Gentrifizierung, soziokulturell

Guter, ursprünglich für die Jungle World geschriebener, aber dort abgelehnter, Artikel von Michael Seemann über „kulturelle Gentrifizierung“. – „Soziokulturelle Gentrifizierung“ wäre noch präziser, wie ich finde, da es hier nicht bzw. nicht nur um Kultur im engeren Sinn, also KunstMusikFilmLiteraturetc. geht, sondern um eine gesellschaftliche Segregation (Marxisten würden es „Klassenkampf“ nennen), die in den letzten paar Jahrzehnten still, leise, nachhaltig und vermutlich irreversibel stattgefunden hat und uns noch viel, Vorsicht Ironie, Freude bereiten wird: Das als Folge der Soziodigitalisierung neu entstandende globalliberale Establishment (Globalliberale) wird allmählich zum Mainstream bürgerlicher Existenz hierzulande, was viele bisher soziokulturell unauffällige Angehörige der Mittelschicht zu patriotischen Wutbürgern (Wutpatrioten) hat mutieren lassen.

Keine wirklich neue Erkenntnis, meint man zunächst. Aber Seemann macht klar, wie verblüffend die Fronten heute verlaufen: Im globalliberalen Block steht Angela Merkel neben Sascha Lobo und Carolin Emcke, im wutpatriotischen Block Horst Seehofer neben Henryk M. Broder und Akif Pirinçci* (Merkel und Seehofer stehen bei Seemann, der Rest ist mir eingefallen). Beide Formationen berufen sich auf „bürgerliche Werte“, picken sich aber jeweils die ihnen genehmen aus diesem breiten Sortiment heraus. Als Faustregel gilt: Die Globalliberalen sind in erster Linie Weltbürger mit fließendem Englisch, die Wutpatrioten Nationalbürger ohne fließendes und mitunter sogar ganz ohne Englisch. Erschrocken stellen sie fest…

… dass uns [Globalliberalen, S.H.] ihre Welt zu klein geworden ist, dass wir uns moralisch überlegen fühlen und dass wir nach Größerem streben. Vor allem merken sie, dass wir dabei erfolgreich sind, dass wir auf diesem Weg die Standards definieren, die nach und nach auch an sie selbst angelegt werden. Ökologische, antirassistische, antisexistische Standards. Politisch korrekte Standards eben. Und die Standards, die dabei entwertet und verdrängt werden, kamen mal aus dem Bürgertum, aus einer Zeit, als sie noch das Sagen hatten.

Das Problem ist nur, dass die Globalliberalen – zu denen ich selber zähle, da beisst die Maus kein Faden ab – zwar vieles wollen, aber eines ganz sicher nicht: sich als „Block“ oder auch nur überhaupt als zusammengehörig verstehen. Schließlich sind wir uns einig darin, eingefleischte IndividualistInnen zu sein, oder? Aber:

So wie …** [Duisburg und Dortmund, S.H.] sich als grundverschiedene Städte begreifen und der Berliner nur „Ruhrpott“ sieht, sehen die besorgten Bürger in uns eine homogene Gruppe. Wir sind das nicht gewohnt, weil es unserer Binnenwahrnehmung widerspricht. Aber das spielt keine Rolle, denn wir werden von rechtsaußen so wahrgenommen.

Sehr richtig. Und ist es nicht so, dass sich die einstmals so abgrundtief anmutenden kulturellen Gegnerschaften, also z. B. hier Stadttheater, dort Autonomes Kulturzentrum, hier Philharmonisches Orchester, dort Punkband, hier Underground-Literatur, dort Thomas-Mann-Nachfolge, in den letzten Jahrzehnten oft schlicht in Wohlgefallen aufgelöst haben? Was ja keineswegs was Schlimmes ist, sondern ein Zeichen soziokultureller Lebendigkeit. Oder doch ein Zeichen des Niedergangs, weil wirklich neue Ideen und Konzepte aus der Mitte der Szene ausgeblieben sind bzw. ausbleiben?

Ich kann mir gut vorstellen, dass für einen in der Wolle gefärbten Wutpatrioten Karlheinz Stockhausen und Carl Orff für dieselbe Mannschaft spielen. Oder Mahnkopf und Eggert, Daniel Richter und Neo Rauch, Dietmar Dath und Helmut Krausser, Habermas und Luhmann etc. Dass da gehörig differenziert werden kann und muss, geht ihm gerade mal am Wutarsch vorbei. Was für ihn all diese Kulturschaffenden eint, ist deren Ansicht, dass es wichtigere Werte gibt als Nibelungentreue zum deutschen Volk, bzw. zu den eigenen Wurzeln (Globalliberale würden natürlich tribe oder community statt Volk sagen, und roots statt Wurzeln).

