Bernd Stegemanns Polemik gegen die postmoderne Linke

Das Buch Das Gespenst des Populismus des Berliner Intellektuellen Bernd Stegemann enthält neben Vielem, dem ich nicht zustimme – z. B. halte ich es für irreführend, Angela Merkel als, wenn auch subtile, Populistin abzuqualifizieren, sie ist und bleibt eine Exponentin politischen Pragmatismus‘ – auch ein paar heftige Spitzen gegen ein intellektuelles Milieu, das ich hier behelfsweise mal postmoderne Linke nennen möchte und mit dem ich – vor allem durch Lektüre der Texte Diedrich Diederichsens – seit Mitte der 1980er-Jahre intellektuell aufgewachsen bin.

Behelfsweise deshalb, weil Postmoderne für mich eine Epoche (ca. 1975 – ca. 2008), aber kein kulturpessimistischer Kampfbegriff ist. Genaugenommen müsste ich also statt von der postmodernen Linken von einer „bestimmten linken Haltung sprechen, die sich während der Epoche der Postmoderne etabliert hat“. Diese vor allem im kulturellen Sektor hierzulande jahrzehntelang tonangebende Haltung zeichnete sich durch eine charateristische Legierung aus Moralismus und Hedonismus aus, an deren slickness schon manche Kritik abrutschte wie ein stumpfer Eispickel an der Eiger-Nordwand.

Nicht so jedoch Stegemann. Im Gegensatz zu vielen anderen Postmoderne-Kritikern leugnet er die soziokulturelle Relevanz dieser Epoche in keinster Weise, aber:

Die Schwierigkeit liegt … darin, die Postmoderne zu verstehen, ohne auf sie hereinzufallen. [4.31]

Mit der Dekonstruktion des tragischen Lebensentwurfs der klassischen Linken hatte die postmoderne Linke auch dem existenziellen Heroismus, der mit einer solchen Haltung einhergeht, den Garaus bereitet. Nichts war bzw. ist der postmodernen Linken fremder als Tragik. Kein Wunder, dass dies dem Dramaturgen Stegemann so die Nase hoch geht, kennt eine komplett untragische Welt nun mal kein authentisches, sondern nur ein kontingentes Subjekt:

Aus der leidvollen Entfremdung ist das konsequenzlose Spiel der Ambivalenzen geworden, und die Schizophrenie, die an den Widersprüchen irre wird, hat sich ins dezentrierte Subjekt verwandelt. [1.3]

Man bezeichnete sich weiterhin als links, d. h. man war für die Gleichberechtigung und -behandlung der Geschlechter, Ethnien und Kulturen in der Tradition der Aufklärung. Dabei tat man allerdings so, als wäre diese Weltsicht alternativlos und hätte ihren zeitlosen Widerpart, die reaktionäre Weltsicht (die nicht mit Konservatismus zu verwechseln ist), bereits ein- für allemal überwunden. Wie sich aber dann die Existenz von neuen Nationalismen und Rechtspopulismen während der zweiten Häflte der postmodernen Epoche erklären, die sich partout nicht dekonstruieren lassen wollen?

Letztendlich, so Stegemann, hatte und hat die postmoderne Linke dem aufkeimenden politischen und religiösen Neo-Fundamentalismus außer ihrer arroganten sophistication bzw. elitären coolness nichts entgegenzusetzen. Aber damit nicht genug:

Das postmoderne Denken, das sich seit den 1970er Jahren an den Universitäten der westlichen Welt verbreitete, kann in seiner ideologischen Funktion bei der Durchsetzung des Neoliberalismus nicht hoch genug bewertet werden. Seine Hauptwirkung besteht einerseits darin, dass es die Begriffe des kritischen Denkens, mit dem die materiellen Lebensbedingungen und Eigentumsverhältnisse analysiert werden können, vollständig mit dem Mittel der Dekonstruktion zerstört hat. [3.1]

Schlimm. Aber noch schlimmer:

Die Irrealisierung der Realität, die einst das Kennzeichen der Kunst war, wird zum bestimmenden Lebensgefühl, mit der das eigene Privileg vor jeder realen Konsequenz bewahrt wird. Das postmoderne Denken hat die Welt zu einem Chaos von postfaktischen Behauptungen gemacht, deren Konsequenzen nun vor allem der liberalen Vernunft größte Probleme bereiten. Die Ironie besteht darin, dass das postfaktische Zeitalter nicht mehr allein der liberalen Hegemonie dient, sondern in einer unerwarteten Wendung immer mehr dem rechten Populismus zuarbeitet. [3.3]

