich weiß ja nicht bzw. kann nicht wissen, was oder wer „hinter der Haecceitas“ steckt (für Duns Scotus war das natürlich klar), ich spüre aber, dass zumindest etwas dahinter stecken muss, sonst gäbe es diese Faszination nicht bzw. sie hätte keinen Sinn.

    Als Agnostiker müsste ich freilich die Möglichkeit einer „banalen“, d. h. naturalistischen Erklärung dieser Faszination auch aushalten – und das unterscheidet mich dann wieder vom Theisten, für den hinter allem nur Gott stecken kann.

    Und apropos „Ich will mehr“: Die kommenden Montage gehören b. a. W. dem jeweils neuesten Fotofilm. Oder du gehst auf diese Seite.

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  3. Volker schreibt:

    @Stefan: In meiner Gier habe ich mir selbstverständlich bereits die beiden anderen Fotofilme angesehen…und sofort bemerkt, dass es nicht „gut tut“, will sagen, zu viel auf einmal vermindert bei mir sogleich das positive Erlebnis. Deswegen trifft der Terminus „Kleinteilige Meditationsübung“ genau den Kern und bringt auch meinen Vergleich mit Koyaanisqatsi auf den Punkt („Gewimmel“). Da ich ja bereits einmal die Ehre und das Vergnügen hatte, Dich auf einem fotografischen Streifzug/Spaziergang zu begleiten (ja, ich habe den halben B1000 – für wer’s nicht weiß: Barkas B1000, der VW-Bus der DDR – aus Peitz nicht übersehen!😉 ), verstehe ich sehr gut, was Du meinst. Allerdings muss ich dazu sagen, dass aus den „nichtssagenden Objekten“ in dieser Form des Fotofilms im Zusammenhang mit der Musik zumindest für mich sehr wohl Aussagen werden, beim Ansehen hatte ich sofort Assoziationen🙂
    Beim nächsten Mal werde ich mir vielleicht Notizen machen und versuchen, diese Selbstbeobachtung zu Papier zu bringen…nächste Woche dann also auf ein Neues🙂

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