Besuch (1999)

Das einzig sympathische Haushaltsmitglied war die behinderte Katze. Sie
humpelte ab und zu durch den Raum, um uns an ihre Existenz zu erinnern,
sonst tat sie nichts. Schmiegte sich nicht an, wie es Katzen sonst oft
tun, maunzte nicht herum, nervte nicht durch das Herabstürzen
irgendwelcher Gegenstände.

Unsere Gastgeber waren höfliche, korrekte Deutsche. Also ein wenig
unsauber, betont spießig, er kariertes Hemd, sie Rüschenbluse. Er eher
analytisch, sie eine christliche Schwärmerin, von leicht verhärmtem
Äußeren und unbeirrbarer, theoretisch fundierter Freundlichkeit.

Ich reagierte, unklug ehrlich wie ich manchmal bin, mit gelindem, aber
doch deutlich spürbarem Spott: erkundigte mich nach ihrer Bibelgruppe,
ihren sozialen Aktivitäten, zeigte echtes Interesse, ohne aber die
Sache selbst zu bewerten. Sie erklärte mir alles freundlich, eifrig,
aber ohne zu missionieren, die Augen sinnend auf ein fernes Außen
gerichtet.

Wir, Gerald, Sabine und ich, waren zu Eberhard und Mathilde gekommen,
um Silvester zu feiern. Die Jahreswende im trauten Kreis. Traut? Ich
lernte Eberhard und Mathilde gerade erst kennen. Gerald war ein alter
Freund von mir, Sabine seine frischangetraute Ehefrau.

Ich erwartete einen langweiligen Gesellschaftsabend. Nur nicht diese
Feiertagsnächte irgendwo allein verbringen! Ich versumpfe in
emotionalem Brei und höre schlechte Musik.

Man wohnt im Hochhaus. Der Ausblick auf die mittelgroße Stadt im
Niederrheinischen: Bäume, nah, ein Kirchturm, fern, weitere Hochhäuser
von mäßiger Größe, ein paar Grünstreifen, das Stadtzentrum in
ahnungsvoller Entfernung. Ich stehe sinnend mit Gerald, dem
nachdenklichen, polytoxikomanen Gerald, auf dem Balkon. Wie so oft
wissen wir gar nicht, was wir reden sollen, wir sehen uns selten in
letzter Zeit, die alten Zeiten sind vorbei, die neuen haben noch nicht
so richtig angefangen. Ich durfte bei Geralds und Sabines Hochzeit den
Trauzeugen spielen, darauf bin ich stolz, denn das ist ein
Vertrauensbeweis, denke ich.

Gerald ist beruflich sehr eingespannt, sagt er, er habe so viel zu tun.
Ich verstehe das immer gar nicht, wie jemand so viel zu tun haben kann.
Ich hatte noch nie in meinem Leben „viel zu tun“, so absurd das jetzt
klingen mag, aber ich habe diesen Zustand immer zu vermeiden gewusst.
Gerald jedoch scheint ihn zu suchen. Warum? Er hasst es doch, dieses
Abgehetztsein, dieses Von-Termin-zu-Termin-Hasten, diese gedankenlose
Flucht durchs Irgendwas!

„Nächstes Jahr … eigene Abteilung“, murmelt er, mehr zu sich selbst
als zu mir, das Whiskyglas fest in der Hand. „Brasilien, Venezuela,
vielleicht Kanada!“ Ich lausche interessiert und teilnehmend. Gerald
stützt sich auf am Kunststoff-Balkongeländer, blickt, schon leicht
angesäuselt, in die diesige, amorphe Winterabendsonne. Ein paar Stare
umkreisen die Wohnblocks. Die Glocken der Backsteinkirche gegenüber
läuten zur letzten Messe des Jahres.

Gerald wird jetzt pathetisch. „Was wird das nächste Jahr bringen?“
singt er, mit selbstironischem Unterton. Er blickt nach unten, in die
Tiefe. „Depressionen, Geldsorgen, Arbeit.“ Instinktiv suche ich nach
aufmunternden Worten, sage dann aber lieber nichts. Manchmal lässt sich
Gerald nicht aufmuntern.

