Erwin (1993)

Eine unerhörte Begebenheit

Erwin schlug sich heute um vier Uhr morgens die Nase blutig.

Dies geschah in, für Erwin und, später, seinen herzallerliebsten Vater Erwin senior, unerklärlicher, Erwin sagte, „mysteriöser“, gar „mystischer“, Art und Weise. Er, Erwin, sei gerade so richtig eingeschlafen gewesen, als ihn irgendetwas veranlasste, sich abrupt auf die linke Seite des französischen Bettes zu werfen, wobei dann sein Kopf, von der heftigen Bewegung erfasst, mit aller Wucht gegen den unweit des Bettes stehenden Kleiderschrank geschleudert worden sei.

Er berichtete seinem Vater weiter, er habe zunächst geglaubt, von einem Einbrecher ins Gesicht geschlagen worden zu sein, derart, dass sofort „ein Sturzbach von Blut“ aus seinen Nasenlöchern geschossen sei, den ultramarinblauen Teppich verunreinigend.

Verwirrt habe sich Erwin vom Bett erhoben, das Blut sei ihm wirklich aus der Nase auf die Füße getropft. Mit dem Handrücken habe er den „Sturzbach“, wie er es nannte, aufhalten wollen, aber es sei vergeblich gewesen. Plötzlich sei er sich wie ein Stigmatisierter vorgekommen, erzählte Erwin zur Bestürzung seines Vaters, der ihm geduldig zuhörte. Er sei aufgestanden, vor den Flurspiegel gelaufen und habe sich dort als Gekreuzigter, aus Händen und Füßen blutender Christus wiedererkannt. Selbstverständlich sei ihm sofort die metaphysische Blödsinnigkeit, ja Verstiegenheit dieses Vergleichs aufgefallen.

Er habe schließlich zu grinsen begonnen, lachte dann kurz auf, um schließlich, gegen fünf Minuten nach vier, in ein circa zehnsekündiges lautes Gelächter auszubrechen, in Gedanken das alte Kirchenlied „O Haupt voll Blut und Wunden“ memorierend.

4 Kommentare zu „Erwin (1993)

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