Kreidler berauscht sich an Marx‘ Prosa und zuckt angesichts von Wagner die Achseln

Endlich bin ich darauf gekommen, an was mich diese Ideenrevue vor allem wg. der verwendeten Collagetechniken erinnert: an Alexander Kluges Fernsehmagazin „10 vor 11“. Und das ist durch und durch als Kompliment gemeint.

Gut, es gibt ein paar mit Herumfuchtelei gefüllte Längen in dem Video und ich musste einige Male unterbrechen und was anderes machen, schließlich aber habe ich es zu Ende angesehen und es hinterließ unter dem Strich ein gutes, weil frisches Gefühl.

Was Kreidler motiviert, ist etwas ganz Altmodisches, aber niemals Veraltendes und zudem Seltenes: intellektuelle Neugier*. Er liest Marx‘ Kapital nicht aus wissenschaftlichem oder historischem, sondern aus ästhetischem und politischem Interesse und berauscht sich dabei an dessen Schachtelsätzen (was ihn aber noch lange nicht zum „Marxisten“ im weltanschaulichen Sinn macht). Und es ist eine Freude, ihm dabei zuzusehen.

Mit Richard Wagner geht Kreidler fair um, was immer noch nicht ganz leicht ist für einen deutschen Komponisten. Zwar werden ständig Wagnerfotos zerrissen und „Nietzsche contra Wagner“ zitiert, aber letztlich wird Wagner achselzuckend mit Schuhmann, Schubert und Brahms ins ebenso muffige wie technikbegeisterte 19. Jahrhundert eingereiht. Was so in Ordnung geht.

Man sollte sich von den gelegentlich schlingensiefisch anmutenden Bühnenaktionen Kreidlers nicht in die Irre führen lassen, letzten Endes scheint er mir für einen eher abgeklärten, wenn nicht lässigen Umgang mit Marx, Wagner und allem, was dazugehört, zu plädieren.

Kreidler ist kein Umstürzler, sondern ein Stoßlüfter. Und mit seinem szenischen Essay „Industrialisierung der Romantik“ gelingt es ihm ganz gut und vor allem effizient, ein ganze Menge hartnäckigsten deutschen Geistesmiefs ebensoll niveauvoll wie (meist) unterhaltsam zu vertreiben. Danke dafür.


* Hand aufs Herz: Wieviele Menschen aus eurem Bekanntenkreis würdet ihr spontan als „intellektuell neugierig“ bezeichnen? Na? – Eben.
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