Der Wutpatriot zieht tatsächlich die Gesellschaft dumpfer, verrohter und bildungsferner, aber biodeutscher Skinheads der wacher, kultivierter und bildungsnaher MigrationshintergründlerInnen vor, so der Rechtsintellektuelle Götz Kubitschek sinngemäß in seinem Briefwechsel mit dem Globalliberalen Armin Nassehi. Nicht weil er selber dumpf, verroht und bildungsfern wäre, sondern weil die Skins zu seinem tribe gehören und ihre roots im Grunde kennen, während der Migrationshintergründler elaboriert auf seiner Patchwork-Identität herumreitet, die ihn aber, meinen die Wutpatrioten, zu allem und nichts verpflichte, weshalb ihm eben grundsätzlich nicht zu trauen sei. Vermutlich meint Frauke Petry sowas, wenn sie „völkisch“ als neutrales Adjektiv verstanden wissen will.

Dass „völkisch“ ein frei konstruierter und konstruierbarer Begriff ist, sei am Rande erwähnt. Ist bsp.weise Fatih Akin ein deutscher oder ein türkischer Regisseur, Marlene Dietrich eine US-amerikanische oder eine deutsche Schauspielerin, Albert Einstein ein US-amerikanischer oder ein deutscher Physiker, Klarenz Barlow ein deutscher, holländischer, US-amerikanischer oder am Ende doch ein indischer Komponist, Beate Zschäpe eine rumänische oder eine deutsche Terroristin, Navid Kermani ein deutscher oder ein iranischer Schriftsteller, Jasmin Gerat eine deutsche oder eine türkische Schauspielerin, Ludwig Wittgenstein ein englischer oder ein österreichischer Philosoph usw. usf.? „Völkisch“ würde nur funktionieren, wenn man ein Analogon zu den Nürnberger Rassegesetzen einführen würde. Was ich der AfD durchaus zutrauen würde, hätte sie denn die Macht und die Gelegenheit dazu.

Dass es hierzulande bereits seit vielen Jahren Konvertiten unter den einstmals linksliberalen Intellektuellen gibt, liegt auf der Hand: Peter Sloterdijk*** wäre zu nennen, Rüdiger Safranski*** gehört mittlerweile auch dazu. Harald Welzer hat sich wohl noch nicht so recht entschieden – aber da bin ich evtl. nicht auf dem neuesten Stand. Wir werden sehen. Wie gesagt, wird noch lustig. So oder so.


* Und, by the way, Bernd Stromberg.
** Hier stehen bei Seemann „Köln und Düsseldorf“. Beide Städte gehören aber definitv nicht zum Ruhrpott, sondern zum Rheinland.
*** Die Nachnamen dieser Herren deuten leider auf eine fremdvölkische Abstammung hin. Wird man ja wohl noch sagen dürfen.

 

Ich habe diesen Artikel zeitgleich in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

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Gentrifizierung, soziokulturell

6 Gedanken zu “Gentrifizierung, soziokulturell

  1. JJäger schreibt:

    Naja, Ein Marxist würde dich darauf hinweisen, dass die Zuschreibung Volk überhaupt nicht arbiträr ist, sondern von einem Staatsapparat mit den dazugehörigen Machtmittel und nach Staatsräson durchgeführt wird. Man kann sich als Deutscher zwar als Ami fühlen, aber was im Pass steht hat das letzte Wort wenn’s um Einwanderung und Gesetz geht, also eine Selbstzuschreibung taugt nix. Für den Staat gehts darum, dass er Zugriff auf die Person hat, mit der hat er ja etwas vor, also erfolgt die Zuschreibung oft territorial. Mit Volk an sich im historischen Sinne hat das nix zu tun, „die Deutschen“ als Volk gabs ja nie. Aber wenn man jemand auf der Straße fragt, ob er Deutscher ist, verweist er auf die Zuschreibung im Pass. Künstlich ja, arbiträr nicht.
    Die Rechten nehmen das als Indiz, dass es sowas wie ein Volk im historischen Sinne gibt und verlangen vom Staat, sich (scheinbar) wieder auf dieses Volk zu verpflichten. Was von vorneherein von Marxisten bestritten wird, dass es diese Pflicht je gegeben hat.
    Dass die Globallinken ebenfalls vom Begriff Volk nicht loskommen ist im Zeitalter des Populismus (oder Caesarismus, mit Trump und Farage) kein Wunder. Staatskritik machen die nicht mehr, sondern versuchen oft, das zu machen was Petry beschreibt: Positive Besetzung des Begriffs, also „die Deutschen“ als offen, tolerant, etc, zu beschreiben, um überhaupt irgendeinen Machthebel in der Hand zu haben. Also ein Tauziehen über den Begriff.
    Optional kommt die oben genannte Neuverpflichtung auf das Volk auch bei den Linken wieder vor.

