The Munich Event

Der folgende Text hat nichts mit Musik, Kunst oder Ästhetik zu tun. Er dient einzig der Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung und strebt demzufolge nicht nach Objektivität und Ausgewogenheit, sondern will getreues Abbild von Gefühlen und Gedanken sein, seien sie auch noch so peinlich.

Das war er also, der Munich event, absoluter Höhe- und Endpunkt meiner Komponistenkarriere.

Etwa nicht? Was soll denn jetzt noch kommen?

Über 40 einfühlsame GroßstadtmenschInnen waren bereit, 15 Euro Eintritt zu zahlen, um sich (neben anderem) eine knappe halbe Stunde meiner Klavierstücke anzuhören, wie sie von einem high-end player piano vor Ort reproduziert wurden. Und auf dem Veranstaltungsplakat prangte , oh Schreck, mein Konterfei:

Typisch Hetzel: Erst jammert er ewig rum, dass sich keiner für seine Sachen interessiert, aber wenn dann mal ein wenig Erfolg kommt, ist es auch nicht recht. (Nachbearbeiteter Webcam-Schnappschuss vom 4. März 2018)

Ich weiß gar nicht, was ich fühlen soll. Musste ich zulange auf dieses Ereignis warten, um mich noch darüber freuen zu können? Alles in allem waren es ja rund 35 Jahre, denn bereits seit Mitte der 1980er hatte ich mich als Komponist gefühlt. Und trotz all der langen Zwischenräume, in denen ich nichts für diese Ambition tun konnte oder wollte, komplett aus den Augen verloren oder gar aufgegeben habe ich sie nie.

Es gibt kaum etwas Schöneres, als wenn einem für die Arbeit, die einem am meisten am Herzen liegt und die man bisher durchgängig privatissime zu verrichten hatte, man will ja niemanden, nicht einmal engste Freunde, mit seinen Schrullen belästigen und so von sich entfremden – und ich bin mir vollkommen darüber im Klaren, dass das Komponieren für Musikautomaten eine eher abseitige Passion darstellt -, echtes Interesse von wildfremden Leuten entgegenkommt, so wie z. B. von der japanischen Konzertpianistin, die mich nach dem Konzert schlicht „Wie haben sie das gemacht?“ fragte, was nicht heißt, dass ich darauf in diesem Moment eine gute, ja nicht einmal eine zureichende Antwort gefunden hätte.

Ich empfand das Münchner Einstein-Publikum als kultiviert und nicht lediglich kulturbeflissen, wie sonst so oft, sowie als – und das ist ja mittlerweile ein soziokulturelles Kleinod geworden – tatsächlich aufmerksam. Kein einziger Klingelton intervenierte, niemand ging während des Konzerts hinaus oder kam herein, irgendwelche Flüsterkonversationen während der Performance konnte ich nicht feststellen. Nur konzentrierte Aufmerkamkeit und wohlwollendes Interesse, ja Neugier – auch diese steht ja bekanntlich auf der Roten Liste aussterbender soziokultureller Verhaltensweisen – beherrschten die Szene.*

Euphorie fühle ich nicht, es sind eher Gefühle von Zufriedenheit und Dankbarkeit, aber gleichzeitig auch leiser Enttäuschung. Letzteres vor allem aus Ernüchterung über die unerwartet deutlichen Grenzen des Reproduktionsflügels. Die Enspire-Reihe ist die aktuelle Version des Yamaha Disklaviers, d. h., etwas Besseres werde ich kaum finden, um meine Klaviermusik ohne Samples erklingen zu lassen. Bin ich also an „objektive“ technische Grenzen gestoßen, was das Prinzip player piano betrifft? Oder gibt es noch andere Möglichkeiten, von denen ich einfach nichts weiß (Ablingers Vorsetzer? Ist der schneller?)? Oder lag es an meinen Dateien?

Ich denke, den ersten Satz dieses Artikels („Das war er also…“) muss ich zurücknehmen. Er war reichlich dämlich, zeugt von einer gewissen Unreife bzw. Infantilität und ich schäme ich für ihn. Natürlich geht es weiter. Probleme stehen zur Lösung an. München war beileibe kein Endpunkt, bestenfalls ein ziemlich mittelgroßer Zwischengipfel oder sowas.


* Ich übertreibe hier, vermutlich, weil es an diesem Abend nun mal (unter anderem) um mich ging. Aber so ist das eben mit uns Narzissten: sobald wir als Person ins Spiel kommen, ist es vorbei mit unserem kritischen Urteilsvermögen.
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The Munich Event

8 Gedanken zu “The Munich Event

  1. Volker schreibt:

    Uff, jetzt haste mich aber erschreckt, mein Gutster! Von wegen „Höhe- und Endpunkt“ 😉
    Aber DANKE für diesen feinen Text – ich war schon ganz schön neugierig 🙂

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  2. @Volker: Es war mir wie gesagt wichtig, meine Gedankengänge angesichts des Events so zu protokollieren, wie sie nun mal waren – und erst anschließend zu reflektieren. Ohne Ehrlichkeit gegenüber den eigenen Gefühlen – so meine Erfahrung – kommt man persönlich nicht weiter. Man sollte aus seinem Herzen keine Mördergrube machen.

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  3. Volker schreibt:

    …zumal, das wird deutlich, es ja auch ein wirklich bedeutsames Erlebnis für Dich war! Und ich kenne das ja auch, dass, wie ich denke, sich jeder wünscht, dass sich andere für dich und deine Arbeit interessieren und wenn dann tatsächlich eine kommt und nicht nur höflich fragt, du möglicherweise etwas überfordert bist – die Bildunterschrift bringt es auf den Punkt. Weiter so! 🙂 Punkt.

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  4. Wenn sich jemand interessiert, sagt es ja auch etwas über den Interessierten aus: Er oder sie ist in der Lage, einzusteigen. Mitzufahren. Dabei zu sein.

    Das Jammern hat ja auch den möglichen Grund, daß man evtl. für die „falschen“ Sachen geschätzt wird – das ist so ein Argwohn, der im Produzierenden steckt.

    Schreibe doch weiter persönliche Texte, Stefan. Gefällt mir. Lehn dich aus dem Fenster dabei. Auch wenn es mal arg subjektiv und nachträglich falsch, schief wäre. Dann könnte man ja appendixe nachschieben.

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