«Sostenuto Study» für Klavier (ePlayer-Realisierung)

Soundfont Fazioli Musyng Kite
Sample Player freepiano 2.2.2
Faltungshall Schellingwoude Kerk Amsterdam (Fokke van Saane), unter Verwendung des VST-Plugins Freeverb3 Impulser

Kompositionsnotiz

Vorbemerkung Die folgende Kompositonsnotiz beschreibt keine Bewältigung von Zwängen bzw. Zwangsgedanken durch das Musizieren. Ich suche hier lediglich nach einer nachträglichen rationalen Begründung für die Verwendung bestimmter ästhetischer Mittel bei der Komposition eines Klavierstücks. Nach allem, was ich durch jahrelange Selbstbeobachtung erfahren habe, verhält sich die schöpferische Ausbeutung psychiatrischer Symptome neutral zu diesen, d. h. weder verbessern sich die Dinge dadurch, noch verschlechtern sie sich. „Heilung durch Kunst“ habe ich also nie erfahren, Linderung durch professionell verschriebene Psychopharmaka und partielle Ich-Einsicht durch professionelle Psychotherapie allerdings sehr wohl.

sostpedDas Stück basiert auf dem Pianolog vom 9. Oktober 2008 und entstand damit ein gutes halbes Jahr nach dem Material, das schließlich zur „Sostenuto-Sonate“ führen sollte. Ich habe mittlerweile eine Erklärung dafür, warum ich das allgemein selten genutze Sostenuto-Pedal, also das mittlere der drei verfügbaren Kohlenstoffweltklavierpedale, damals so gern einsetzte:

Seit jeher begreife ich meine Klavier-Improvisationen als „fMRT mit anderen Mitteln“, vulgo „Gehirnscan“. In den Nullerjahren hatte ich zwar noch keinen so klaren Begriff von dieser Methode wie heute (2016), aber das Konzept war schon damals klar:

Spiele, was du exakt jetzt fühlst, ohne Rücksicht auf Verluste. Das „Jetzt“ deines Befindens befindet sich für die Dauer der Improvisation in deinen Fingerspitzen. Bejahe es ohne Rückhalt.

„Sostenuto“ heißt „gehalten“ im Sinne von „andauernd“, und dieser Effekt schien mir im Sinne des eben Gesagten eine tragfähige akustische Analogie für gegen den eigenen Willen andauernde Zwangsgedanken zu sein, unter denen ich damals zu leiden hatte. Heute treten sie seltener auf (siehe auch mein Neuroporträt „Ichknast“).

Das Sostenuto-Pedal ist ein selektives Haltepedal, es hält nur die Dämpfer der aktuell aktiven Klaviersaiten zurück. Den so entstehenden „Geisterton-Effekt“ kennt vielleicht die eine oder andere durch das Spielen auf Klavieren, bei denen der Dämpfungsmechanismus einzelner Töne kaputt ist, weswegen diese auch nach dem Loslassen des Haltepedals weiterklingen.

Das Sostenuto-Pedal implementiert also blitzschnell ein selektives Tastengedächtnis und ermöglicht dem Pianisten so, durch ein frei konfigurierbares Gitter von ungedämpften Saiten hindurchzuspielen. Natürlich verklingen die Saiten, die dieses Gitter bilden, irgendwann, sie lassen sich aber, solange das Sostenuto-Pedal gedrückt bleibt, jederzeit re-aktivieren, indem man innerhalb des aktuellen Spielflusses die entsprechende Taste nochmals anschlägt. Erst, wenn man das Sostenuto-Pedal loslässt, werden auch diese Saiten gedämpft, der Sostenuto-Speicher wird gelöscht. Das Sostenuto-Pedal ist also wie eine Screenshot-Software, die eine Momentaufnahme aller gerade auf dem Schirm sichtbaren Elemente macht und so lange auf dem Schirm hält, bis sie gewollt gelöscht wird.*

Analog zu meinem alltäglichen Erleben von Zwangsgedanken spaltet sich der Spielfluss bei Verwendung des Sostenuto-Pedals also in einen fortschreitenden Bereich (B1) und einen festgefrorenen Bereich (B2) auf.

sostengaged
Das Sostenuto-Pedal eines Kohlenstoffweltklaviers bei der Arbeit. Zwei Töne bleiben hier ungedämpft. (Foto: cincinnatinote.blogspot.de, Grafik: Weltsicht)

