Der Veitstanz als ekklesiogene Massenhysterie

Dieser Ausschnitt des Kupferstichs „Wallfahrt nach Meulebeeck“ von Henrik Hondius aus dem Jahr 1564 zeigt zwei „unfreiwillig tanzende“ Frauen, zu deren Bändigung je zwei Männer kaum auszureichen scheinen. Ob es sich hier wirklich um die Darstellung eines Veitstanzes handelt, ist allerdings unklar.

Schöner Artikel von John Waller im Guardian über einen rave im Straßburg des frühen 16. Jahrhunderts:

… a lone woman stepped outside her house and jigged for several days on end. Within a week, dozens more had been seized by the same irresistible urge. […] By the time the authorities intervened, hundreds more were dancing in the same frenetic fashion. […] The dancing went on and on until … some of them collapsed and perished on the spot.

Als Ursache dieses traditionell als Veitstanz bekannten Phänomens vermutet Waller weder eine Vergiftung noch eine körperliche Erkrankung, sondern fehlgeleitete Religiosität:

One particular idea appears to have lodged in the cultural consciousness of the region: that St Vitus could punish sinners by making them dance.

Der rätselhafte Straßburger rave habe seine Ursache also in einer Art Selbstbestrafung für begangene Sünden: Der Sündige tanzt sich die Schuld, die er sich aufgeladen hat, buchstäblich vom Leib und unterwirft sich darin der Macht des hierfür „zuständigen“ Heiligen, in diesem Fall dem heiligen Veit. Das klingt schon weniger obskur, wenn man sich Bilder aus Versammlungen religiös verzückter evangelikaler ChristInnen etwa aus den U.S.A ins Gedächtnis ruft.

Und natürlich ist die rave-Bewegung der 1990er-Jahre nichts anderes als eine säkularisierte Renaissance des Veitstanzes. Nur dass der raver nicht mehr tanzt, um seine Bußfertigkeit unter Beweis zu stellen, auf dass er nach dem Tod nicht ewig in der Hölle brate, sondern um im Hier und Jetzt „Spaß zu haben“. Der rave kennt kein Jenseits, klar. Sein commander ist auch nicht mehr der heilige Veit, sondern bsp.weise DJ Marusha:

BefehlshaberInnen des verzückten Massentanzes einst und jetzt. Links: Veit, rechts: Marusha.

Ein weiterer Beleg für die ekklesiogene Natur der historischen Veitstänze ist die Tatsache, dass sie sich nur so lange ereigneten, wie sich der entsprechende Volksglaube hielt. Ab ca. Mitte des 16. Jahrhunderts verschwinden sie einfach auf Nimmerwiedersehen. Waller kommt zu folgender, weitreichender Schlussfolgerung:

In this way, the dancing mania underscores the power of cultural context to shape the way in which psychological suffering is expressed.

Allgemeiner formuliert hieße das: deine Weltsicht (im Sinne von belief system) determiniert die Form deines psychischen Elends. Würde schon mal erklären, warum „Naturvölker“ keine „Zivilisationskrankheiten“ haben. Oder warum die Formen „weiblicher Hysterie“, die Freud zu behandeln hatte, heute (nach meinem Kenntnisstand) nahezu unbekannt sind. Der Begriff „Hysterie“ ist aus der amtlichen Psychiatrie sogar mittlerweile komplett verbannt und wurde durch „Histrionische Persönlichkeitsstörung“ ersetzt.

Dass unsere Weltsicht unsere psychosomatische Befindlichkeit beeinflusst, ist an sich ja eine rechte banale Erkenntnis, auf der heutzutage ganze Industriezweige (Stichwort wellness) aufbauen. Aber interessant wäre es doch, zu wissen, wie genau die Korrelation zwischen belief system und Psychopathologie funktioniert.

Da muss ich jetzt erst mal eine ganze Weile drüber nachdenken. Und die/der geneigte Weltsicht-LeserIn ist herzlich willkommen, das auch zu tun, z. B. in einem Kommentar zu diesem Artikel.

3 Kommentare zu „Der Veitstanz als ekklesiogene Massenhysterie

  1. Angeblich soll es ja im Raum Griechenlands eine nicht strafende Religion gegeben haben.
    Wenn dem tatsächlich so war, dann fragt man sich: Worin bestand dann die Schuld, die die Bürger damals sicher auch fühlten?!
    Das mal als 1. Gedanke.
    Insgesamt ein feiner Artikel.:-)

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  2. @k&g: Ich denke, es gibt ein religionsunabhängiges Schuldempfinden nach einem Fehlverhalten. Selbst kleine Kinder, die anderen Kindern aus Gier ihre Süßigkeiten klauen, scheinen ja zu wissen, dass sie damit etwas Unrechtes getan haben, auch wenn sie den Begriff „Sünde“ noch nicht verstehen bzw. diesem noch nicht begegnet sind. Man erkennt aus ihrem Verhalten, dass sie sich „schuldig“ fühlen, gerade wenn sie lauthals bekunden, sie hätten doch gar nichts Unrechtes getan, der andere hätte doch sowieso keinen Hunger mehr gehabt etc.

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  3. Nachweisbare Schuldgefühle scheint es bei Primaten nicht zu geben.Schuld scheint erst mit dem Menschen gekommen zu sein.
    Gerade auch, weil die Menschen begannen, in grösseren Gruppen zusammenzuleben, wurde die „Herausarbeitung“ des Kerngefühls Schuld ein immer grösseres Thema. Daß dann auch irrationale Schuld sich herausbildete, hat mit Verängstigung zu tun, mit der Androhung von Strafe ect.

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