Reich klingt auch in billig gut…

…wie diese ganz reizende, klanglich etwas scharfe*, aber erstaunliche hypnotische Wirkung entfaltende Variante von „Octet“ belegt, die Steven Thomas vergangenen November in YouTube einstellte. Brillant work, Steven!

Mir fällt immer wieder auf, dass Reichs beste Kompositionen aufgrund ihrer Konzentration auf organisierte Diastematizität**, will sagen der Beschränkung auf definierte Tonhöhen (und natürlich Rhythmen), einen ähnlich „unzerstörbaren“ Charakter aufweisen wie etwa die besten Kompositionen von J. S. Bach: Sie lassen sich auf der klanglich simpelsten Spieluhr wiedererkennbar reproduzieren. Ein extremes Gegenbeispiel dazu wäre etwa die Musik Helmut Lachenmanns, dessen „Strukturklänge“ außerhalb sehr voraussetzungsreicher Bedingungen, will sagen des Einsatzes sog. „erweiterter Spieltechniken der Neuen Musik“, nicht reproduzierbar sind.

Und so gibt es denn auch MusikhochschuldozentInnen für erweiterte Spieltechnik, nicht aber für diastematisches Komponieren – oder gar das Komponieren mit MIDI, das – Vade retro, Satanas! – nicht einmal mehr InterpretInnen braucht. Warum sollten Musikhochschulen Derartiges fördern, außer, sie wären an ihrer eigenen Überflüssigmachung interessiert?

Es scheint mir hier einen klaren Zusammenhang zwischen Ästhetik und Ökonomie zu geben: Erweiterte Spieltechniken schaffen Arbeitsplätze, diastematische Minimal Music unter MIDI-Bedingungen vernichtet sie.

Unabhängig davon erscheint mir die euphorisierende Wirkung von Reichs Musik diametral zur dysphorisierenden von Lachenmanns Arbeiten – aber das mag die Eine oder der Andere durchaus exakt andersrum empfinden (z. B. so: Reich = „nervtötendes Gedudel“, Lachenmann = „befreiende Reflexivität“).


* Das kann aber auch  an meinen Boxen liegen.
** Diesen Begriff habe ich situativ erfunden, d. h., er ist mir anlässlich dieses Textes „eingefallen“. Es kann aber sein, dass ihn der eine oder die andere Autorin irgendwo bereits verwendet hat und ich habe nur vergessen, wo ich ihn aufgeschnappt habe. „Diastematizität“ leitet sich aus dem existierenden Adjektiv „diastematisch“ ab, welches „Tonhöhen anzeigend“ bedeutet, vgl. diesen Wikipedia-Artikel über adiastematische und diastematische Neumen.
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Reich klingt auch in billig gut…

2 Gedanken zu “Reich klingt auch in billig gut…

  1. Diese „Robustheit“ bei Bach´s Musik hat mich schon immer beeindruckt.
    Mit etwas Mühe fand ich im Netz folgende Aussage von Arvo Pärt
    „Musik“, sagte Pärt einmal, „muss durch sich selbst existieren …Das Geheimnis muss da sein, unabhängig von jedem Instrument … Der höchste Wert der Musik liegt jenseits ihrer Klangfarbe.“ https://www.musikverein.at/monatszeitung/artikel_im_pdf.php?artikel_id=991

    Aber SW Fotografie macht Farbfotografie nicht schlechter.
    Ist (reine) Klangfarbenkomposition vielleicht ein Nachhall der Spätromantik?
    Übrigens, „diastematisch“ ist mir unsympatisch, da es die Tonhöhe als essenziell (bei Dir unzerstörbar) adelt, aber das Timing unterschlägt.

    Es wäre ein Thema, zu untersuchen (philosophisch oder experimentell), was essenziell ist. Man könnte MIDI-Files gezielt verzerren…aber wieviel cent entsprechen einer Millisekunde?

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  2. @Karl: Danke für deinen Kommentar. Dass ich mich hier ausgerechnet mit dem reaktionären Pärt in einem Boot befinde, muss ich dann wohl hinnehmen 😉

    Ein Zusammenhang zwischen „Sound“ und romantischer Ästhetik scheint mir evident zu sein, in diesem Sinn bin ich Anti-Romantiker.

    Natürlich beschreibt Diastematik per definitionem keine rhythmischen Phänomene, dafür muss es dann eine eigene Begrifflichkeit geben, in der die definierte Tonhöhe durch den Parameter Periodizität ersetzt wird.

    Das mit der SMF-„Verzerrung“ verstehe ich nicht, kannst du das bitte noch genauer erläutern, danke 🙂

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