Rezension der „Gehaltsästhetik“ im Artblog Cologne

covergehaltAndreas Richartz möchte Lehmanns Buch eigentlich bewundern, findet dann aber doch einige missliebige Aspekte, wie z. B. die angebliche Aussparung der politischen Dimension von Kunst* sowie die stiefmütterliche Behandlung von Subkultur**, die sein Gesamturteil schließlich eher durchwachsen ausfallen lassen, was schade ist.

Auch das leidige Thema der angeblichen „Normativität“ von Lehmanns Kunstphilosophie kocht wieder hoch. Mein Gott. Was soll das überhaupt sein, eine normative Ästhetik? Doch wohl ein theoretisches Regelwerk, das explizit und exklusiv festlegt, was gute Kunst ist und was durch’s Raster fällt. Und genau das ist „Gehaltsästhetik“ nicht.

Im ersten Teil des Buches entwirft der Autor eine allgemeine, an naturwissenschaftliche Erkenntnisse anknüpfende Theorie ästhetischer Erfahrung, im zweiten Teil artikuliert er seine Desiderate an zeitgemäße Kunst: sie müsse gehaltsästhetische Züge haben, um ihrem Kunstanspruch gerecht zu werden, ansonsten handle es sich eben „nur“ um Kunsthandwerk bzw. Design.

Ich habe den Eindruck, was speziell westdeutsch Sozialisierte immer wieder an Lehmanns Position irritiert, ist, dass da überhaupt mal wieder ein Intellektueller präzise definierte Ansprüche an Kunst stellt, anstatt sich auf ironische Kommentare zum Kunstbetriebsgeschehen zu beschränken. Wenn es aber schon normativ – sprich: eine Zumutung – ist, Ansprüche an Kunst heranzutragen, die nicht von der Künstlerin selber willkürlich vordefiniert wurden, gerät das ganze Dispositiv in Schieflage und es kommt früher oder später zu einer „Diktatur der Kunst“ – allerdings nicht im Sinne Jonathan Meeses. Denn die real existierende Diktatur der Kunst ist so gar nicht „geil“, sondern eher bleiern.

Genau diese Malaise spricht Richartz an, wenn er eine „flächendeckend erschreckende Sprachlosigkeit zwischen Künstlern (untereinander) und Publikum, ja eine nahezu vollendete Anschlusslosigkeit von Kommunikation“ beklagt. Klar: Wo „die Kunst“ sich ihre eigenen Regeln gibt und alle das prima finden, erübrigt sich jene Form von substanziellem Gedankenaustausch, die man früher „Kunstkritik“ zu nennen pflegte. Denn wer meint und argumentiert, hat schon verloren, Ende Gelände.

Was übrig bleibt, ist mehr oder minder geistreiches Geplauder. Oder eben gleich Geldverhandlungen.


* Es gibt wohl kaum politischere Kunst als gelungene gehaltsästhetische Werke wie z. B. Lars von Triers „Melancholia“, aber auch Leni Riefenstahls „Olympia“ (meine Beispiele). Freilich handelt es sich hierbei nicht automatisch um politsch korrekte Kunst bzw. um Kunst, deren politische Verortung und Vereinnahmung auf der Hand liegt.
** Hier muss ich dem Rezensenten recht geben. In „Gehaltsästhetik“ sucht man vergeblich nach Namen wie Janis Joplin oder Jimi Hendrix, einzig Steve Reichs Minimal music, die zumindest hierzulande zeitweise unter „Alternativkultur“ firmierte, findet ausführliche Erwähnung (S. 191 – 193). Das spricht allerdings nicht gegen die Allgemeingültigkeit von Lehmanns philosophischer Ästhetik, denn Schönheit, Erhabenheit, Ereignishaftigkeit und Ambivalenz finden sich natürlich auch bei John, Paul, George und Ringo. Gerade die Geschichte der Popmusik lässt sich ganz hervorragend als Abfolge von Medienver- und entschachtelungen beschreiben. Wäre eine schöne Aufgabe für eine akademische Arbeit, fällt mir gerade auf😉

 

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Rezension der „Gehaltsästhetik“ im Artblog Cologne

8 Gedanken zu “Rezension der „Gehaltsästhetik“ im Artblog Cologne

  1. orrdmdennis schreibt:

    @Stefan, zu **:
    1. Warum bitte ist Jimi Hendrix oder Janis Joplin Subkultur? Viel mehr Mainstream geht doch eigentlich kaum noch. Gegen deren Werk und dessen Reichweite ist doch fast alles andere Subkultur.

