«Bernhard» für Orchester, 2006 (ePlayer-Realisierung 2017)


Text „Ahnenkult“ (Thomas Bernhard 1977)
Kompositionssoftware ASCIIMID (Randy Stack 1992)
Soundfonts Vienna Symphonic Library Special* Edition
Sample Player Vienna Ensemble
Faltungshall Large Factory Amsterdam (F. van Saane)

Diese Komposition wurde vor 4 Jahren schon einmal in der Weltsicht vorgestellt, kürzlich habe ich aber eine verbesserte ePlayer-Realisierung erstellt, weswegen ich „Bernhard“ hier nochmals präsentiere – mitsamt der in diesem Fall besonders aufschlussreichen Kompositionsnotiz:

Kompositionsnotiz

Der Text „Ahnenkult. Ein Gedicht für Höherstehende oder wie man sich einer hohen Aufgabe auf die kürzeste Zeit (zehn Minuten) entledigt, vollkommen gereimt und noch einmal durchgesehen von Thomas Bernhard“ aus dem Jahr 1977 beeindruckte mich sowohl durch seinen grimmigen Humor als auch durch seine minimalistische Faktur. Hier kommt er:

Es steigt der Steiger
bis er nicht mehr steigt
es schweigt der Schweiger
bis er nicht mehr schweigt

es lacht der Lacher
bis er nicht mehr lacht
es macht der Macher
bis er nicht mehr macht

es kocht der Kocher
bis er nicht mehr kocht
es locht der Locher
bis er nicht mehr locht

es tötet der Töter
bis er nicht mehr tötet
es flötet er Flöter
bis er nicht mehr flötet

es taucht der Taucher
bis er nicht mehr taucht
es raucht der Raucher
bis er nicht mehr raucht

es singt der Singer
bis er nicht mehr singt
es springt der Springer
bis er nicht mehr springt

es hurt die Hure
bis sie nicht mehr hurt
es murt die Mure
bis sie nicht mehr murt

es mahnt der Mahner
bis er nicht mehr mahnt
es wahnt der Wahner
bis er nicht mehr wahnt

es nörgelt der Nörgler
bis er nicht mehr nörgelt
es wörgelt der Wörgler
bis er nicht mehr wörgelt

es raubt der Rauber
bis er nicht mehr raubt
es glaubt der Glauber
bis er nichts mehr glaubt

es heizt der Heizer
bis er nicht mehr heizt
es reizt der Reizer
bis er nicht mehr reizt

es genießt der Genießer
bis er nichts mehr genießt
es beschließt der Beschließer
bis er nichts mehr beschließt

es verkehrt der Verkehrer
bis er nicht mehr verkehrt
es verehrt der Verehrer
bis er nicht mehr verehrt

es germanistelt der Germanist
bis er nicht mehr germanistelt
es slawistelt der Slawist
bis er nicht mehr slawistelt

es verlegt der Verleger
bis er nicht mehr verlegt
es erregt der Erreger
bis er nicht mehr erregt

es regiert der Regierer
bis er nicht mehr regiert
es verliert der Verlierer
bis er nicht mehr verliert

es erhebt der Erhebende
bis er nicht mehr erhebt
es lebt der Lebende
bis er nicht mehr lebt

es richtet der Richter
bis er nicht mehr richtet
es dichtet der Dichter
bis er nicht mehr dichtet.

Randy Stacks Software ASCIIMID aus dem Jahr 1992(!) ermöglichte mir, Bernhards Text Buchstabe für Buchstabe in Tonhöhen zu übersetzen, also im Wortsinne zu „vertonen“. Umlaute und das scharfe S wurden vorher durch kompatible Zeichen ersetzt (ä = ae, ß = ss etc.). Stack beschreibt die Funktionsweise seines Programms wie folgt:

Any characters between ASCII codes 32 and 128 are mapped to MIDI note numbers between 0 and 96. Any code falling outside of this range is interpreted as a rest. Each note or rest occupies a 16th note.

Erwartungsgemäß entstand eine recht repetitive Tonkette, die ich phasenverschoben den Bratschen und Celli zur Ausführung übertrug. Die Violinen melden sich immer, wenn die Phrase „bis er/sie nicht(s) mehr“ im Text vorkommt. Die Kontrabässe rühren sich nur, wenn ein Großbuchstabe in Bernhards Text erscheint (2x pro Strophe). Eine weitere Violinstimme fungiert als Metronom.

Die übrigen Parameter (Dynamik, Kontrapunkt) wurden intuitiv (also in „herkömmlicher“ Weise) „erwirtschaftet“.

[verfasst im Mai 2013]


* „Special“ bedeutet hier „Basisversion“
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«Bernhard» für Orchester, 2006 (ePlayer-Realisierung 2017)

Ein Gedanke zu “«Bernhard» für Orchester, 2006 (ePlayer-Realisierung 2017)

  1. Das Stück gefällt mir immer noch (ich glaube, das muss ich dann wohl 2013 schon mal gehört haben? Oder irgendwann später.) ebenso wie das Gedicht (note to self: wiedermal Th. Bernhard lesen)

    Mir ist minimalistische Musik oft zu einfach/vorhersehbar/eingerahmt, was die möglichen Tonhöhen angeht, aber aufgrund des chaotischen „Themas“ vom Gedicht kann das hier nicht passieren. Dass die Großbuchstaben noch Bässe machen, passt auch.

    Any characters between ASCII codes 32 and 128 are mapped to MIDI note numbers between 0 and 96<<<

    Midi-Tonhöhe 0-12 hört eins ja nicht. Kommen die vor? Oder hast du hochtransponiert?

    Die übrigen Parameter (Dynamik, Kontrapunkt) wurden intuitiv (also in „herkömmlicher“ Weise) „erwirtschaftet“.<<<

    Ich dachte, der Kontrapunkt wäre durch die Kanons schon festgelegt?

    Grüßle!

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