«Three Scale Studies» for player piano, 2017 (ePlayer realisation)

1 Reverse Ego Shooter


Soundfont Bechstein MP 192 Grand Piano
Sample Player Kontakt
Faltungshall A Storage Tank

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2 Blues for Meredith


Soundfont Daynes-Beebe Upright Piano
Sample Player Falcosoft Soundfont MIDI Player
Faltungshall Schellingwoude Kerk Amsterdam

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3 Diatonic Wind


Soundfont Kawai GS 60 Grand Piano
Sample Player sforzando
Faltungshall A StorageTank

*

Kompositionsnotiz

Bereits in meinem Klavierstück Sykorujabing kreuzte ich Musik von Skrjabin mit einer mikrotonalen Skala von La Monte Young. Der Witz bei dieser Idee ist, dass ausschließlich die Tonhöhen der Ausgangskomposition verfremdet werden und alle anderen musikalischen Parameter unangetastet bleiben. Die künstlerische Herausforderung besteht darin, die Verfremdung so zu gestalten, dass sich, mit Wittgenstein gesprochen, in der entstehenden Musik etwas über die Funktionsweise musikalischen Ausdrucks „zeigt“. Es ist ein bisschen so, als würde man ein abstrakt-expressionistisches Gemälde von Jackson Pollock als Siebdruck à la Warhol reproduzieren.

Für die „Three Scale Studies“ habe ich eigene Kompositionen als Ausgangsmaterial verwendet. Aus Ego Shooter wurde mithilfe von Zoltáns* Skala Reverse Melody „Reverse Ego Shooter“,  aus For Meredith Monk mithilfe der Skala Blues-like „Blues for Meredith“ und aus The Wind mithilfe der Skala Major Diatonic  „Diatonic Wind“.

Dieser Screenshot erläutert, wie die „3 Scale Studies“ fabriziert wurden: Die Tonhöhen eines Input-Standard MIDI Files (SMF) werden durch eine von Zoltán Bacskós Software Falcosoft Soundfont MIDI Player (FSMP; mittlerer Bildbereich) bereitgestellte Skala (hier: Blues-like) in Echtzeit modifiziert. Alle anderen Parameter des Input-SMFs bleiben unverändert. Der MIDI-Output von FSMP wird dann – ebenfalls in Echtzeit – mit der Software Red Dot Forever aufgezeichnet und anschließend als Output-SMF abgespeichert.

Der ganze Aufwand dient einzig und allein dem Ziel, wirklich neue Musik zu erschaffen, und das heißt für mich in erster Linie Musik, die bisher unbekannte, verschüttete (?), unterdrückte (?) oder vergessene Emotionen in mir – und damit bei der geneigten Hörerin bzw. dem geneigten Hörer – zum Klingen bringt. Und da ich die Erfahrung gemacht habe, dass mein auditiver Wahrnehmungsapparat derlei Emotionen vorwiegend durch die Harmonizität und weniger durch die Rhythmizität eines Musikstücks empfängt, arbeite ich mit Vorliebe mit definierten Tonhöhen und deren Verfremdung.

Wider die Diktatur des Strukturklangs

Angesichts der Tatsache, dass die Masse aktueller Kunstmusik, die mir zu Ohren kommt, sich für den Erfahrungsbereich Harmonizität nicht zu interessieren scheint, sondern stattdessen auf die oft schwer durchschaubare Relationalität von „Strukturklängen“ (Lachenmann) – was nichts anderes heißt als aus einem mehr oder minder chaotischen Frequenzcluster zusammengesetzte, tendenziell eher geräuschhafte Klangereignisse – setzt, erklärt sich meine Außenseiterposition innerhalb dieser Szene.

Das Komische ist nur: Ich habe seit vielen Jahren den Eindruck, dass die meisten Kunstmusik-AkteurInnen zwar der Strukturklangdiktatur genauso müde sind wie ich, aber sie komponieren weiter hauptsächlich soundorientiert, d. h. mit erweiterten Spieltechniken (bzw. Samples erweiterter Spieltechniken, worin ich keinen Fortschritt sehe). Fragt sich nur, warum ist das so?

