Vom Wertekult der GewissenshedonistInnen

Wolfgang Ullrich (*1967)

Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich ist genervt. In seiner Streitschrift „Wahre Meisterwerte“*  aus dem Jahr 2017 konstatiert er einen hierzulande in den letzten Jahren vor allem bei sich linksliberal verstehenden Besserverdienenden grassierenden Trend zu einer Haltung, die er treffend als „Gewissenshedonismus“ bezeichnet. Statt mit materiellem protze man nun mit immateriellem Reichtum, will sagen, einem ausnehmend guten Gewissen der Welt und auch sonst allem Möglichen gegenüber. Dieser bei Altgrünen noch durch Konsumverzicht (Askese) erreichbare Heilszustand sei mittlerweile, so die GewissenshedonistInnen, stattdessen durch „besseren“ / „nachhaltigeren“ / „intelligenteren“ etc. Konsum erreichbar. Dass derartige Konsumgüter grundsätzlich teurer als Allerweltswaren seien, trage zu einer neuen Art gesellschaftlicher Segregation bei: Nur Besserverdienende können sich so ein umweltschonendes Leben leisten und damit dem Planeten dienen, der Pöbel dagegen ist nicht nur arm, sondern auch durch „falschen“ Konsum schuldig geworden. Dem materiellen geselle sich so ein „immaterielles Wohlstandsgefälle“ (S. 55) bei.

Ullrich ordnet dieses Phänomen bewusstseinshistorisch dem Wandel von einer tugendethischen zu einer wertethischen Gesellschaft zu, der schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts in vollem Gang gewesen sei. Was zunächst nach einer abstrakten und weit hergeholten Erklärung klingt, leuchtete mir bald ein.

Die altehrwürdige Tugendethik geht bis auf Aristoteles zurück und umfasst eher sozial ausgerichtete Haltungen wie Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung. Christen fügten dem noch Glaube, Liebe und Hoffnung hinzu. Die Wertethik hingegen entstand erst im 19. Jahrhundert und ist ganz auf die Vorlieben und Abneigungen des modernen Subjekts ausgerichtet, welches sich die Welt macht, wie es ihm gefällt. So ist bsp.weise „Selbstachtung“ ein Wert, aber keine Tugend. Auch „Schönheit“, „Reinheit“ oder „Naturverbundenheit“ sind wertethisch operationalisierbar, sagen aber über die Tugendhaftigkeit des entsprechenden Subjekts nichts aus etc.

Man sieht das Problem: der klassischen Tugenden sind nur wenige, zudem sind sind sie überzeitlich gültig und unveränderlich, moderne Werte hingegen fügen sich geschmeidig endloser Proliferation und sind dabei dem jeweiligen Stand der Dinge stets anpassbar. Dabei bedürfen sie jedoch wegen ihrer relativen Abstraktheit stets einer kreativen Bebilderung – und schon sind wir mitten drin im gewissenshedonistischen Selbstdarstellungsparcours von heute. Ullrich illustriert diesen durch eine illustre Reihe von Instagram-Screenshots, die eigentlich immer dasselbe zeigen: das „nachhaltig“ bzw. „ökologisch korrekt“ konsumierende, ausgesprochen gesunde, rundum glückliche sowie mit sich und der Welt sich vollkommen im Reinen befindliche Individuum.

Sonst eher von zurückhaltendem Temperament, wird Ullrich hier doch ziemlich bissig:

… seit man ethische Fragen in Wertefragen übersetzt, werden bei moralisch ambitioniertem Handeln zugleich in großem Umfang kreative Energien freigesetzt. Da das jedoch auch bedeutet, dass es noch nie … zu so viel Individualität und Selbstbewusstsein verhalf, moralisch sein zu wollen, ist zugleich ein Wertekult entstanden. Jeder will sich wieder und wieder bekennen, … den materiellen Wohlstand umwandeln und endlos viel gutes Gewissen genießen. (S. 159)

Selbstverständlich wird dieser Wertekult längst bewusstseinsindustriell optimal ausgeschlachtet:

Die Konsumkultur ist so weit entfaltet, dass es kaum ein Bekenntnisinteresse geben dürfte, zu dessen Umsetzung keine unterstützenden Produkte erhältlich sind, die nicht auch bereits fester Bestandteil von Ikonographien sind. (S. 108)

Ullrich identifiziert zwei gesellschaftliche Gruppen, die sich dem Wertekult widersetzen: die Rechtsintellektuellen und – etwas verblüffend – die Hip-Hop-Szene. Beide sind aber leider noch unsympathischer bzw. gesellschaftlich destruktiver als die GewissenshedonistInnen. Die reaktionäre Weltsicht der Akteure von Henryk M. Broders Blog „Achse des Guten“ kommentiert er so:

… viele derer, die sich daran ergötzen, andere als >Gutmenschen< abzutun, … verkörpern [ihrerseits] … eine Werteseligkeit, die in Exzessen von Selbstgerechtigkeit mündet. (S. 57)

Für die sich bewusst asozial gerierenden Hip-Hopper hat er schon mehr übrig …

Sie helfen vielen Menschen sowohl dabei, mit ihrer unterpriviligierten Rolle fertigzuwerden und ein eigenes Klassenbewusstsein auszuprägen … (S. 69)

… aber – leider – laufe in dieser Szene dann letztlich doch alles darauf hinaus, „Minderwertigkeitsgefühle in Überlegenheits-, gar in Allmachtsphantasien zu wenden“ (ebda.).

Ullrichs Text bietet keine Lösung für die Konflikte unserer „wertstolzen“ bzw. wertstrotzenden Gesellschaft an, was ich aber auch nicht für seine Aufgabe halte. Das Verdienst seines Buches ist es vielmehr, das Problematische wertorientierter Weltsichten überhaupt erst einmal entdeckt zu haben.

Auch für mich waren „Werte“ bisher durchgängig positiv besetzt. Wer kann schon was gegen „Werte“ haben, oder? Mir war nicht klar, dass „Werte“ vollkommen frei definiert werden können – auch „Rassereinheit“ ist ein möglicher Wert, „Vaterlandsliebe“ sowieso etc. Wer also sagt, er bekenne sich ausdrücklich zu „Werten“, sagt eigentlich: – nichts.

Tugenden sind, siehe oben, etwas ganz anderes. Aber wer hat im 21. Jahrhundert schon den Mut – oder soll man sogar sagen: die Chuzpe? – Tugendhaftigkeit auch nur anzustreben? Würde, wer es wagte, zu behaupten, ja, ich möchte klug, gerecht, tapfer und gemäßigt sein, nicht augenblicklich der Hybris angeklagt bzw. verlacht? Und warum muss das eigentlich so sein?

Wolfgang Ullrichs Blog trägt den schönen Titel „Ideenfreiheit“ und findet sich hier.


* Ja, richtig gelesen: Meisterwerte, nicht Meisterwerke. Erklärt sich gleich. Der durchaus lasche Untertitel des Buches lautet „Stilkritik einer neuen Bekenntniskultur“ und hat mich verärgert. „Wahre Meisterwerte“ ist weitaus mehr als bloße Stilkritik, es geht schon um’s Ganze.

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