«2006» für Orchester, 2006 (ePlayer-Realisierung 2017)

Soundfonts Vienna Symphonic Library Special* Edition
Sample Player Vienna Ensemble
Faltungshall Large Factory Amsterdam (F. van Saane)

Für eine größere Darstellung bitte auf das Bild klicken. Die linke Bildhälfte zeigt die wichtigsten MIDI-Daten des Stücks, also die Note Ons jeder Spur, in Form von feinen weißen Linien. Die räumliche Anordnung der Linien entspricht exakt den rhythmischen Verhältnissen innerhalb der Komposition.** Je länger eine Linie, desto höher die Anschlagsstärke (velocity) des Note-Ons. Die unterste Spur, der sogenannte conductor track, enthält die Daten zur Abspielgeschwindigkeit in der Maßeinheit BPM (beats per minute). Der BPM-Wert ist im Stückverlauf beliebig variierbar (Tempokurve), was vergleichbar ist mit einem Film, den man schneller oder langsamer abspielen kann. Diese Daten werden hier nicht visualisiert, weswegen der Track leer erscheint. – Die rechte Hälfte zeigt den sample player Vienna Ensemble bei der Arbeit, die abstrakten MIDI-Daten in Musik zu verwandeln, indem er Instrumentalsamples der Vienna Symphonic Library antriggert. Gleichzeitig übernimmt Vienna Ensemble alle als mixing und mastering bekannten Funktionen eines klassischen Tonstudios, hier speziell Abmischung , räumliches Klangbild (die winzigen Kreis-Segmente oberhalb jeder Spur markieren, wo im Stereopanorama der jeweilige Audio-Output später auftaucht) sowie das nachträgliche Eintauchen des gesamten Audio-Outputs in einen artifiziellen Hallraum (nicht im Bild).

Kompositionsnotiz

Minimalistischer (mit Sinne von repetitiver) geht’s nicht mehr: „2006“ beschränkt sich in seinen musikalischen Ausdrucksmitteln vollkommen auf  Schicht auf Schicht häufende Schleifenstrukturen. „Expressives“ bzw. (Quasi-)Improvisatorisches findet hier nicht statt, was der Musik in meinen Ohren einen objekthaften bzw. „architektonischen“ Charakter gibt – eine eher selten ins Werk gesetzte Auffassung von musikalischer Komposition. Am ehesten findet man einen derartigen Formwillen bei Satie, Strawinsky und Xenakis.

Wesentlich häufiger findet man bei KomponistInnen aller Zeiten dagegen die Empfindung, Musik sei eine Sprache***, das Komponieren einer Sinfonie daher vergleichbar mit dem Schreiben eines Romans. Woher kommt das eigentlich, wo doch schon nach kurzem Überlegen Jeder und Jedem klar werden muss, dass Musik keine vollwertige Semantik besitzt, denn was wäre etwa das musikalische Analogon zu „Eifersucht“, „Habgier“, „Lüge“ etc.?

Für die meisten menschliche Gefühle gibt es eben gerade kein allgemein anerkanntes musikalisches Gegenstück. Eigentlich gibt es nur Dur = fröhlich und Moll = traurig****, langsames Tempo = nachdenklich, schnelles Tempo = beschwingt und noch zwei, drei Sachen. Alles andere bleibt der Subjektivität der Hörerin unterworfen.

In diesem Licht betrachtet ist es geradezu seltsam, dass viele Menschen Musik als „Sprache der Gefühle“ empfinden. Man möge mich hier nicht falsch verstehen: Musik ist ganz zweifellos hervorragend in der Lage, bei entsprechend sensiblen Menschen die gesamte Palette möglicher Gefühle anzutriggern, aber es handelt sich hier stets um Qualia, also per definitionem inkommunikable, „innerseelische“ Empfindungen. Sprachartig, also der Kommunikation dienend, ist da erstmal gar nichts.

Etwas zugespitzt lässt sich sagen: Jegliche Qualia setzen ein Subjekt voraus, in der Musik selber, in der Musik-an-sich ist: – nichts. Strawinskys berühmt-berüchtigtes Diktum „Ich glaube nicht, dass Musik in der Lage ist, irgend etwas auszudrücken.“ (sinngemäß) wird so plausibel. [geschrieben im März und April 2017]


* „Special“ bedeutet hier „Basisversion“
** MIDI ist hier genauer als jede Partitur, weil es absolute Werte repräsentiert, die Maschinen / Roboter nun mal brauchen. Eine Partitur-Anweisung wie un poco piu mosso (= etwas bewegter), die für Menschen perfekt verständlich ist, lässt sich nicht eindeutig in MIDI-Daten übersetzen.
*** gar eine universelle, mit deren Hilfe sich Brücken zwischen den Menschen und Völkern bauen ließen, wie die ad nauseam nausearum wiederholten Phrasen auch lauten mögen – DISLIKE!
**** Selbst dieser Minimalkonsens wird bsp.weise durch die Pentatonik der traditionellen chinesischen Musik unterlaufen, die natürlich keine derartigen „Tongeschlechter“ kennt.
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«2006» für Orchester, 2006 (ePlayer-Realisierung 2017)

4 Gedanken zu “«2006» für Orchester, 2006 (ePlayer-Realisierung 2017)

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