Zur Ästhetik von Lanzmanns „Shoah“

Claude Lanzmann (links) beim Täterinterview mit versteckter Kamera.

Der Einen oder dem Anderen mag es frevelhaft erscheinen, im Zusammenhang mit Claude Lanzmanns neunstündiger 16 mm-Doku aus dem Jahr 1985 überhaupt von Ästhetik zu sprechen, aber ich finde das nicht. Einen Film ohne Ästhetik gibt es schlicht nicht, also ist es statthaft, auch bei einem Dokumentarfilm über den Holocaust, bei dem das Was nun wirklich wichtiger sein sollte als das Wie, davon zu sprechen.

Zumindest mal kurz. Wesentlicher bleibt natürlich die Tatsache, dass es „Shoah“ überhaupt gibt und welches Geschehen der Dokumentarfilm darstellt: The Destruction of the European Jews (R. Hilberg).

Zunächst einmal ist es frappierend, dass Lanzmann und seine Kameraleute Dominique Chapuis, Jimmy Glasberg, Phil Gries und William Lubtchansky im Grunde mit nur zwei Arten von Einstellungen auskommen: Der Stativkamera, die mehr oder minder frontal und sozusagen sachlich auf den jeweils zu Interviewenden gerichtet ist, und der Handkamera, die wie im Traum suchend über die Landschaften des Massenmords schweift. Wichtigstes dramaturgisches Mittel in beiden Fällen ist dabei der Zoom. Sobald sich bei einem der Interviewten emotionale Disruption zeigt, wird herangezoomt und sobald der Kamerawanderer einen bestimmten, evtl. vorher festgelegten (Aussichts-)Punkt erreicht, ebenso.

Das sind jeweils sehr langsame und deshalb entsprechend intensive Zooms, die mich an Tarkowski-Spielfilme aus derselben Zeit, etwa Nostalghia, erinnern. Aber das ist nicht die einzige Ähnlichkeit mit dessen Ästhetik, auch die abgefilmten Motive gleichen sich: Ruinen moderner Architektur, badlands, osteuropäische Wälder und Felder – und viele Pfützen, viel feuchte Erde, Matsch und Dreck bei trübstem Himmel.

Einen ganz eigenen ästhetischen Ort innerhalb der Bildwelt von „Shoah“ nehmen die mit versteckter (Video-)Kamera gedrehten Täter-Interviews ein, die etwa 15 – 20% des Films ausmachen. Die Bildqualität dieser Schwarzweiß-Videos ist atemberaubend schlecht und manchmal liegt ein dicker waagrechter Bildstörungs-Balken direkt über den Augen eines der SS-Ruheständler.*

Am häufigsten jedoch dürften in „Shoah“ rollende Güterzüge zu sehen sein, die immer von Dampflokomotiven gezogen werden, was im Polen der frühen Achtzigerjahre offenbar noch der Standard war. Der Anblick eines anonym anrollenden, dampflokgezogenen Güterzugs mitsamt den hochprägnanten, mit nichts anderem zu verwechselnden Geräuschen, die er macht, ist durch „Shoah“ zu einer Chiffre für den Holocaust an sich geworden. Ich bin mir fast sicher, Steve Reichs Streichquartett Different Trains aus dem Jahr 1988 wurde entscheidend davon geprägt.

Der heranrollende Güterzug ist – Lanzmann sei Dank – eine ausgesprochen klug gewählte Chiffre, weil sie gleich vier unterschiedliche Charakteristika des Holocaust in einem Objekt zu symbolisieren vermag:

  • Verborgenheit Wir sehen einen Güterzug heranrollen und ahnen, dass sich darin Menschen befinden, aber wir können sie nicht sehen.
  • Bestialität Ein Güterzug ist, wie der Name schon sagt, zum Transport von Waren und nicht von Menschen konzipiert, dennoch wissen wir, dass darin Menschen transportiert werden.
  • Industrialität Der Betrieb von Güterzügen ist nur innerhalb einer hochentwickelten Logistik möglich.
  • Eigendynamik Ein Güterzug, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Symbol für den Massentransport von Gütern wie heutzutage das Containerschiff, ist enorm schwer, es ist geradezu unwahrscheinlich, dass er sich überhaupt in Bewegung setzt, sein Trägheitsmoment ist enorm, d. h., ist er erst einmal in Bewegung, lässt er sich nur noch sehr schwer wieder aufhalten.