Diese Diagnose beschreibt zweifellos die entfesselte, stets und prinzipiell am Rande der Unverständlichkeit operierende und eher selbstbesessene als selbstreferentielle Rhetorik sowohl der Musikkritik Diedrich Diederichsens (Spex) und der Kunstkritik Isabelle Graws (Texte zur Kunst) , als auch die Strategien der postmodernen Linken zuzurechnender Künstler wie bsp.weise Albert Oehlen, Sibylle Berg, Rolf Dieter Brinkmann, Martin Kippenberger, Elfriede Jelinek, Wolfgang Müller oder Rainald Goetz. Im Bereich der philosophischen Ästhetik wäre Christoph Menkes2 Buch „Die Souveränität der Kunst“ von 1991 zu nennen, dessen fragwürdige, von Paul de Man inspirierte Argumentation Harry Lehmann in seiner aktuellen Publikation Ästhetische Erfahrung ebenso haarklein wie vernichtend analysiert.

Doch die postmoderne Linke erschöpfte sich nicht in der subversiven Dekonstruktion bisheriger soziokultureller Gewissheiten. Ihr zweites Schlachtfeld ist und bleibt die Identitätspolitik, also intellektuelle Schützenhilfe zur Verfertigung eines Wir-Gefühls für bisher marginalisierte Menschengruppen (Die Arbeit der Philosophin Judith Butler war und ist für diese Strömung grundlegend). Wogegen nichts zu sagen ist. Die Sache, so Stegemann, hat nur einen Schönheitsfehler: „Über Arbeiter [ergänze: Büroangestellte, Beamte, Polizisten, Handwerker, …; S. H.] kann gefahrlos gelacht werden.“ [5.1] Die postmoderne Linke hat sozusagen vor lauter (komplett ehrenhaftem!) Engagement für unterdrückte Minderheiten unversehens die Mehrheit marginalisiert – zumindest soziokulturell.

Alltägliches Kampfmittel zur Durchsetzung derartiger identitätspolitischer Vorstellungen ist eine Haltung, die man politisch korrekt zu nennen sich angewöhnt hat. Die deutschsprachige Wikipedia definiert diese folgendermaßen: „In der ursprünglichen Bedeutung bezeichnet der englische Begriff politically correct die Zustimmung zur Idee, dass Ausdrücke und Handlungen vermieden werden sollten, die Gruppen von Menschen kränken oder beleidigen können (etwa bezogen auf Geschlecht oder Rasse).“ Wogegen ja kein zivilisierter Mensch etwas haben sollte, weswegen Politische Korrektheit (PC) leider zu gut funktioniert. Stegemann beschreibt denn auch ihren Missbrauch durch die postmoderne Linke folgendermaßen:

Der PC-geschulte Zeitgenosse verfügt damit über eine gut funktionierende Paradoxie, mit der er seine eigene Identität immer so darstellen kann, wie es seinen Interessen dient, und zugleich kann er die Identität der anderen so festlegen, wie es ihnen am meisten schadet. Man selbst bleibt Herr seiner Individualität, während die anderen zu Gruppenidentitäten vereinigt werden können. [5.2]

Das dekonstruktivistische / identitätspolitische Projekt der postmodernen Linken, so aufklärerisch und emanzipatorisch es auch einstmals begann, taugt also – und hier stimme ich Stegemann aus vollem Herzen zu – nicht mehr für die heutige Zeit und hat längst bei den Apartheid-Propagandisten der Identitären Bewegung eine neue, fatale Heimstatt gefunden.

Es sollte – und dies steht jetzt nicht mehr bei Stegemann – durch eine die flächendeckende postmoderne Ironie überwindende reflektierte Bürgerlichkeit abgelöst werden, deren Grundriss David Foster Wallace bereits 2003 folgendermaßen skizzierte:

The idea of being a citizen would be to understand your country’s history and the things about it that are good and not so good and how the system works and taking the trouble to learn about candidates for political office […]3

Wallaces Statement erscheint mir deshalb besonders einschlägig, weil er jahrelang selber ein großer Fan (und Nachahmer) der postmodernen Belletristik etwa Thomas Pynchons, Don DeLillos oder auch Paul Austers war. Wallaces post-postmoderne „Wende“ hatte freilich neben politischen und ästhetischen auch handfeste persönliche Gründe. Als alkoholkrankem und von rezidivierenden, psychotherapeutisch nicht behandelbaren Depressionen geplagtem Individuum erschien ihm eine ironische Haltung zu den Dingen des Lebens letztlich wohl einfach nicht wirklich zielführend. Seinen Suizid hat diese Einsicht leider nicht verhindert – aber das ist eine andere Geschichte.


1 Ich habe Stegemanns Text als eBook ohne Seitenangaben gelesen, weswegen ich hier nur auf die entsprechenden Kapitel und Unterkapitel verweisen kann, in denen die zitierten Passagen stehen.
2 All diese Namen werden von Stegemann nicht explizit genannt, die personale Zuordnung seiner Thesen ist deshalb allein vom Blogbetreiber zu verantworten.
3 Dieses Zitat ist auch seit Jahren Teil der Permanently Unasked Questions dieses Blogs.