    Eine ganz nette Artikel über die Einkommensklassen und deren Verbindung zu Trump hat der Peak Oiler John Michael Greer gemacht, er unterscheidet zwischen 4 Klassen in der US- Gesellschaft, „an investment class, a salary class, a wage class, and a welfare class“ und vergleicht ihr Schicksal.
    Sein Fazit: Wenn es Trump nicht wird, wird es jemand noch schlimmer das nächste Mal. Wahrscheinlich hat er recht.
    http://thearchdruidreport.blogspot.de/2016/01/donald-trump-and-politics-of-resentment.html
    Leider machen die Linken keinen Marxismus mehr, also muss ein Spenglerianer wie Greer ran.

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  2. JJäger schreibt:

    Außerdem machen sich die Globalliberalen keine Freunde, wenn diese politisch korrekten Standards für politisch/ moralisches Racketeering eingesetzt wird. Diese Standards kommen nicht aus dem Bürgertum, sondern aus der Retorte von irgendeiner Unisekte. PC sind nicht mehr die „7 dirty words“ von George Carlin, sondern linke Waschzwangrituale, die via Staat im Staat der Allgemeinheit aufgedrückt werden sollen. Dass Leute daran kein Interesse haben, wundert mich gar nicht.
    Aber ich glaube, ich wiederhole mich. Hier ist eine ganz ausgezeichnete Gegenwartsanalyse von Clemens Nachtmann:

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  3. JJäger schreibt:

    Ich würde Nachtmanns Vortrag außerdem noch hinzufügen, dass der Poststrukturalismus ganze Arbeit geleistet hat, die Entindividualisierung (Vorraussetzung zur Faschisierung) unter den Linken voranzutreiben. Die gehen von nahezu völliger Fremdbestimmung des Subjekts aus, eine Persönlichkeitsbildung durch Introspektion ist damit praktisch unmöglich gemacht.

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  4. JJäger schreibt:

    Ja, ich weiß, ich steig wieder auf meine Soapbox, aber die Unterteilung Links = Freiheitlich, Globalliberal, Offen / Rechts = Nationalistisch, Intolerant, Identitär, Sektiererisch ist falsch.
    Es ist nicht, dass sich die Rechten gebessert hätten, sondern dass sich die Linken rapide faschisieren.
    Ich hab in letzter Zeit so viel identitären Dreck von Links gesehen. Dem muss man entgegentreten, sonst wirkt man eben als „uniforme Masse“. Wenn sich keine Kritik innerhalb der Linken hörbar macht, oder wenn sich keine Alternative gegen ihre schlimmsten Aspekte materialisiert, gehen die Leute zu härtesten Konkurrenz.

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  5. @jjäger: Ich werde leider nicht ganz schlau aus deinen Ausführungen, bin aber dankbar dafür, einen neuen Begriff gelernt zu haben, nämlich „Racketeering“, was ich mal frei als „Bandenbildung“ übersetzen würde. Und ich stimme dir darin zu, dass es unter sog. Linken auch viele Doofköppe bzw. Mitläufer gibt, klar, aber eine „identäre (d. h. völkische) Linke“ scheint mir denn doch etwas logisch Unmögliches zu sein – außer du meinst sowas wie Nordkorea … aber ein deutsches Gegenstück zur Kim-Dynastie kann ich weit & breit nicht erkennen.

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  6. JJäger schreibt:

    Ok, vielleicht war ich aus Lust und Freude ein wenig obskurantistisch.
    Hier in Deutschland ist das richtig, aber in den Vereinigten Staaten agiert die Linke extrem identitär. Die lieben es, über Rasse, Sexualität und Geschlecht zu reden, was ich extrem verdächtig finde.
    Jetzt gibts auch dort den Fallout gegen die „identity politics“, die ich hier sicher schon tausend mal kritisiert hab. Selbst Sanders hat sich kürzlich dagegen ausgesprochen.