Verwendet man zusätzlich das Haltepedal, „versinkt“ B2 natürlich vorübergehend in dessen Bereich (B3), taucht aber wieder auf, wenn man das Haltepedal wieder los lässt, denn B2 interagiert nicht mehr mit dem Haltepedal. Das Sostenuto-Pedal modifiziert also die bisher binäre** Verbindung zwischen Haltepedal und Tastatur und behandelt die aktuell zu seinem Bereich zählenden nach seiner eigenen Logik

Den so entstehenden akustischen Effekt, der vielen als „Fehlfunktion“ erscheinen mag – „Da ist doch der Dämpfer bei der Taste XY kaputt, die klingt doch immer nach!“ – , empfinde ich emotional ambivalent**:

Da gibt es mitunter Tasten, die „kleben bleiben“, die einfach nicht aufhören, nachzuklingen, egal, was ich sonst mit Tastatur und Haltepedal so treibe. Und dann funktionieren sie wieder, als wäre nichts gewesen. Die „Fehlfunktion“ verschwindet genauso unerwartet, wie sie auftrat. Diese Seite der „Sostenuto-Erfahrung“ kann man als Beklemmung auslösenden Kontrollverlust beschreiben.

Auf der anderen Seite erfahre ich die „Geistertöne“ auch immer wieder als faszinierend und anregend, da sie einen neuen „Layer“ in das Klavierspiel einführen, der einen zwingt, alles Bisherige neu zu bewerten.

Zusatzbemerkungen (ohne musikalischen Bezug)

Gedanken, die einem buchstäblich nicht mehr aus dem Kopf gehen, sind prinzipiell nichts Pathologisches, manchmal hat man eben wirklich vergessen, die berühmte Herdplatte auszuschalten und es hatte einen großen Vorteil, noch mal umgekehrt zu sein, um nachzuschauen. Ansonsten wäre die Hütte eben runtergebrannt. Danke, Zwangsgedanke!

Erst dadurch, dass diese Art von Gedanken sich immer weiter ausbreitet und immer mehr Zeit frisst, wird sie zum Handikap. Nach meiner Erfahrung sind hier die Übergänge zwischen „normal“ und „gestört“ fließend. Eine entscheidende Rolle dabei spielen meine Metakognitionen, d. h. wie ich diese Grübeleien innerlich bewerte. Hier gilt: Je stärker ich mich für meine repetitiven Kognitionen verurteile, ja hasse, desto „toxischer“ werden sie und können (Auto-)Aggressivität und depressive Verstimmung triggern.

Die klassische verhaltenstherapeutische Lösung dieses Problems läge nach meinem (laienhaften) Kenntnisstand darin, die eigene partielle Dysfunktionalität so lange rückhaltlos zu bejahen, bis sie „Ruhe gibt“ und so irgendwann auf ein normales Maß schrumpft. Dabei können angstlösende Psychopharmaka einem den hierfür notwendigen kognitiven Spielraum geben (den man „im“ akuten Zwang nun mal so gar nicht hat – sonst wär’s ja kein Zwang).

Die „Bejahung eigener Fehler, um sie damit zum Verschwinden zu bringen“ ist ein schwieriges, weil kontraintuitives Unterfangen, gerade für stark zur Intellektualisierung neigende Menschen wie mich, denn es beleidigt mein Ich, welches hier permanent eingestehen muss, nicht „Herr im eigenen Hause“ (S. Freud) zu sein. Aber genau diese Einsicht führt langfristig zu seiner nachhaltigen Konsolidierung.


* Zusätzlich müsste sie eine Funktion haben, diese Momentaufnahme allmählich verblassen zu lassen, während sie von neuen Bildschirmereignissen überschrieben wird, sowie eine weitere Funktion zur Auffrischung der gehaltenen Bildelemente, z. B. durch ein Mouseover.
** Und Ambivalenzerfahrungen können, wie wir seit Lehmanns „Gehaltsästhetik“ wissen, zu ästhetischen Erfahrungen werden.
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«Sostenuto Study» für Klavier (ePlayer-Realisierung)

5 Gedanken zu “«Sostenuto Study» für Klavier (ePlayer-Realisierung)

  1. Gerhard schreibt:

    Beim Durchwandern des Textes sties ich auf folgendes:

