«For Meredith Monk» for Player Piano (alternative ePlayer-Realisierung)

„For Meredith Monk“, der erste Satz meiner 4 Movements for Player Piano (2005 – 2008) entstand 2005 komplett „mäusisch“* an meinem – damals schon – antiken Atari ST-Rechner mit Hilfe von Laurie Spiegels mittlerweile ebenfalls historischer, aber dennoch weiter lauffähiger Software Music Mouse.

monkturtledreamsDie Musik schmiegt sich eng an den quasi-primitiven, repetitiven Elektroorgelminimalismus der Komponistin aus der Mitte der 1980er-Jahre, wo ich sie in Gestalt der ECM-Langspielplatte „Turtle Dreams“ kennenlernte, schrammt also am Rand des Epigonalen entlang, was mir in diesem Fall aber wurscht ist, schließlich habe ich die Musik nicht neu erfunden, sondern wie jeder Komponist nur neu zusammengesetzt. Mehr kann man eh nicht tun. Und verehrte Vorbilder soll man benennen und ihnen in Ehrfurcht und Demut huldigen, wofür wären sie sonst da?

Ein Merkmal macht die Komposition evtl. „post-minimalistisch“: die abrupten Dynamikwechsel, die es so in Monks Musik nicht gab. Also nicht irritiert sein und den Lautsprecher nicht aufdrehen, wenn alles plötzlich pianissimo klingt, sonst müsst ihr ihn später wieder zurückdrehen. Wenn der Anfang des Stücks schön laut, also fortissimo, klingt, habt ihr die richtige Lautstärke für die ganze Komposition gefunden.

Nerd-Exkurs: Gleitende Anschlagsstärkenverläufe

Die Herausforderung bei der Realisierung dieses Stücks besteht in seinen gleitenden und dramaturgisch wichtigen Anschlagsstärkenverläufen (velocity curves). Selbst bei höher auflösenden Pianofonts spürt man deutlich, wenn von einer Anschlagsqualität, z. B. piano (p), auf die nächste, z. B. mezzopiano (mp), geswitcht wird, weil ein p gespieltes Klavier nun mal weicher klingt als ein mp gespieltes.

Abrupte Lautstärke-, bzw. Klangfarbenwechsel werden psychoakustisch stets als Signal, für was auch immer, aufgefasst – und so werden sie von Komponisten (bewusst) oder Laien (instinktiv) auch eingesetzt, z. B. indem man die Stimme erhebt, um ein Wort innerhalb eines Satzes zu betonen. Switcht der Font nun an einer Stelle meiner Musik von p auf mp, die von mir nicht gewollt war – denn ich habe das Stück im Jahr 2005 natürlich „auf“ einen anderen Klavierfont komponiert  – produziert er ein falsches musikalisches Signal.

Ein Workaround dieses Problems wäre, die Anschlagsstärken der betr. Komposition neu auf den aktuellen Klavierfont zu kalibrieren. Ein Beispiel:

Der Industriestandard MIDI definiert 128 verschiedene Anschlagsstärken (0 -127). Ein beliebiger Klavierfont umfasse 5 Anschlagsqualitäten, d. h. jeder der 88 Töne eines Standardklaviers wurde 5 mal gesamplet, von relativ leise bis relativ laut. Nun werden diese Samples auf das MIDI-Raster – wie der Nerd sagt – „gemappt“ (von mapping = etwas abbilden oder kartographieren). Die Grenzen der Qualitäten stehen – wenn man Glück hat – im Beiblatt zum Font, ansonsten muss man sie heraushören. Nehmen wir an, sie verteilten sich folgendermaßen auf die 127 (die „0“ fällt weg) Anschlagsstärken:

1-29 = p | 30-59 = mp | 60-89 = mf | 90-108 = f | 109-127 = ff

Ein mit der Stärke 59 angeschlagener Klavierton würde also das mezzopiano-Sample antriggern, ein mit 60 angeschlagener das Sample mezzoforte.

Wenn ich an der Stelle t0 meines Stücks nun einen gleitenden Wechsel von p nach mp will, muss ich die Anschlagsstärkenkurve so in das Standard MIDI File (SMF) einzeichnen, dass logischerweise der letzte Ton vor t, also t-1, die Anschlagsstärke 29 hat, der bei t0 30 und der erste danach, also t+1, die Anschlagsstärke 31. Was aber, wenn ich aus dem Verlauf des Stücks heraus mit einem Wert von bsp.weise 25 oder auch 35 bei t-1 ankomme? Es bliebe nur ein sprunghafter An- bzw. Abstieg auf 30 übrig, aber genau das möchte ich ja nicht. Also muss ich das ganze Stück neu kalibrieren, d. h. mit Anschlagsstärken versehen, die zum aktuellen Font „passen“. Ich möchte hier aber nicht meine Komposition irgendwelchen technologischen Kontingenzen anpassen, umgekehrt wird ein Schuh draus.

Bleibt also nur die Möglichkeit, den Klavierfont zu wechseln, von einem mit realen auf einen mit extrapolierten** Samples. Letzterer bringt gleitende Anschlagsstärkenverläufe ab Werk mit, klingt aber stets „künstlicher“, weil eben nicht jeder Ton fünfmal von einem Kohlenstoffweltklavier real gesampelt wurde, sondern z. B. nur einmal. Alle weiteren Anpassungen wurden dann algorithmisch vorgenommen, d. h. – so stelle ich mir das laienhaft vor – der „Basiston“ wurde mezzoforte aufgenommen, und von diesem einen Realsample wurden dann mit Hilfe tontechnischer Prozesse alle weiteren Qualitäten extrapoliert.

Komischerweise hören auch Laien meist sofort den Unterschied zwischen realen und extrapolierten Sample-Bibliotheken, vermutlich, weil Lautstärkeunterschiede für das menschliche Ohr eben auch qualitative (z. b. semantische, oder auch emotionale) Aspekte haben, die sich aber (noch) nicht besonders gut quantifizieren, d. h. mathematisch modellieren lassen.


* Analogon zu „händisch“ = mit der Hand, manuell
** Dieses Adjektiv mag technisch nicht korrekt sein. Hat jemand Verbesserungsvorschläge? Danke.
«For Meredith Monk» for Player Piano (alternative ePlayer-Realisierung)

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