Sabine quatscht drinnen mit Mathilde über etwas. Eberhard macht den
Salat an, kümmert sich auch sonst ganz allein um die
Essensvorbereitung. Die Tafel ist schon gedeckt: bescheiden und ein
wenig schlampig. Leicht vergeistigt. Kräftige Genüsse sind nicht zu
erwarten, aber Käsefondue. Käsefondue soll die Kommunikation fördern,
weil man gezwungen ist, sich mit allen Personen zu einigen, die auch
ihr Brotwürfelchen in die zähe heiße Kaugummipampe halten. Es kommt
zwangsläufig zu Kollisionen, Brotwürfelverlusten, verzweifelten
Suchaktionen, Stochern im Käsebrei etc. All das soll zu gemeinsamer
Heiterkeit führen, soll Gesprächsstoff entstehen lassen, ein
Gemeinschaftserlebnis erzeugen.

So auch an diesem Abend.

Man behandelt sich höflich, spart aber auch nicht an kritischer
Kommentierung als politisch unkorrekt empfundener Äußerungen des
Anderen. Es wird über alles Mögliche geredet, also über nichts
Besonderes. Mathildes Puritanismus, ihre charismatische Innerlichkeit,
prägt die Atmosphäre. Zwar spricht sie den ganzen Abend nicht einmal
vom Seelenbräutigam, doch strahlt er ihr aus den Augen. Seligkeit,
innere Erfüllung, unnennbares, immerwährendes Glück. Oder zumindest die
unstillbare Sehnsucht danach.

Zwischen Eberhard und Gerald wird ständig ein Spiel gespielt: Fang den
Hut. Gerald ist der Hut, Eberhard versucht ihn zu fangen. Gerald stellt
möglichst radikale Behauptungen über die Zeitläufte im Allgemeinen auf,
Eberhard kommentiert diese moderierend mit geradezu väterlichem
Verständnis. Gerald trinkt dann wieder einen Schluck Whisky und
sinniert weiter. Eberhard tut unbeteiligt, doch ich spüre seine innere
Befriedigung, dem für unreif gehaltenen Freund einen guten Ratschlag
gegeben zu haben. Eberhard ist angehender Studienrat für Deutsch und
Geschichte.

Es wird dunkel. Das Essen ist vorbei. Bevor Langeweile aufkommen kann,
wird ein Spiel vorgeschlagen. Eine dieser aufwendigen Neuerfindungen,
die aber doch immer wieder die gleichen Emotionen hervorrufen wie
„Mensch ärgere dich nicht!“. Der Spielplan ist kompliziert und
unübersichtlich. Es handelt sich um eine Variante von „Trivial
Pursuit“, jene kindische Protzerei mit zusammenhangslosem
Kreuzworträtselwissen. Karten werden gezogen, man darf sich gegenseitig
Fragen stellen. Der Spielgenuss scheint darin zu bestehen, den jeweils
anderen einer Prüfungssituation unterziehen zu dürfen. Das gibt Raum
für mehr oder minder subtile Demütigungen, sollte der Prüfling
versagen. Es ist fast wie im richtigen Leben. Das Spiel wird in
Deutschland sehr oft verkauft.

Ich weiß nicht, wie lang die Chinesische Mauer ist und wer das U-Boot
erfand, doch kann ich Fragen über Fernsehserien der 70er Jahre ganz gut
beantworten. Alle halten sich leidlich. Ich weiß gar nicht mehr, wer am
Ende die meisten Punkte hatte. Ich vermute, Eberhard. Mathilde erzählt
irgendwann später, er habe sich die Woche zuvor hingesetzt und die
Antworten studiert. Eberhard ist dieses Outing sehr peinlich. Doch er
tut lässig, als mache es ihm nichts aus, von seiner Frau vor anderen
bloßgestellt zu werden.

Sabine wird lebendiger, als wir ein neues Spiel spielen: Pantomime.
Kreativität und Schauspieltalent sind gefragt. Auch ich wache ein wenig
auf. Es soll ein Begriff dargestellt werden. Alle ergehen sich in
komischen Verrenkungen, schnaufen am Boden, tänzeln ungeübt, stehen
steif herum, heben ein Bein wie ein pinkelnder Hund, springen auch kurz
in die Luft. Einer macht immer den Hampelmann und die anderen müssen
raten. Sabine ist mit Geralds Darstellungen nie zufrieden. Dieser
behält während der Pantomime die Pfeife im Mund, was ein wenig wurstig
aussieht. Ich liebe ihn dafür. Mathildes Performance ist erwartet
staksig, körperlos und eckig. Dieses Grimmassieren. Dieser stets
altruistische Blick. Ich bin nun doch fasziniert. Hingabe,
Selbstaufgabe. In allem, was sie tut. Sie ist nicht schön, nicht
übermäßig intelligent, nicht redegewandt. Sie ist in Vielem
Durchschnitt. Doch ihr Glaube macht sie, vor sich selbst, zu etwas
Besonderem. Meine eigene Pantomime ist, meiner gedämpften Stimmungslage
entsprechend, wenig inspiriert. Trotzdem wird ein wenig gelacht. Ich
soll das Kinderlied „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ darstellen.
Erst spiele ich den Fuchs, dann die Gans. Der Fuchs wieselt schnüffelnd
auf allen Vieren herum, ungeduldig, lüstern, gierig geifernd ob des
kommenden Genusses. Bei der Darstellung der Gans tue ich mir schwerer.
Ich gehe in die Hocke, watschle herum, imitiere mit meiner Hand den
plappernden Schnabel. Es ist demütigend. Aber das Lied wird
identifiziert. Ich glaube, es war Sabine.