    „denn es beleidigt mein Ich, welches hier permanent eingestehen muss, nicht „Herr im eigenen Hause“ (S. Freud) zu sein.“
    Wie wäre es etwa mit Dauerschmerz? Auch da wärest Du nicht Herr im Haus, wärest ständig befasst mit notorischem Schmerz, der letztlich Deine ganze geistige Existenz überschatten würde. Man könnte auch da beleidigt sein, ist es aber wohl nicht, es sei denn man hadert mit der Rolle, die einem „zugeteilt“ wurde.
    Zwangsgedanken, die zeitweilig mein Leben auch recht stark bestimmt haben, sind aus meiner Ich-Welt, aus meinem Gedankenbräu eigentlich nicht wegzudenken. Sie haben mittlerweile meistens den Charakter anderer lästiger Gedanken wie etwa „endlich abnehmen zu wollen“ oder „die eigene Agression in den Griff bekommen zu wollen“, allesamt, so meine ich, überflüssige Gedanken, (da sie dergestalt nicht wirklich weiterhelfen können), die man aber doch i.d.R.hinnimmt.
    Dann:
    „Verwendet man zusätzlich das Haltepedal, „versinkt“ B2 natürlich vorübergehend in dessen Bereich (B3)“. Muß es hier nicht B1 heißen? B3 ist auf dem Foto nicht zu finden.

    „Aber genau diese Einsicht führt langfristig zu seiner nachhaltigen Konsolidierung.“
    Muß es nicht einer heißen?

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  2. @Gerhard: Danke für deine achtsame Kommentierung 🙂

    Die „Beleidigung“ des Ich durch Dauerschmerz würde ich vermutlich als andersartig empfinden, da deren Ursprung ja körperlicher Natur ist. Und dass ich gedanklich nicht über meinen Körper verfüge, ist sogar mir klar. Schwieriger ist da eben das Eingeständnis, gedanklich nicht einmal über die eigenen Gedanken verfügen zu können (da denkt etwas in mir, über das ich keinerlei Macht habe). Meine ursprüngliche Reaktion auf ein derartiges Eigenleben war stets: „Und jetzt werde ich ganz sicher verrückt / schizophren / wahnsinnig / psychotisch, denn ich habe keine Macht mehr über meine eigenen Gedanken.“ Mittlerweile weiß ich, dass die professionelle Psychiatrie scharf unterscheidet zwischen dem „taghellen Wahn“ des Zwangsgeplagten und dem „dunklen Wahn“ des Psychotikers. Der Zwängler weiß stets, dass er sich etwas einbildet, der Psychotiker dagegen glaubt, eine objektiv wahre Botschaft von außen zu empfangen. Die Fachbegriffe hierfür heißen, – wie du vermutlich weisst, aber hier lesen ja evtl. auch weitere mit, deswegen doziere ich jetzt ein wenig – Ich-Dystonie bzw. Ich-Syntonie. Der Wahn des Zwänglers ist ich-dyston, der Wahn des Psychotikers ich-synton. Dazu passt auch die völlig unironische Aussage eines Bekannten, er habe sich nie so großartig gefühlt wie während seiner Psychose. Ich dagegen fühle mich im zwangsgeplagten Zustand hundsmiserabel, fremdgesteuert und verachtenswert.

    B3, also der vom Haltepedal regierte Bereich, ist deshalb nicht zu finden, weil er alle Tasten umfasst. Entweder man tritt das Haltepedal, dann werden alle Dämpfer gelöst, oder man lässt es los, dann werden alle Tasten gedämpft. B2, also der durch das Sostenutopedal regierte Bereich, hebt diese simple Binarität allerdings auf, er funkt sozusagen dazwischen.

    „Seiner“ bezieht sich auf „Ich“ im vorhergehenden Satz: Das Ich konsolidiert sich.

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  3. Super Stück. mag Der erste Akkord suggeriert so „Okay, jetzt kommt eine langweilige mittelmäßigjazzige Improvisation“ und dann wird damit total schnell (und brutal genug) gebrochen.

    Was das Sostenuto-Pedal betrifft, frage ich mich gerade, was ich verpasst habe, dadurch, dass ich eigentlich nie eines zur Verfügung hatte.^^ Ich muss aber zugeben, dass der Effekt für mich beim Hören gar nicht in den Vordergrund tritt. Ich denke mir vermutlich automatisch die Finger, die diese Tasten weiterhin halten, dazu – Hörgewohnheit.
    Sind Ohrwürmer musikalische Zwangsgedanken? Ich empfinde diese beim Improvisieren als sehr störend, wenn ich manchmal das Gefühl habe, ich würde am Liebsten eigentlich gerade XY spielen (was aber außerhalb spieltechnischer Kompetenz liegt) und improvisiere deswegen einen Abklatsch von XY, baue Wendungen davon ein, aber auch nicht so richtig, weil dem noch das Bedürfnis nach Autonomie entgegensteht, das sagt „Ok aber eigentlich improviesiere ich frei, verdammt!“ – könnte man natürlich auch abstellen, aber das ist gar nicht so einfach.
    Wie unterscheidet sich die E-Player-Realisierung eigentlich von einer „Aufnahme“ dessen, was du gespielt hast? (Oder tut sie überhaupt?) – Ich hab nur den Eindruck bei manchen Läufen, dass diese sehr „sauber“ wirken, also sauberer als man es auf einem mechanisch schwerfälligeren Klavier hinkriegt. Täuscht mein Eindruck?

