«Zwangsgedanke» für 5 Selbstspielklaviere

Kompositions-Software midiLooper (Insert Piz here->), Cubase
MIDI-Editoren Cubase, MidiEditor (M. Schwenk), MIDIPLEX (Stas’M), Sekaiju (kuzu)
Sample-Bibliothek Surprise Piano (Joe Stevens)
Faltungshall Stanford Stairwell (Echo Thief)
Audio-Editor Dark Audacity

Composition note

German version below

«Zwangsgedanke»

Intrusive thoughts are the most mentally exhausting experience I have ever had and unfortunately still have sometimes. This composition is dedicated to them.

Formally it is a piano piece, but I haven’t touched any keyboard during its creation. Instead I misused the software midiLooper, which is supposed to be used to build drumloops, with a piano sound. The completely unpianistic and at least in some passages humanly unplayable texture of the music is explained thereby.

With midiLooper it is possible to create several endless loops of up to 128 rhythmically coordinated individual events, start and then modify them in full run. This makes something possible, which could be called iterated loop improvisation.

Screenshot midiLooper

At this stage you should say goodbye to the idea of precise control over the output, which the software can cut as a standard MIDI file, because the looping process gets confusing quickly. There is nothing left to do but let things run for a while, listen to the process and then carefully change individual elements (or not).

And here I noticed the analogy to the inner experience of compulsive thoughts, which also quasi-autonomously terrorize the brain, although you know at any time that they are merely mental short-circuits. Also the partially pushy and in no way meditative repetitivity of the music reminded me of the merciless and never-diminishing urgency of compulsions: The composition’s title was found.

„Zwangsgedanke“ is definitely not music for fun, but psycho-plastic music that tries to sonificate pathological cognitive processes. Nevertheless, I would like the music to be aesthetic, though not beautiful in a narrow sense. A poem by German Expressionist August Stramm is also not beautiful in this sense, but nevertheless has a highly aesthetic appeal.

«Zwangsgedanke»

Zwangsgedanken sind die mental erschöpfendste Erfahrung, die ich jemals gemacht habe und leider mitunter immer noch mache. Diese Komposition ist ihnen gewidmet.

Formal handelt es sich dabei um ein Klavierstück, doch habe ich während seiner Entstehung keinerlei Klaviatur berührt. Stattdessen zweckentfremdete ich das Programm midiLooper, das eigentlich dem Bauen von Drumloops dienen soll, mit einem Klavier-Sound. Die komplett unpianistische und zumindest in einigen Passagen für einen Menschen unspielbare Textur der Musik erklärt sich dadurch.

Mit midiLooper ist es möglich, via Mausklick mehrere Endlosschleifen aus je bis zu 128 rhythmisch aufeinander abgestimmten Einzelereignissen zu erstellen, in Gang zu setzen und dann im vollen Lauf zu modifizieren. Dadurch wird etwas möglich, was man iterierte Schleifenimprovisation nennen könnte.

Dabei sollte man sich vom Gedanken der präzisen Kontrolle über den Output, den die Software im Übrigen als Standard MIDI File mitschneiden kann, verabschieden, denn der Schleifenprozess wird schnell unübersichtlich. Es bleibt einem nichts anderes übrig, als die Dinge eine Weile laufen zu lassen, dem Prozess zuzuhören und dann vorsichtig einzelne Elemente zu ändern (oder auch nicht).

Und hier fiel mir die Analogie zum inneren Erleben von zwanghaften Gedanken auf, die ja ebenfalls quasi-autonom das Hirn terrorisieren, obwohl man zu jedem Zeitpunkt weiß, dass sie lediglich mentale Kurzschlüsse darstellen. Auch die teilweise penetrante und in keinster Weise meditativ gemeinte Repetitivität der Musik erinnerte mich an die gnadenlos fiese und niemals nachlassende Aufdringlichkeit von Zwängen: Der Kompositionstitel war gefunden.

„Zwangsgedanke“ ist definitiv keine Spaßmusik, sondern psycho-plastische Musik, die versucht, pathologische kognitive Prozesse zu sonifizieren. Dennoch möchte ich, dass sie ästhetisch ist, wenn auch nicht im engeren Sinn schön. Auch ein Gedicht von August Stramm ist in diesem Sinn nicht schön, besitzt aber hohen ästhetischen Reiz.

Ausführungsanweisung

«Zwangsgedanke» ist eine Komposition für ePlayer. Sie verwendet die Sample-Bibliothek „Suprise Piano“ von Joe Stevens. Für eine gleichwertige Live-Aufführung werden 5 Selbstspielklaviere benötigt, die via MIDI synchronisiert sind. Es können alle möglichen Konzertflügel und Klaviere gemeinsam verwendet werden, denn klangfarbliche Disparatheit ist hier nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht.1

Stevens, Lehmann und das Hyper Player Piano

Joe „Big Cat“ Stevens, ein unabhängiger, nicht-kommerzieller Macher von Sample-Bibliotheken, hat sich selbst übertroffen. Die Entstehung seiner Library „Surprise Piano“, die er am 2. Juli 2016 kostenlos online stellte, liest sich so:

Reading David Byrne’s book about music I was inspired to be weirder. So I tried to create something odd. In this case you hit a key and one of five pianos will play. Oddly when you just hit one key at a time it sounds pretty bad, but often it seems folks play several notes at once and in some sort of sequence. This tends to average out the various pianos somehow and sometimes creates some other piano sound. […] This uses the City, Iowa and Skerratt London Public Domain pianos and the Salamander and VSCO 2 Community Orchestra Creative Commons Pianos.

