Video der Woche: KW 43 : Geri Allen rockt die Pariser Philharmonie (2016)

gaIch habe Allens Karriere so ziemlich von Anfang an, also ab Mitte der 1980er-Jahre, mitverfolgt – die Schallplatte links habe ich damals sogar für das Fanzine „10.16“ besprochen, wenn ich mich da richtig erinnere (Herr Zimmermann?), fühlte mich aber zwischendurch immer mal wieder recht weit weg von ihr (als Jazzpianist) und war mitunter einfach enttäuscht, weil sie die Erwartung, die ich in sie setzte, nicht erfüllte. Sollte sie doch die Pianistin sein, die Steve Colemans M-Base concept, den Gegenentwurf zum Neo-Klassizismus von Wynton Marsalis, in die pianistische Praxis überführte.

Seit einigen Tagen hat sich das drastisch geändert:


Leider weiß ich nicht genau, wie das Stück heißt – in jedem Fall ist es es von McCoy Tyner. Die Namen ihrer wackeren Mitstreiter habe ich mittlerweile herausgefunden, es handelt sich um den Kontrabassisten Gerald Cannon und den Drummer Francisco Mela, beide Teil von Tyners aktuellem Trio. Was ich genau weiß, ist, dass mir die vollkommen überraschendende pop-harmonische Wende des Stücks ab 2’28″* immer wieder einen kleinen euphorischen Kick beschert 🙂 Wow, that’s it!

M-Base als abstraktes ästhetisches Konzept für improvisierende MusikerInnen dürfte hierzulande nicht sonderlich bekannt sein, deshalb hier mal ausnahmsweise zwei (leicht bearbeitete) Wikipedia-Snippets zum Thema. Den Begriff erklärt die deutschsprachige Wikipedia folgendermaßen:

Der Ausdruck M-Base ist einerseits eine Abkürzung für „Macro Base“ (große, weite, starke Basis) und enthält andererseits mit dem Wort „Base“ eine Abkürzung für „Basic Array of Structured Extemporizations“ (grundlegende Anordnung strukturierter Improvisationen).

Und die englischsprachige Wikipedia fasst die wesentlichen Desiderate von M-Base so zusammen:

(…) improvisation and structure, contemporary relevance, music as expression of life experience, growth through creativity and philosophical broadening and the use of non-western concepts.

Neben Allen und Coleman steht auch die Sängerin Cassandra Wilson dem M-Base nahe, der eine Generation jüngere Pianist Vijay Iyer und die zwei Generationen jüngere Bassistin und Sängerin Esperanza Spalding schöpfen – nach meinem Eindruck – ebenfalls aus dieser Quelle.

Eine Art „Markenzeichen“ des M-Base ist die selbstverständliche Verwendung komplexder, d. h. ungerader oder zusammengesetzter Metren innerhalb ansonsten konventioneller Jazz-Rhythmik, eine bis dahin eher exotische Praxis. Hier ein glänzendes Beispiel aus dem Jahr 1998, ebenfalls mit Geri Allen im Trio.


* Ab hier – und das meine ich als Kompliment – könnte das Stück auch aus der Feder von Sergio Mendes stammen
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Video der Woche: KW 43 : Geri Allen rockt die Pariser Philharmonie (2016)

7 Gedanken zu “Video der Woche: KW 43 : Geri Allen rockt die Pariser Philharmonie (2016)

  1. Danke für die Erwähnung von Geri Allen. Leider ist sie noch relativ unbekannt. Das Klavier im Jazz ist noch immer eine Domaine der Männer, auch in der Wahrnehmung durch die Medien. Leider. Aber vielleicht ändert sich das bald. Mit Eve Risser ua. kommen viele Frauen im Jazz zum Zuge. Wir werden sicher davon hören !

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  2. @portfuzzle: Danke für den Kommentar. Meine Wertschätzung für Allen hat allerdings nichts damit zu tun, dass sie eine Frau ist. Würde ein männlicher Musiker so spielen wie Geri Allen, wäre mein Urteil dasselbe.

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  3. Gerhard schreibt:

    Sicher. Agree!
    Aber daß Frauen im Jazz und auf dem Piano nicht zusehends an Präsenz gewinnen, stimmt definitiv nicht.
    Ich denke z.b an die „legendäre“ Chi Coltrane, Mir gefiel (damals), was sie machte. War zwar „Pop“ oder „Rock“, aber was soll’s.

    Wollte eigentlich gerade hier nur schreiben, daß ich die Schreibe von Stefan sehr schätze. Ich weiß, das weiß er selber, daß er gut ist 🙂 Da braucht es nicht mein Zutun.
    Ich finde auch bemerkenswert, daß er praktisch immer „trocken“ , unleicht in Reflexion verharrt und nicht ab und an in Jargon abdriftet. So gesehen ein wahrhaft literarisch-musikalischer Salon.

    Das kann man auch wieder löschen, übrigens. Leichter Hauch, dahergeweht.

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  4. @portfuzzle: Schon gut, ich mag’s halt generell nicht, wenn behauptet wird, „Mehr Frauen!“ sei die Lösung aller Weltprobleme. Es gibt guten und weniger guten Jazz, das Geschlecht des/der MusikerIn sollte dabei keine Rolle spielen. Es kommt ja auch niemand auf die Idee, etwa zu sagen: „Mein Gott, was für ein begnadeter Musiker. Schade, dass er ein Mann ist, sonst hätte er sicher einer große Zukunft vor sich!“ Hm – oder vielleicht doch? Das wäre dann allerdings diskriminierend.

    Das Video oben stammt übrigens aus dem von dir verlinkten Konzert, ich hab’s nur ein wenig editiert …

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  5. @Stefan Wie gesagt, ich hab es etwas verquer geschrieben und das Video ist auch wegen Craig Taborn, der ist schon der Wahnsinn. Also für alle anderen zum anschauen. Aber allein die Idee dieses Konzertes ist doch verrückt. Oder ?

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