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  4. Gerhard schreibt:

    „gedanklich nicht einmal über die eigenen Gedanken verfügen zu können (da denkt etwas in mir, über das ich keinerlei Macht habe)“
    Das erlebe ich lästigerweise auch ausserhalb eines Zwangkontextes. Nicht nur in Phasen kurz vor dem Einnicken, sondern auch tagsüber spielen sich seit einiger Zeit manchmal Gedanken und Bilder ein, die sinnlos und wie Müll erscheinen. Für mich ist das quälender als Zwang, den ich gut kenne und einordnen kann.
    Ich vermute dahinter schlicht einen akt der Gehirnchemie, gerade weil ich seit geraumer Zeit nicht mehr darunter „leide“. Das Kino im Kopf mit d- und e-pictures braucht man nicht.
    Bzgl. Körperlicher Schmerzen weiß man sehr wohl und auch selbst intuitiv, dass sie sehr oft seelischen Ursprung haben, das meint, dass Seele und Körper zusammenschwingen und es eins oder das andere für sich nicht gibt.

    Etwas ungelenk mit Handy geschrieben:-)

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  5. @PED: Danke für deinen interessierten Kommentar 🙂

    Das Sostenuto-Pedal ist tatsächlich nur ein Aufhänger hier, über Mechanik lässt sich’s halt leichter und klarer sprechen als über, äh, Poesie.

    „Sind Ohrwürmer musikalische Zwangsgedanken?“ – Wenn sie als ich-dyston empfunden werden: ja. Ich spreche hier natürlich als interessierter Laie, die psychiatrische Lehrmeinung dazu kenne ich nicht.

    „Ich empfinde diese beim Improvisieren als sehr störend …“ – DAS ist eine interessante Selbstbeobachtung, danke 🙂 Ich vermute, du meinst Folgendes: Man improvisiert und gelangt zu einem ganz bestimmten Punkt / einer spezifischen musikalischen Situation, und dann fällt einem blitzartig eine Passage beim Komponisten XY ein, die das jetzt „genial“ weiterentwickeln bzw. lösen könnte, aber Scheiße, das kann ich jetzt so aus dem Handgelenk raus natürlich nicht spielen, Mist, was jetzt?

    Mein Tipp (aus jahrelanger Erfahrung / Selbstbeobachtung):
    * kurz innehalten (um Automatismen / impulsive Reaktionen zu blockieren)
    * dem nachhören, was man selber als Letztes gespielt hat
    * den „Ohrwurm“ liebevoll und achtsam beiseite legen
    * weiterspielen.
    Gelingt mir so ideal aber auch nicht immer.

    „Ich hab … den Eindruck bei manchen Läufen, dass diese sehr „sauber“ wirken, also sauberer als man es auf einem mechanisch schwerfälligeren Klavier hinkriegt.“ – Dein Eindruck trügt nicht. Ich betreibe exzessives „Mikro-Editing“, d. h. alle Passagen der an sich „fertigen“ MIDI-Aufnahme, mit denen ich spieltechnisch unzufrieden bin, werden (später, mitunter Jahre später) noch mal „angefasst“ und „händisch“, d.h. mit der Maus, nicht mit irgendwelchen Quantisierungsalgorithmen!!!, korrigiert. Der Prozess ist vergleichbar mit dem Lektorat eines (eigenen) Textes. Dieses Mikro-Editing ist der heikelste Teil meines ganzen Komponierens, er verbraucht unheimlich viel Zeit (vermutlich so viel, wie eine Partitur zu schreiben, hihi) und strengt sehr an, denn man ist natürlich ständig in Versuchung, zuviel zu glätten, um „besser auszusehen“. Manchmal geht es auch gar nicht um spieltechnische Unzulänglichkeiten, sondern um die Substanz („Was wollte ich hier eigentlich ausdrücken?“).

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