5 Kommentare zu „Bernd Stegemanns Polemik gegen die postmoderne Linke

  1. Naja..“in Geschwurbel we Trust“ könnte man auch sagen. Bei aller Liebe zu detaillierten Ausführungen. In diesem Fall möchte nur der nächste Autor sein Werk gut am Markt sehen. Bekanntermaßen ist es mittlerweile fast unmöglich ohne klare Provokationen auch nur genügend Gehör oder Leser zu finden um die Herstellungskosten zu decken. Das Erbärmliche in meinen Augen ist dabei nicht die ausgelutschte 08/15-Vorgehensweise, sondern die unsägliche Pauschalierung und das gezielte Nichtnennen derjenigen die er doch eindeutig anspricht. Denn später kann man dann ja die „das habe ich nicht auf Herrn/Frau XY gemünzt“-Nr. spielen. Wer Kritik an Vorgängen in unserer Gesellschaft vorbringt, kritisiert logischer weise bestimmte Menschen und deren Aussagen oder Handlungen. Daher empfinde ich das Einbringen gewisser Namen in diesem Blogeintrag als komplett spekulativ und überflüssig. Es wäre auch besser wenn einige hochgeschätzte „Schreiberlinge“ aufhören ihre teils kruden Thesen per VÖ an Buchpreisbindung zu servieren. Das hat eben immer diesen faden Beigeschmack des intellektuellen Ausverkaufs, Thema egal.

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  2. Ich finde es nicht gut, es ist damit eine subjektive Interpretation und m.M.n. nicht hilfreich. Wie ich schon sagte, die Autoren solcher Bücher sollten Ross und Reiter nennen. Allemal wenn nicht wenige von ihnen in eben dieses Horn blasen und anderen vorwerfen nicht Klartext zu reden/schreiben. Ich halte es für Verkaufsstrategie und damit wird auch eine direkte und offene Diskussion verhindert. Jeder will sich nur noch so gut wie möglich vermarkten und das Risiko des Scheiterns minimieren. Dabei muss man sicher im „worst case“ seine eigenen Ideale über Bord werfen.
    Ich stehe ohnehin der gesamten Diskussion um dieses Thema mittlerweile reichlich genervt ggüber. Das liegt eben zum einen an den o.g. Gründen, zum anderen aber auch an den diversen Theoriefindungen und Erklärungsversuchen. Da wird unheimlich viel und wortgewaltig produziert, die Ergebnisse oftmals ernüchternd und stellenweise lesen sich viele Beiträge oder Artikel, die sich dem Thema und den Protagonisten widmen doch eher wie in einem Fan-Mag. Auch Ihr Beitrag schweift zum Ende hin in die Sphären des Fantum ab. Daher empfand ich auch das Einbringen von Wallace als Schlussakkord unpassend und das Zitat mit dem besprochenem Buch ohne echten Zusammenhang. Zur aktuellen politischen Lage, u.a. in den U.S.A, würde ich das Zitat sicher gerne irgendwo lesen. Oder in Neuländisch als Meme.

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  3. @Stefan Hetzel: sry für die späte Antwort. Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Auch ich bin schon dem einen oder anderen (schreibenden) Quacksalber aufgesessen.
    Ich versuche es mit einer sehr simplen Darstellung: In Deutschland liegen Probleme und Lösungen auf der Hand.
    Um diese recht einfache Darstellung zu teils komplexen Sachverhalten nachvollziehbar zu machen: es braucht nicht mehr „Intellektuelle“, (selbsternannte) Philosophen oder gar Wirtschaftswissenschaftler/Experten (inkl. Bierdeckelkritzlern in Hinterzimmern der „ehrenwerten Gesellschaft“). Sondern endlich eine dem deutschen Anspruch gerecht werdende politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Ausrichtung…wir sind ein Durchschnittsland mit einem viel besserem Ruf und noch besseren Ratings…weigern uns aber seit Jahrzehnten beharrlich, das Funktionierende aus anderen Ländern zu unserem Nutzen auch hierzulande einzusetzen. Mehr ist da nicht, und insofern stimme ich Ihrem „““Vielleicht wollte ich mehr aus dem Stegemann rausholen, als tatsächlich drin ist.“““ auch vollkommen und uneingeschränkt zu. Da versuchte nämlich ein Stegemann viel mehr darzustellen, ereifert sich daran, eine neue Definition der Linken zu schaffen, was bei der Vielzahl von Richtungen, Strömungen und Zielen im „linken Spektrum“ entweder eine plumpe/naive oder aber eine wohl durchdachte Strategie darstellt.

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