«An Ocean of Surprises» for Surprise Piano

Soundfont Joe „Big Cat“ Stevens, ein unabhängiger, nicht-kommerzieller Macher von Sample Libraries, hat sich selbst übertroffen. Die Entstehung seiner neuen Bibliothek „Surprise Piano“, die er am 2. Juli kostenlos online stellte, liest sich so:

Reading David Byrne’s book about music I was inspired to be weirder. So I tried to create something odd. In this case you hit a key and one of five pianos will play. Oddly when you just hit one key at a time it sounds pretty bad, but often it seems folks play several notes at once and in some sort of sequence. This tends to average out the various pianos somehow and sometimes creates some other piano sound. […] This uses the City, Iowa and Skerratt London Public Domain pianos and the Salamander and VSCO 2 Community Orchestra Creative Commons Pianos.

Nun, da auch ich zu den Menschen gehöre, die gerne „mehrere Noten auf einmal und in einer Art von Sequenz“ spielen ( 😉 ), schien es mir lohnend, meine Komposition „Ocean“ für 2 MIDI-Klaviere einmal mit Joes Font zu rendern. Das Ergebnis (siehe oben) befriedigte mich ganz außerordentlich. Seitdem denke ich darüber nach, warum das wohl so ist. Das Folgende fiel mir ein:

Joes „Surprise Piano“ implementiert ein gewisses Maß an Chaos in die Sonifikation meiner MIDI-Partitur. Die Originalversion von „Ocean“ hatte ich mit dem perfekten, sprich komplett linearen, Soundfont eines Bösendorfer Imperial-Flügels realisiert. Die Ästhetik dieser Art des Samplings folgt dem Bauhaus-Prinzip und ist so vorhersehbar wie die Gitterstrukturen des frühen Sol LeWitt (dessen Werk ich schätze!). Man könnte sie „analytisch“ nennen, denn jegliche Partitur, die durch derartige Bauhaus-Soundfonts realisiert wird, klingt tendenziell ausgesprochen transparent, aber auch ein wenig kalt und leidenschaftslos. Sie folgt einer Art Sampling-Reinheitsgebot, das Unregelmäßigkeiten zu minimieren versucht.

Joe Stevens‘ Sampling-Ästhetik könnte man demzufolge „synthetisch“ nennen, denn er hatte ein außermusikalisches Konzept (“ … you hit a key and one of five pianos will play.“), bevor er anfing, die Bibliothek zu bauen*. Darüber hinaus hat er, soweit ich das übersehen kann, sämtliche während der Font-Erstellung auftretenden Kontingenzen („it sounds pretty bad“) bejaht und mit ihnen gearbeitet, was nicht mit Liederlichkeit oder einer „Passt scho – is eh alles wurscht“-Mentalität zu verwechseln ist. Vielmehr blieb er einfach seinem Konzept treu. Der „Surprise Piano“-Soundfont hält so auf wunderbare Weise die Balance zwischen Vorhersehbarkeit und Unvorhersehbarkeit, ohne ins Beliebige abzudriften. Well done, Joe 🙂

Entsprechend habe ich diese Version von „Ocean“ umbenannt in „An Ocean of Surprises“ und wünsche nun allen interessierten LauscherInnen eine interessante knappe halbe Stunde 🙂

Sample Player Kontakt Player 5.5.1.451 Demo Mode  (unter FreePiano 2.2.2)

Faltungshall Schellingwoude Kerk Amsterdam (Fokke van Saane), unter Verwendung des VST-Plugins Freeverb3 Impulser

Kompositionsnotiz

Die Kompositionsnotiz zu „Ocean“ steht hier, eine Visualisierung der Originalversion findet sich dort.


* Man könnte auch von einer „Vision“ sprechen: Jede der 88 Klaviertasten eines Masterkeyboards ist mit einem von fünf ganz unterschiedlichen Klavieren bzw. Flügeln verbunden, was der Pianistin ermöglicht, gleichzeitig auf fünf verschiedenen Tasteninstrumenten zu spielen. Mithilfe von MIDI und 5 unterschiedlichen Selbstspielklavieren wäre das, denke ich, technisch auch in der Kohlenstoffwelt im Prinzip umsetzbar – aber vermutlich ziemlich aufwändig.
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«An Ocean of Surprises» for Surprise Piano

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