Es werden Chips und Erdnüsse gereicht. Das Bedürfnis nach Musik. Ich
stöbere im Plattenschrank. Die Ausbeute ist mäßig. „Stop Making Sense“
von den Talking Heads, ein bisschen Roxy Music, dann nur noch
Grönemeyer, Westernhagen, Rainhard Fendrich. Zum Schluss doch noch ein
paar halbwegs obskure Tanzmusikplatten aus den späten 60ern. Damit
fange ich an, denn ich spiele den DJ, wie bei jeder Party. Keine
schlechte Rolle, denn man hat immer was zu tun, wird auch gern
angesprochen. Wünsche werden an einen herangetragen. Wünsche, die man
erfüllen kann, oder auch nicht. Es wird getanzt. Die Stimmung wird,
alkoholbedingt, haltloser. Die Frauen lachen manchmal ein wenig zu
laut. Die Männer grinsen still und ein wenig dämlich vor sich hin. Ab
und zu humpelt die Katze verstört durch den Raum.

Kurz vor Mitternacht schalte ich den Fernseher an, aus Langeweile. Ich
will jetzt das kollektive Erlebnis des Jahreswechsels. Sekt wird aus
dem Kühlschrank geholt. Wie auf Kommando versammeln wir uns auf dem
Balkon. Natürlich hörte man schon den ganzen Abend vereinzelte Böller
knallen, aber jetzt gehts natürlich massiv weiter. Niederrhein in
Flammen. Rosen, Tulpen, Nelken. Balustrade. Man fällt sich vorsichtig
um den Hals, wohltemperiert. Das Gesicht verzerrt sich, vom langen
Abend schon leicht angestrengt, zur Freundlichkeitsmaske, während die
Arme den obligatorischen Halbkreis umschreiben. Bussi. Die Oberkörper
berühren sich nur an den Schultern. Die Brüste der Frauen bleiben
ungequetscht. Die Männer umarmen sich nur andeutungsweise, aufkommende
Zärtlichkeit durch gleichzeitiges Rückenklopfen neutralisierend.

*

Intrade. Verlust, ausgekostet. Ich bin enttäuscht: Das neue Jahr fühlt
sich genauso an wie das alte. Geschmacklos, holzig und ein bisschen
fade. Ich stehe jetzt allein und beschwipst auf dem Balkon und möchte
mich gerne hinunterstürzen. Triumphales Ende. Starr aufgerissenen Auges
mit dem Gesicht zur Grasnarbe, das eigene Blut schmeckend, kleine
Knochensplitter dringen in die Hirnrinde ein. Fetzen aus Erinnerung:
Studienjahre, die Wittgenstein-Ausgabe unter der Lederjacke. Die Welt
ist alles, was der Fall ist. Wovon man nicht sprechen kann, darüber
muss man schweigen. Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern
dass sie ist. Oder auch: (W W F F) (p, q) in Worten: p.

Das Fernsehen zeigt jetzt leichtbekleidete langbeinige französische
Tänzerinnen. Moulin Rouge, die rote Mühle in Paris. Nie war ich dort.
Ich will auch nicht hin.

Der Abend ist gelaufen. Kein Überborden der Stimmung, kein brünstiges
Sich-Entäußern, keine unerwarteten Ekstasen. Stattdessen
Wohlanständigkeit.

Mir wird die Iso-Matte zugewiesen, im Studierzimmer des zukünftigen
Herrn Studienrates. Bücher, Schreibtisch, Computer, Zeitschriften, eine
Topfpflanze.

Das Licht ist aus, ich liege flach und starre auf die
Dürrenmatt-Gesamtausgabe ca. einen halben Meter vor meinem Gesicht.
Warum steht der Dürrenmatt so tief? Mag Eberhard den Schweizer
Moralisten nicht? Würde mich wundern. Wahrscheinlich ist Dürrenmatt
gerade nicht „dran“.