Joes „Surprise Piano“ implementiert ein gewisses Maß an Chaos in die Sonifikation meiner MIDI-Partitur. Ursprünglich hatte ich die Musik mit dem perfekten, sprich komplett linearen, Soundfont eines Yamaha Disklaviers realisiert. Die Ästhetik dieser Art des Samplings folgt dem Bauhaus-Prinzip. Man könnte sie „analytisch“ nennen, denn jegliche Partitur, die durch derartige Bauhaus-Soundfonts realisiert wird, klingt tendenziell ausgesprochen transparent, aber auch ein wenig kalt und leidenschaftslos. Sie folgt einer Art Sampling-Reinheitsgebot, das Unregelmäßigkeiten zu minimieren versucht.

Joe Stevens‘ Sampling-Ästhetik könnte man demzufolge „synthetisch“ nennen, denn er hatte ein außermusikalisches Konzept (“ … you hit a key and one of five pianos will play.“), bevor er anfing, die Bibliothek zu bauen. Darüber hinaus hat er, soweit ich das übersehen kann, sämtliche während der Font-Erstellung auftretenden Kontingenzen („it sounds pretty bad“) bejaht und mit ihnen gearbeitet, was nicht mit Liederlichkeit oder einer „Passt scho – is eh alles wurscht“-Mentalität zu verwechseln ist. Vielmehr blieb er einfach seinem Konzept treu. Der „Surprise Piano“-Soundfont hält so auf wunderbare Weise die Balance zwischen Vorhersehbarkeit und Unvorhersehbarkeit, ohne ins Beliebige abzudriften.

Der Musikphilosoph Harry Lehmann hat bereits 2012 eine solche Entwicklung präzise vorhergesehen:

Seine soziale Sprengkraft für die Neue Musik gewinnt der ePlayer aber erst, wenn die entsprechenden Samplesammlungen in digitalen Klangarchiven öffentlich zugänglich werden und Komponisten mit diesem Klangmaterial arbeiten können, ohne es selber produzieren zu müssen. Mit dem ePlayer gewinnt auch der Komponist in der Neuen Musik die Freiheit, sich selbst Instrumente zusammenzubauen – eine Idee, die schon seit Jahrzehnten existiert, sich aber erst im Zuge der Digitalisierung mit vertretbarem Aufwand realisieren lässt. Er braucht hierfür nur die Sampledatenbanken verschiedener Instrumente gleichzeitig anzusteuern. („Die digitale Revolution der Musik“, S. 26)


1 Ergänzung 2019-02-12: Mittlerweile existiert auch eine  Variante des Stücks für ein mikrotonales Selbstspielklavier.
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7 Kommentare zu „«Zwangsgedanke» für 5 Selbstspielklaviere

  1. Du Bruder im Geiste!!
    Zwangsgedanken – mein persönliche Beigabe.
    Nicht daß ich mich hier anbiedern (oder anlehnen) will, keinesfalls. Das Brüderliche erschöpft sich nur in den vergleichbaren Symptomen, ich denke, jeder für sich hat da seinen eigenen Kosmos, seinen speziellen Nebel, seine Entrücktheit.
    Ich glaube zumindest deutlich die Beginne des Zwangs orten zu können, so mit etwa 4-5 Jahren (schrieb was dazu im eigenen Blog). Wieso das damals griff, so sagte man mir, sei meiner kindlichen Sensibilität geschuldet gewesen, die offenbar eine besonders weiche, angreifbare „Masse“ war (und ist).
    Ja, tief sensibel, das ist schon was Besonders 😉

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  2. @Gerhard: Keine Ahnung, ob Zwänge was mit Sensibilität zu tun haben. Darüber hinaus fragt sich, wie „Sensibilität“ hier überhaupt definiert ist. Schwammig, das Ganze. Fakt ist: Es tut gut, sich über das Symptomempfinden auszutauschen, man fühlt sich nicht mehr so allein. In diesem Sinn herzlichen Dank für deinen Kommentar, Gerhard 🙂

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  3. Freilich ist Sensibilität schwammig! Sagen wir es so: Ich war einfach ein ängstlicher Knirps. Schüchtern, in mich gekehrt… eine eingesperrte Feinsinnigkeit mein eigen nennend, die nicht ohne weiteres sichtbar gewesen sein dürfte.
    Ich habe den Verdacht, der Zwang ist in mir längst neuronal verdrahtet, weit über 50 Jahre, wenn auch ich durchaus Erleichterungen, auch weitgehende, immer für möglich halte.

    Wir könnten uns auch mal gelegentlich praktisch darüber austauschen – vielleicht hilfts. Foren oder Selbsthilfegruppen dazu aufsuchen, ist m.E.. nicht unbedingt zielführend. Gerade in Letzteren mag man nur mitbekommen, daß es einem vergleichsweise gut geht, also kaum Handlungsbedarf besteht.

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