*

Anlässlich des Todes von Claude Lanzmann ist eine bestens restaurierte Fassung von „Shoah“ noch bis 4. September 2018 in der arte-Mediathek verfügbar und/oder via MediathekView in HD-Qualität herunterzuladen (11,2 GB).

Obwohl ich damals (d. h. in den Achtzigerjahren) den Film nicht sah, weil mich der Holocaust nicht sonderlich interessierte, ist mir die Ikonografie/Soundscape des Güterzugs mittlerweile derartig oft in Filmen über den Holocaust begegnet, dass ich bis heute keinen solchen sehen oder hören kann, ohne sofort „Holocaust“ zu denken. Ist das generationsspezifisch oder geht das noch jemandem da draußen so? Das ist keine rhetorische Frage, ich bitte um Kommentare.


* Einmal hört man einen der Interviewten treuherzig sagen (sinngemäß): „Aber, Herr Lanzmann, bitteschön, Sie nennen ja nicht meinen Namen, nicht wahr?“ und dieser murmelt zur Antwort: „Ich habe es Ihnen versprochen.“ Im Film werden jedoch penibel alle Namen, Dienstgrade und Einsatzorte der interviewten Täter aufgelistet. Mehrmals wird zudem vor Beginn eines Täter-Interviews ein weißer VW-Bulli mit einem roten Längsstreifen gezeigt, der, mit einer kleinen Richt-Antenne versehen, am Straßenrand steht. Anschließend sieht man – offenbar im Inneren des Bullis – zwei Techniker vor Bildschirmen sitzen. Juristen mögen sich über diese stasi-mäßige Vorgehensweise Lanzmanns streiten, ich halte sie angesichts der Umstände für gerechtfertigt. Und kann man dem Filmemacher nicht vorwerfen, dass er sein trickreiches Vorgehen verschleiert hätte.
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5 Kommentare zu „Zur Ästhetik von Lanzmanns „Shoah“

  1. Ich hatte einen kleinen Teil des Films schon gesehen.
    So manch ein Täter kann mit erstaunlich umfangreichen Detailkenntnissen aufwarten.

    Güterzüge haben bei mir nicht diese Verbindung – vermutlich weil ich mich nicht auseinandergesetzt hatte.

    Ich hatte mir erst vor einem halben Jahr weiteres Material zum SS-Staat besorgt. Ich kann mich damit aber nur scheibchenweise auseinandersetzen.

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  2. @k&g: „Shoah“ verzichtet übrigens komplett auf Bild- oder Filmdokumente aus der Zeit des Holocaust selbst. Die ganzen neun Stunden lang keine Bilder von Leichenbergen etc. Ein weiterer Grund, warum diese Dokumentation so zeitlos ist, denn diese historischen Bilder haben sich mittlerweile sozusagen „versendet“.

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  3. Noch etwas sei erwähnt:
    … badlands, osteuropäische Wälder und Felder – und viele Pfützen, viel feuchte Erde, Matsch und Dreck bei trübstem Himmel.
    Ich bemerkte das auch. Die Frage bei mir immer: Was für ein Kalkül ist das? Ist es eines?
    Es muß wohl bewusst so gewählt worden sein.

    Grauen kann man meist nicht durch direkte Bilder darstellen, sondern über „Umwege“.
    Öde Bilder ETWA in einem Film nutzt immer auch die Sehgewohnheiten des Rezipienten.

    Irgendwo in den Interviews hörte ich: Nach spätestens 3 Stunden in einem Lager wusste man, daß Endstation ist. Was das alles impliziert an Empfindungen, kann man nicht wissen. Man kann es nicht wissen.

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  4. @k&g: Die matschigen Landschaften unter trübstem Himmel sind in diesen Gegenden Polens wohl einfach vorhanden, zumindest zu einer gewissen Jahreszeit, da musste Lanzmann gar nicht viel kalkulieren. Die visuelle Kargheit von „Shoah“ appelliert an das Vorstellungsvermögen des Zuschauers, genau das macht den Film so eindringlich, allerdings nur für Menschen, die über das entsprechende Vorstellungsvermögen auch verfügen…

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