    Die Anwendung von Lehmanns Gehaltsästhetik auf popkulturelle Inhalte z.b. auch Popmusik habe ich schon in meiner Buchrezension vom 7. Juli ins Spiel gebracht und ihm auch persönlich gegenüber vorgeschlagen.

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  2. @orrdmdennis: Ja, „Popkultur“ wäre natürlich besser. Sie sind jedenfalls nicht Teil der traditionellen Hochkultur, als deren Erbe sich ja – ob nun zurecht oder nicht – die „Neue Musik“ betrachtet. Wo kann ich denn deine Rezension finden bitte?

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  3. JJäger schreibt:

    Nur eine Anmerkung die ich generell zu Lehmann habe, dieses Buch im Post habe ich noch nicht gelesen, sondern den Vorgänger, „Die digitale Revolution der Musik“. Dazu hab ich mich noch nicht geäußert.

    In dem Buch steht eigentlich nichts glaubhaft skandalöses (der technologische Optimismus ist eher zum schmunzeln, tritt er nicht ein, dann tritt er halt nicht ein) und die giftigen Reaktionen darauf waren so offensichtlich gekünstelt (Eine Rezension phantasierte darüber, dass Tonbänder ja eine Nazi-Erfindung waren. Als hätten Stockhausen und Co. nie existiert.), dass ich daraus schließe, dass die Neue Musik Szene in so einer Notsituation war, dass die künstliche Skandalisierung, die ja den Erfolg Lehmanns zementiert hat, den einzigen Weg in irgendeine Zukunft wies, die nicht mit dem Rückkehr zur Tonalität verbunden war und deshalb als notwendig erachtet wurde.
    Am Ende hatten alle etwas davon, auch wenn es nur der Umstand war, dass man zeigen konnte, dass die NMS (Neue Musikszene) doch nicht so tot war wie geglaubt.
    Die Einordnung dieser Zukunft ist ein wenig haarig, wenn sie wirklich damit verbunden ist, den Musikbegriff zu erweitern. Darin steckt eine Zielsetzung, die man wahrscheinlich nicht teilen sollte, wenn man über die Postmoderne hinausgehen möchte. Diese Zielsetzung ruft diverse Gleichgültigkeitsmantras hervor. Also: Alles ist Musik, Alles ist Kunst etc. Hier stellt sich keine qualitative Distinktion ein, die man aber haben kann. Nach dem Poststrukturalismus ist eine Begriffserweiterung überhaupt kein Kunstwerk mehr, die sind einfach zu haben. Man muss nur genügend Frechdachse hinter sich massieren, dann kriegt man jeden Begriff ruiniert. Man möchte nicht das zehnte Rad am Wagen sein, dass mit gespieltem Brohei zum xten mal den Begriff Musik erweitern darf, „kicking the can down the road“. Ist zwar nicht schlecht, über den Ruhm würde sich niemand beschweren aber ich denke da ist noch mehr drin.
    Das postmoderne Seufzen „Na schön, dann lass die Konzeptkunst eben Musik sein“, die sich auch im Begriff der Konzeptmusik wiederspiegelt, kann man vermeiden, indem man klar macht, dass der Grund, dass sich die NMS zukünftig für Konzeptkunst zu interessieren hat, nicht darin liegt, dass es sich um eine neue Art der Musik handelt, sondern dass die Zielsetzung, „Erweiterung des Musikbegriffs“, die die NMS auch selber vertritt und die Lehmann übernommen hat, heute für eine Kunstszene nicht mehr ausreicht. Es geht nicht darum den Musikbegriff zu erweitern, sondern die Zielsetzung der NMS zu erweitern, und das ist ein qualitativer Unterschied, also neu. Eine erweiterte Zielsetzung ist beispielsweise Kritik von außen zuzulassen, also außerhalb der Sphäre der Musik. Das ist nötig, um die Postmoderne hinter sich zu lassen. Dazu muss man aber nötig machen, dass diese Art der Kunst (Neuer Konzeptualismus) eben auch nicht Musik sein kann (aber trotzdem Kunst ist).
    Eine qualitative Neuerung ist eben, dass ein Künstler zum ersten mal mit einer bereits etablierten Kunstform, der Performancekunst an eine Kunstszene, die NMS, die damit nichts zu tun hat, herantritt, und konstatiert: „Das hat euch zu interessieren!“ Und dieses Interesse, dass auch die Szene selbst anerkennt, ist völlig unabhängig von der Frage, ob diese Art der Kunst Musik sei oder nicht. Deshalb würde ich einen Begriff wie Konzeptmusik für das Gesamtwerk beispielsweise Kreidlers ablehnen und den Begriff Neuer Konzeptualismus bevorzugen, eben weil es keinen expliziten Bezug zur Musik hat.
    Kurzum: Will man von der Postmoderne weg, muss man von den Begriffen weg und zur Sache hin. Begriffe zu erweitern hat sachlich keinen Wert.

