Strawinskys „Bauernhochzeit“, ethnisiert und midifiziert (1994)

Kurz vor seinem Tod 1996 hat der russische Ethnomusikologe und Musiker Dmitri Pokrowski eine ethnisierte und midifizierte Fassung von Igor Strawinskys Ballett Les Noces (=“Die Bauernhochzeit“) aus dem Jahr 1923 realisiert.

„Ethnisiert“ (diesen Begriff habe ich mir selbst einfallen lassen, er stammt nicht von Pokrowski) bedeutet hier den Einsatz traditionell intonierender slawischer VokalistInnen – in diesem Fall der SängerInnen aus Pokrowskis eigenem Ensemble – statt der üblichen, klassisch ausgebildeten, voluminösen und sehr vibratolastigen Opernstimmen.

„Midifiziert“ bedeutet, dass der Pianopart der Komposition zum guten Teil mit MIDI-getriggerten Keyboards (also ePlayern im heutigen Sprachgebrauch) realisiert wurde – eine historisch wohlbegründete Entscheidung Pokrowskis, hat Strawinsky doch selber an einer Fassung von „Les Noces“ mit Luthéal – einem vergessenen Musikautomaten der 1920er-Jahre – gearbeitet, die nur deswegen nicht zu Aufführung kam, weil dieses Instrument technisch noch nicht ausgereift war.

Blick ins Innere eines Luthéals, einem Selbstspielklavier, das auch Hackbrett- bzw. Cimbalom-ähnliche Sounds produzieren kann. Quelle: http://www.evertsnel.nl

Das Ergebnis dieser eigenwilligen Kombinbation aus Archaik und Futurismus ist – ich kann es nicht anders sagen – spektakulär: Selten hat mich die Interpretation einer Strawinksy-Komposition stärker berührt. Faszinierenderweise wirkt seine Musik moderner, wenn sie von traditionell intonierenden slawischen Stimmen gesungen und gesprochen wird, vielleicht, weil dadurch klarer wird, wie wenig seine Ästhetik mit der des 19. Jahrhunderts zu schaffen hatte. Die auf gespenstische Weise mechanistisch wie ein Orchestrion vor sich hintrillernden MIDI-Keyboards tun ein Übriges, den Eindruck des Fremdartigen zu verstärken.

Man vergleiche die Realisierung der exakt selben Komposition mit klassisch ausgebildeten Sängerinnen und Sinfonie-Orchester: Es wirkt – in meinen Ohren – gleich alles viel langweiliger / toter / abgestandener. Was meint ihr?

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Strawinskys „Bauernhochzeit“, ethnisiert und midifiziert (1994)

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