Der Schlaf, der Tod, der Traum, das All. Der Kosmos, die Entgrenzung,
der Rand zum Nichts. Dürrenmatt skalpiert Wolfgang Borchert. Bert
Brecht treibt es mit Wolfgang Koeppen und Heinrich Böll wixt sich einen
dazu.
Die Humpelkatze huscht über meinen Adventure-Schlafsack. Ein sanfter
Luftzug. Es ist Tag. Ich habe mein Morgentief, will nicht aufstehen.
Man sollte mich wegtragen müssen. Geräusche aus dem Wohnzimmer. Das
Klappern von Geschirr, natürlich. Ich denke an wahrscheinlich
bevorstehende Abspülexzesse und bin noch tiefer verstimmt.

Doch am Frühstückstisch eine Offenbarung: die besten Eier mit Schinken,
die ich jemals … Keine Ahnung, wie Eberhard das hinbekommen hat,
jedenfalls schmeckt es mir großartig. Eberhard und Mathilde werkeln
eifrig am Herd, ich gewinne die beiden richtig lieb, denn Liebe geht
durch den Magen. Es fehlt eine zweite Pfanne. Erst wird eine Weile
vergeblich gesucht, schließlich wird das gute Stück auf dem Schrank,
oberhalb des Herds, entdeckt. Lagert dort etwas labil auf einem Stapel
alten Geschirrs. Mathilde steigt auf einen wackligen Stuhl, greift nach
dem Pfannenstiel, dann passiert es.

Es passiert.

Ich sehe alles in Zeitlupe. Mathilde hebt die Pfanne an, doch nicht
hoch genug, und reißt den ganzen Geschirrstapel mit in die Tiefe. Mit
grausamem Poltern und Klirren folgt er dem sturen Gesetz der
Gravitation.

Porzellanscherben bohren sich ins Rührei, perforieren kross gebratene
Schinkenstückchen. Sabine lässt einen markerschütternden Schrei fahren.
Die Katze, die es sich bettelnd neben dem Herd bequem gemacht hatte,
humpelt blitzschnell davon und ward nicht mehr gesehen. Eberhard wirkt,
ich beobachte ihn genau, für einen Moment grässlich indigniert, reißt
sich aber sofort wieder am Riemen, setzt seine kontrolliert-wichtige
Miene auf und beginnt sofort, beruhigend auf seine wild gestikulierende
Frau einzureden. Mathilde ist von der Leiter gestiegen, ihr schlechtes
Gewissen färbt den ganzen Kopf dunkelrot. Sie verfällt in blinden
Aktivismus und schneidet sich an einer Scherbe leicht in die Hand. Als
die Wunde anfängt zu bluten, scheint es ihr ein wenig besser zu gehen.
Sabines Bestürzung hat sich bald wieder gelegt, sie eilt herbei, um
Mathildes Verletzung zu versorgen. Gerald hat das Ganze verkaterten
Auges verfolgt, ist nur ganz kurz zusammengezuckt und murmelt jetzt
etwas von „Menetekel“. Ich selbst kann mich nach anfänglichem Schreck
eines schadenfrohen Grinsens nicht erwehren, halte aber sofort meine
Hand vor den Mund, damit mich meine Gastgeber nicht vor die Tür weisen,
wo es gegen null Grad geht.

In kürzester Zeit ist das Malheur beseitigt, aber die friedliche
Neujahrsmorgenstimmung ist zerplatzt. Plötzlich erinnern sich alle an
wichtige Termine, die ja gerade heute, am ersten Tag des Jahres, noch
wahrzunehmen seien: familiäre Verpflichtungen vor allen, ja, vor allem
die, Mutti und Vati sind sonst gleich wieder beleidigt, wenn wir nicht
vorbeikommen und wer weiß, wie lange der Großvater noch lebt.

Die Abschiedszeremonie erlebe ich im Zeitraffer, von allen löst sich
eine gewisse Anspannung. Die Gastgeber freuen sich darauf, bald wieder
nur Privatleute ohne Schauseite sein zu dürfen, im T-Shirt in der
Wohnung herumlaufen zu können, in der Unterhose, die Zahnbürste im
weißumschäumten Mund. Die Gäste sind erleichtert, die stickige Wohnung
verlassen zu dürfen und nicht mehr ständig Objekt aufmerksamer
Bewirtung sein zu müssen. Man entlässt sich gegenseitig. Draußen
scheint die Sonne. Es ist kalt. Es ist ein neues Jahr.

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2 Kommentare zu „Besuch (1999)

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