«Giesing Township Morph (Gerber)» for Player Piano, 2017 (ePlayer-Realisierung)

Basiskomposition Giesing Township (Karl F. Gerber)
Kompositionssoftware Microsoft Excel (unter Verwendung von Daten der Website 360.here.com)
Soundfont Bösendorfer Imperial (VSL)
Sample Player Vienna Instruments (VSL)
Faltungshall Schellingwoude Kerk Amsterdam (F. van Saane)

Kompositionsnotiz

Karls algorithmische Komposition „Giesing Township“ hat mich nicht losgelassen und ich fragte mich, wie ich diesem Stück gehaltsästhetische Bedeutung einhauchen könnte.

Nach dem üblichen quälenden Hin & Her hatte ich schließlich ein brauchbares Konzept gefunden. Warum nicht das Stück, wie es ist, mit permanent schwankender Geschwindigkeit abspielen? Und zwar nach dieser Struktur:

24-Stunden-Verlauf der maximal möglichen Durchschnittsgeschwindigkeit auf den Straßen Münchens (Quelle)
24-Stunden-Verlauf der maximal möglichen Durchschnittsgeschwindigkeit auf den Straßen Münchens (Quelle)

Im Sequenzer übertrug ich die km/h-Werte aus diesem Diagramm so genau wie möglich auf die Tempospur des Standard MIDI Files von Karl Komposition:

oben: Verkehrsdiagramm, unten: Tempokurve
Oben: Verkehrsdiagramm, unten: Tempospur

Damit war die gehaltsästhetische Wende vollzogen 😉 Witzigerweise ließen sich die Werte hier sogar 1:1 übertragen, d. h. aus 90 km/h wurden 90 bpm, aus 120 km/h 120 bpm etc.

Bei der Prüfung des musikalischen Ergebnisses stellte sich jedoch heraus, dass die Temposchwankungen – sie bewegten sich, wie an der Grafik abzulesen ist, zwischen 84 und 102 bpm – keine sonderliche Prägnanz hatten. Sie waren zwar für das geübte Ohr gut wahrnehmbar, aber ich wollte ja gehaltsästhetisch sein, und das hieß in diesem Fall, auch für Nicht-SpezialistInnen klar erkennbare musikalische Signale zu senden.

Es ging also darum, die Schwankungsbreite deutlich zu erhöhen, ohne dabei allerdings die interne Kurvenstruktur (die ja den typischen Tagesverlauf abbildet) zu verändern. Ein befreundeter Jazzmusiker und Informatiker half mir bei der mathematischen Umsetzung dieser Idee. Schließlich landete ich bei Werten zwischen 20 – 150 bpm:

Dieses Excel-Spreadsheet ist übrigens interaktiv, d. h. man kann mit ihm rechnen 🙂 Tragt doch z. B. mal bei „Min“ oder „Max“ (rote Zahlen) andere Werte ein…

Mithilfe dieser Formel lassen sich natürlich auch beliebige andere Verkehrsprofile verarbeiten, z. B. dieses von New York City:

nyc
In New York City kommt man offensichtlich deutlich langsamer voran als in München – und gegen halb sechs am Nachmittag eigentlich gar nicht mehr so richtig (Quelle wie oben).

Die Dramaturgie meiner Re-Komposition hatte sich nun deutlich verbessert, ohne dass der Groove-Charakter von Karls Original komplett auf der Strecke blieb.

Als Soundfont wählte ich die (nur kommerziell erhältlichen) Samples eines „Bösendorfer Imperial“ von VSL. Der Imperial klingt – wie alle(?) Bösendorfer-Flügel – auch bei mittelstarkem Tastenanschlag noch sehr hell und transparent, also „modern“  – und das schien mir hier die angemessene klangliche Umsetzung zu sein. Als winzige, aber prägnante Reverenz an den erweiterten Tastaturumfang dieses bemerkenswerten Instruments habe ich den letzten Ton der Basiskomposition nach unten oktavverdoppelt.

boesendorferimperial

Zu guter Letzt holte ich die Publikationserlaubnis von Karl ein (Danke!) und stelle den fertigen Remix hiermit ins Netz.

Das Projekt schreit natürlich nach einer Visualisierung, und auch darum habe ich mich bemüht, bin aber rasch an die Grenzen meines mathematischen Know-hows gestoßen. Hat jemand Lust, sich mit diesem Problem auseinanderzusetzen? Im Prinzip ginge es zunächst einmal „nur“ darum, das Verkehrsdiagramm parallel zur Musik abzutasten.

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«Giesing Township Morph (Gerber)» for Player Piano, 2017 (ePlayer-Realisierung)

2 Gedanken zu “«Giesing Township Morph (Gerber)» for Player Piano, 2017 (ePlayer-Realisierung)

  1. Karl Friedrich schreibt:

    Hallo @Stefan
    Das lässt mich am morgen aufstehen.
    Die Geschwindigkeitserhöhung /Hoch-Skalierung verhindert, daß der ‚Gehalt als Pathos oder Agogik gehört wird.
    Juristisch vielleicht Verleitung zu einer Ordnungswidrigkeit, wenn es jemand im Auto hört und sein Tempo (rückübersetzend) daran orientiert. Aber gerade das wäre dann der Beweis von ‚Gehalt?
    Jedenfalls vielen Dank für deine erfrischende Kreativität.

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  2. Gerhard schreibt:

    Kann man denn in „Cubase“ ein zeitliches Abtastmuster hinterlegen?
    Im Prinzip müsste die schon verwendete Exceldatei „draufgemappt“ werden. Alternativ könnte man die entstandene Bildspur an sich durch die Exceldatei „jagen“.

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