    Das soll keine generelle Rezension sein, sondern nur ein Gedanke zur Frage, „Warum soll der Begriff Musik erweitert werden?“, und für was man da einen Erfolg erstreiten würde. Ich denke man kommt ohne aus.

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  4. @jjäger: Danke für deinen ausführlichen Kommentar, der jedoch ein wenig nach Verschwörungstheorie riecht, als hätte es sich bei den teils harschen Kritiken an Lehmanns Musikphilosophie um Scheingefechte gehandelt.

    Nein, ich denke, das war zum einen der klassische Fall des Neulings im Wolfsrudel, der (noch) nicht den typischen Rudelgeruch aufweist und deshalb (erst mal) weggebissen wird (sorry, wenn ich hier so biologistisch werde).

    Zum anderen bin ich der Meinung, dass die Kunstmusik in den Nullerjahren mithilfe Lehmanns, Kreidlers (und ein ganz klein wenig auch mithilfe dieses Blogs) lediglich eine Entwicklung nachgeholt hat, die die Bildende Kunst bereits in den 1960er-Jahren hinter sich gebracht hatte: eine Verschiebung von der Material- zur Gehaltsästhetik, bei der die Konzeptualisierung eine „katalytische“ (H. Lehmann) Übergangsfunktion eingenommen hat. Kreidler wäre somit der Kosuth der Kunstmusik – und letztere schließt damit auf zur Gegenwart (wofür sie Kreidler eigentlich dankbar sein sollte, aber da wird wohl noch einige Zeit vergehen).

    Gehaltsästhetisch gelungene Kunstmusik verstehe ich eben gerade nicht als „erweiterte Musik“ (da wären wir ja immer noch im materialästhetischen Universum), sondern als „Musik-plus-Nicht-Musik“, die im Dienst einer dritten Sache, dem Gehalt nämlich, steht. Der „Skandal“ daran besteht in der Dezentrierung der Musik als allein legitimer kunstmusikalischer Ausdrucksform. Und genau darüber haben sich einige in der Kunstmusik-Szene in derselben Weise aufgeregt, wie sich in der Nachkriegszeit Clement Greenberg über die Pop Art echauffierte, weil diese die Malerei als allein legitime bildnerische Ausdrucksform ebenso dezentrierte („Dezentrierung“ heißt natürlich nicht „Ablösung“. Die Malerei ist seit den 1960er-Jahren ebensowenig verschwunden wie die „absolute Kunstmusik“ verschwinden wird – aber man betrachtet Malerei nach den Erschütterungen der Konzeptualisierung in den 1960er-Jahren eben grundsätzlich anders als vorher). – Ich denke, diese historische Analogie erhellt – trotz fragloser Unterschiede im Detail – die ganze Angelegenheit entscheidend.

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  5. JJäger schreibt:

    Verschwörung trifft es nicht, eher ein kollektive Aporie, die im plötzlichen Handlungsdruck vorschnell aufgelöst wurde. Ich hätte in der Gegenrede eher erwartet, die Argumente zu hören, die einst die Stuckisten der Konzeptkunst entgegengebracht hatten, nachdem sich nach 50+ Jahren Konzeptkunst die Einfallslosigkeit und Stagnation eben dieser offenbarte. Wie du schon sagtest, ist diese Entwicklung lange überfällig gewesen (und deshalb auch nicht skandalös), nur die Einordnung finde ich teils missverständlich.
    Ich bin der Meinung, dass eben durch diese verspätete Nachholung ein Qualitätsgewinn möglich ist. Deine Auffassung Neuer Konzeptualismus ist Musik-plus-Nicht-Musik teile ich.

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  6. JJäger schreibt:

    Natürlich gibt es bei Lehmann weitaus mehr qualitative Unterschiede, die ich jetzt nicht besprochen habe, das Konzept des Soundshop-Programms, das Konzept des musikalischen Relats usw. Das wollte ich jetzt nicht thematisieren. Auch gibt es natürlich „konzeptuelle Musik“, den Begriff verwendet er ja auch, und den finde ich ausreichend. Es ging mir um die Implikationen des Begriffs „Konzeptmusik“ und „erweiterter Musikbegriff“.

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