    Nochmal zu Seemann: Ich glaube, er stellt sich nie die Frage, woher denn die politisch korrekten Standards, die er ja so toll findet, eigentlich herkommen. Fallen die vom Himmel?
    Ich habe die Herkunft mal etwas schnippisch als Unisekte bezeichnet, das war vielleicht etwas zu muskulös ausgedrückt, aber im Prinzip halte ich es für richtig. Es ist eine akademische Umgebung, in der dissidierende Meinungen rausgebissen werden, und in der Antirassismus als Selbstzweck gesehen wird. Also wo man sich höchst moralisch die Frage stellt, was rassistischer ist: Einem Schwarzen, dem man auf der Straße begegnet, nicht in die Augen zu kucken oder in die Augen zu kucken. So ein Quark interessiert diese Leute. Dahinter steckt nicht Gegensätzlichkeit sondern eine totalitäre Regulierung des Gemeinwesens durch ein Kulturracket.
    Es ist pseudointellektuelles Däumchendrehen, nur um sich wichtig zu machen.
    Da diese Institution keine Glaubwürdigkeit hat, haben auch ihre Erzeugnisse keine.
    Dass Leute dafür nicht zu haben sind, ist kein Wunder.

    Polizeihauptmann Seemann interessiert das nicht, ihm brennt es unter den Nägeln seinen neuen Wasserwerfer auszuprobieren. Er findet das total geil. Ich weiß nicht, ob das Zitat von ihm ist, ich habe mal ein paar Episoden seines Podcasts zum Thema AfD gehört und ein Zitat blieb mir im Kopf stecken:
    „Ja, wenn man die Leute nur genug drückt, quillt die braune Scheiße an den Enden raus.“
    Also da wird Herrschaft als Selbstzweck gesehn, und wenn sich jemand widersetzt, isser halt (nachträglich) braun. Toll.

    Auch im Kontext der AfD war sein erster Reflex ausgrenzen, stigmatisieren, unterdrücken,
    schon die Idee, mit den Leuten zu reden, fand er lachhaft.
    Ein paar Wochen später mussten Lobo und Co, die die gleiche Strategie verfolgt haben zerknirscht an die Öffentlichkeit treten, und mussten zugeben, dass die Strategie kontraproduktiv war und Zahlen der AfD in die 20% geschossen sind und man nun doch mit den Leuten reden müsse.
    Die Zahlen waren Resultat eines wilden, ziellosen, eigentlich inhaltsleeren, planlosen Herumherrschens, das Leuten aufgezwungen werden sollte.
    Das alles kommt den Rechtspopulisten sehr gelegen, die Erfolge noch und nöcher kassieren.
    Wenn den Linken langweilig ist, ihnen die (bekämpfbaren) Rassisten ausgehen, werden die PC- Daumenschrauben angezogen, und schwupp wird dem politschen Alter Ego neues Personal zugespült, während der Rest zwischen Links und Rechts zerquetscht wird.
    Und dann wird auch noch scheinheilig die Frage gestellt. „Ja, wo kommen den plötzlich all die Rassisten her?“ Ja, wenn man die Definition auffweicht, sind plötzlich überall welche.
    Und weil die Strategie gegen die harten Rassisten absolut keine Wirkung zeigt, sie eher verharmlost (Wenn sich als Weißer einen Sombrero aufzusetzen, was cultural appropriation, ergo rassistisch sein soll, in die gleiche Kategorie fallen soll wie Völkermord zu begehen oder Türken zu verprügeln, wirkt das enorm verharmlosend.), und nur Leute, die ihr Leben führen wollen, ans Bein pinkelt, fliegt ihnen der Apparat nach ein paar Jahren um die Ohren. Die Begriffe sind dann hinüber und Hebel haben keine Wirkung mehr. Dann ist der Ausnahmezustand da und dann kann man den Laden dicht machen.

    Kurz: Wird das Normale rassistisch gemacht, wird der Rassismus durch Relativierung normalisiert.
    Ergo: Seemann begeht eine Dummheit, wenn er auf diese tollen Sprechregelungen pocht. Die sind alle kontraproduktiv. Sie sind keine zweckmäßige Art des Antirassismus.

    (Es ist übrigends eine poststrukturalistische Idee, die Begriffe so zu drücken. Hab ich schon erwähnt, dass ich den nicht leiden kann? Wegen Plagiarismus natürlich, denn davor nannte man das Propaganda, aber heute muss ja alles einen tollen Namen haben und Philosophie sein.)

    Die selbe Strategie ging auch bei Trump in die Hose. Man wollte anscheinend nicht nur gewinnen, sondern es sich mit jedem letzten Hillbilly vergraulen. Und die Scheiße müssen wir jetzt ausbaden.
    Gewinnt Le Pen auch noch, sind wir in Deutschland in einer ganz blöden geopolitischen Situation.

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