Leicht unterkomplexe Minimal music von Michael Gordon

Mir ist Gordons Musik in der Regel ein wenig zu dröge, aber hier geht’s eigentlich – eventuell wg. der immer ganz knapp neben- bzw. hintereinander herlaufenden Tempi, deren Konfiguration nie so ganz vorherzusehen ist:

Trotzdem: Gordons Ästhetik setzt – ähnlich wie Glass‘ – im Grunde ganz auf’s hypnotische Einlullen der Hörerin, also einen rein psychoakustischen Effekt – und das empfinde ich immer als ein wenig dürftig.

Und so plätschert „No Anthem“ denn dahin wie das musikalische Gegenstück zu einem Mobile mit lauter gleichförmigen Einzelobjekten, die sich nur ein wenig in der Farbe unterscheiden: eine Weile ganz interessant, aber letztlich zu substanzarm, um sich wirklich einzuprägen.

Die Ekstase der Publikums ist mir unverständlich.

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Leicht unterkomplexe Minimal music von Michael Gordon

7 Gedanken zu “Leicht unterkomplexe Minimal music von Michael Gordon

  1. Mir war das ehrlich gesagt schon zu eintönig (okay, harmonisch-fad) um es bis zum Ende durchzuhören… :-/

    „Psychoakustischer Effekt“ beschreibt Glass einerseits gut, andererseits ist die Grenzziehung irgendwie unmöglich, und man könnte alle Musik als psychoakustischen Effekt abtun. Schließlich affektiert es ja die Psyche, und sei es auch „intellektuell“ – da hab ich irgendwie das Gefühl, da fehlt mir im Moment noch ein Konzept, um da sinnvoll drüber nachdenken zu können.

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  2. @Philipp: Wenn ich von psychoakustischem Effekt spreche, meine ich stets die Intention eines Komponisten, die Hörerin durch Hypnose einzulullen und ihr dadurch das kritische Urteilsvermögen zu rauben. Wörtliche Wiederholung (auch von Sprache, es muss keine Musik sein) lullt „objektiv“ ein – das wussten schon die SchamanInnen der Steinzeit und machten sie denn auch zu einer ihrer markantesten Trance-Techniken. Als Komponist gilt es, ein verantwortungsvolles Verhältnis zu diesem psychoakustischem Effekt zu finden, denn er hat nichts mit Ästhetik zu tun, wird aber bis heute von vielen als ästhetische Qualität missdeutet (z. B. von sog. „Wagnerianern“).

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  3. @Gerhard: „Musik (möglichst) wahrzunehmen in ihrem reinen Gehalt ist eine besondere Übung, wie vielleicht Meditation und Versenkung.“ – Ich sehe das etwas nüchterner: Um Instrumentalmusik einigermaßen interessant begrifflich beschreiben zu können („analysieren“ klingt mir zu pseudo-naturwissenschaftlich), müssen zwei sehr unterschiedliche Talente vorhanden (angeboren) sein: Musikalität und intellektuelle (nicht zu verwechseln mit literarischer, also „Geschichten erzählender“) Fabulierlust. Hier gibt es zwei Probleme:

    1. Es gibt ganz offensichtlich nur wenige Menschen, die beide Talente haben.
    2. Die Wenigen, die beide Talente haben, unterdrücken mitunter das eine gegen das andere. Es sind nämlich von Haus aus keine kompatiblen Talente, sondern – so meine Erfahrung – Neigungen und Impulse, die sich gehörig gegenseitig in die Parade fahren und damit gegenseitg kleinhalten können. Und so sich schränkt die Zahl derer, die interessant über Musik schreiben können, weiter ein.

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  4. Ah. Ich hatte den Begriff („Psychoakustischer Effekt“) als eine rein objektive (im Sinne von psychologischer Erfassung durch Tests, wenn man sie denn machen täte in dem Fall) Beschreibung von der Wirkung z.B. eines Musikstücks (oder eines Mantras) gelesen.

    Die Intention, einen Effekt auszulösen, ist auf jeden Fall nochmal was anderes… aber damit wird es noch schwieriger, denn über die Intention einer Komponistin kann ich eigentlich gar keine Aussagen machen, wenn ich nur das Werk selber habe, ohne Kontext.

    „als ästhetische Qualität missdeutet“
    – meinst du „als eine ästhetische Qualität“ oder „als ein (Zeichen für) ästhetische Qualität“?

    Ich denke, „eine“ ästhetische Qualität ist die psychologische Wirkung ja, als Zeichen für ästhetische Qualität könnte ich es sogar auch gelten lassen, allerdings dann nur als ein weder notwendiges noch hinreichendes um ästhetische Qualität „insgesamt“ zu erreichen.

    Meine Güte, die Sprache ist hier gerade echt tricky… ich hab aber immernoch das Gefühl, ich kann den „Wagnerianern“ oder „Glassianern“ ( 😉 ) ihre ästhetische Erfahrung auch nicht absprechen. Vielmehr stellt sich die Frage, wie geht der einzelne Hörer, die einzelne Hörerin damit um, mit was auch immer eine Musik bei ihnen auslöst. Gerade eben hab ich mir wieder Glass´ Violinkonzert (teilw.) angehört… mir scheint, dass es auf einer Ebene aufs Unterbewusste wirkt, die mir etwas unheimlich ist – in Form einer extrem langsamen abstrakten Melodie – während die Oberfläche mit etwas Polyrhythmik aufgepeppt ist, um den bewussteren Anteilen des Geistes sozusagen auch ein paar Brotkrumen zuzuwerfen. Aber halt nur, um die Quengler ruhigzustellen, während das Eigentliche sich dahinter abspielt.

    (Ich frage mich außerdem grade, ob man, wenn man diese verborgene abstrakte Melodie herausnimmt, und alleine abspielt, nicht im Grunde bei einem extrem kargen, ustwolskajanischen, oder vielleicht auch gregorianischen, Choral (?) endet)

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  5. @Philipp: Ich habe mich schlecht ausgedrückt: Natürlich wirkt ein psychoakustischer Effekt wie wörtliche Wiederholung objektiv, d. h. ästhetik-unabhängig. Was mich nervt, ist, die Bereitschaft von Wagnerianern/Glassianern, diese Wirkmächtigkeit der ästhetischen Kompetenz des Komponisten zuzurechnen.

    Wenn Sven Väth in einem Track Sub-Bässe einsetzt, die den Club-HörerInnen in die Magengrube fahren und evtl. euphorische Gefühle auslösen, sagen die ja auch nicht: „Sven Väth ist ein musikalisches Genie!“, sondern sie loben die Qualität der Lautsprecheranlage.

    In exakt diesem Sinn sind die Club-Hörerinnen musikalisch gebildeter als die WagnerianerInnen/GlassianerInnen, die ja durchaus wissen könnten, was Psychoakustik emotional bewirken kann.

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  6. „Was mich nervt, ist, die Bereitschaft von Wagnerianern/Glassianern, diese Wirkmächtigkeit der ästhetischen Kompetenz des Komponisten zuzurechnen.“

    Ok, das seh ich auch so. 🙂

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