Ein Grund dafür scheint mir in der ungebrochenen Herrschaft eines ganz bestimmten musikgeschichtlichen Narrativs zu liegen, welches – unausgesprochen – in den Köpfen der Beteiligten wirken mag. Es geht so:

Nach Serialismus und Spektralismus sei das Komponieren mit definierten Tonhöhen „durch“ gewesen, d. h. obsolet geworden. Diese Sackgasse sei einzig und allein dadurch zu überwinden, dass man ab sofort das mehr oder minder exakt definierte Geräusch als kleinste strukturbildende Einheit kunstmusikalischen Komponierens auffasse. Formal kann das dadurch gerechtfertigt werden, dass die Komplexität (=Frequenzvielfalt) eines Strukturklangs zweifellos höher ist als bsp.weise die eines 10-stimmigen Akkordes. Demzufolge sei das strukturklangbasierte Komponieren eo ipso dem harmonizitätsbasierten Komponieren historisch wie zivilisatorisch überlegen, also alternativlos. Wer sich ihm verweigere, falle sozusagen aus der Geschichte heraus.**

Dass Geräusche von der menschlichen Wahrnehmung tendenziell als weniger artikuliert empfunden werden als definierte Tonhöhen, wird dabei negiert. Auch komplett unmusikalische Menschen dürften den Gesang einer einzelnen Nachtigall als artikulierter empfinden als das Krächzen einer Schar von Saatkrähen – und sei es auch noch so nuanciert und vielgestaltig. (Damit ist allerdings kein Werturteil gefällt, denn ich bin ja nicht der Meinung, dass das Komponieren mit Strukturklängen weniger wert ist als das Komponieren mit definierten Tonhöhen. Es ist aber auch nicht umgekehrt.).

Ein zweiter Aspekt des o. g. Narrativs ist die feste Kopplung der Idee von strukturklangbasiertem Komponieren an die Idee der Avantgarde, dem die ebenso feste Kopplung der Idee von tonaler Musik an deren Gegenteil (Neoklassizismus, Postmoderne, Neuer Einfachheit, Minimal music, …) gegenübersteht. Aber meiner Meinung nach ist weder das Komponieren mit definierten Tonhöhen noch die Möglichkeit, damit Avantgarde sein zu können, jemals an eine wie auch immer geartete Grenze gelangt. Es ist nur seit ca. der Mitte des 20. Jahrhunderts – aus welchen Gründen auch immer – viel zu wenig gepflegt worden bzw. aus der Mode gekommen*** . Es geht demzufolge darum, die Vorstellung zu überwinden, das Komponieren mit definierten Tonhöhen sei „automatisch“ reaktionär.

Einen zweiten Grund für die ungebrochene Herrschaft des Strukturklangs in der Kunstmusik hat Harry Lehmann bereits 2012 im Kapitel „Dispositiv“ seiner Musikphilosophie „Die digitale Revolution der Musik“ – wenn auch indirekt – geliefert:

Die institutionellen Elemente des Neue Musik-Dispositivs – also z. B. der Musikverlag, die Musikhochschule oder das Ensemble – besitzen … den Charakter von … Säulen: sie sind … starr und tragend zugleich. Dennoch ist es nicht die staatliche Kulturförderung, welche zu jener ‹Versäulung› der Neuen Musik führt, sondern ihr technologischer Stand im letzten Jahrhundert … . [H. Lehmann: Die digitale Revolution der Musik. Mainz: Schott Music 2012, S. 13]

Man muss in diesem Satz nur „technologischer Stand im letzten Jahrhundert“ durch „Strukturklangnarrativ“ bzw. „erweiterte Spieltechniken“ ersetzen, um zu sehen, was ich meine.


* siehe Bildunterschrift
** Mir ist nicht bekannt, ob Lachenmann oder sonst jemand das jemals so dezidiert behauptet hat – aber das ist hier auch nicht der Punkt. Es geht vielmehr darum, ein verborgenes, aber hochwirksames Narrativ in den Köpfen von KomponistInnen wie HörerInnen „Neuer Musik“ herauszuarbeiten.
*** Das gilt natürlich nur für die Kunstmusik.
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«Three Scale Studies» for player piano, 2017 (ePlayer realisation)

4 Gedanken zu “«Three Scale Studies» for player piano, 2017 (ePlayer realisation)

  1. Anonymous schreibt:

    Diatonic Wind ist mein grosser Favorit, besonders der Anfang ist super. Geht wohl nicht auf Disklavier.
    Im Theorie-Teil die Versäuung……..
    Noch mehr Respektlosigkeiten: Hat „Diatonic Wind“ eine ICD-Nummer? Karl F.

    Gefällt mir

  2. @Karl F.:
    1. Danke für’s Feedback 🙂 Ich hoffe inständig, dass Kompositionen wie „Diatonic Wind“ auch auf dem Enspire-Flügel gut klingen mögen. Oder gibt’s da „objektive“ technische Limits?
    2. Magst du erläutern, was du unter „Versäuung“ verstehst?
    3. ICD-10 F90.0

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