Hitler als Schmerzensmann

LINKS Mittelalterliche Darstellung von Christus als Schmerzensmann (Meister Francke, 14. Jhdht.) RECHTS Hitler als Emo, anonym eingestellt auf hotnhumidhistory.wikia.com, gefunden 2018-10-26 COLLAGE Blogbetreiber

Tiefenpsychologie, speziell die C. G. Jung’scher Provenienz, is ja was ganz Feines: Man kann eigentlich alles mit ihr erklären, da tatsächlich sämtliche Ausformungen menschlicher Kulturanstrengung letztlich – will sagen ganz letztlich – religiöse bzw. mythologische Wurzeln aufweisen. Und die Tiefenpsychologin wird praktisch niemals müde, zu diesen Wurzeln vorzudringen bzw. diese „freizulegen“, wie auch gerne gesagt wird. Nur leider ist damit nach meiner Erfahrung nur selten Substanzielles gewonnen.

Einer der kommerziell erfolgreichsten Geistesarbeiter, der sich dieser Methode bedient, ist derzeit der kanadische Psychologe Jordan B. Peterson. Aber um den geht es hier nicht, sondern um ein historisches Kuriosum der 1930er-Jahre, als mehrere JungianerInnen im Auftrag des amerikanischen Geheimdienstes OSS ein Persönlichkeitsprofil von – Adolf Hitler erstellen durften, mit dem Ziel, dessen vermeintliche oder tatsächliche Schwächen gezielt zu seiner Bekämpfung zu nutzen.

Eine von ihnen war niemand Geringeres als Katharine Briggs, deren zusammen mit ihrer Tochter Isabel Myers 1944 erstmals publizierter „Typenindikator“ – häufig als „MBTI-Test“ abgekürzt – bis heute der feuchte Traum so mancher Personalchefin zu sein scheint, wenn es um die Kategorisierung von Menschen geht. Der andere war der klinische Psychologe Henry Murray, auf den die folgende, durchaus verblüffende Hitler-Analyse zurückgeht:

The body [of Hitler, S.H.] that Germans saw on display at dozens of rallies and speeches—the flabby muscles, the hollow chest, the ladylike walk—stood in not only for the nation’s public preferences but for its people’s private lives: their feelings of impotence, their discriminatory states of mind, the stories they had invented to explain the injustice of their place in the world.

M. Emre: „Hitler ENTJ“, publiziert 2018-09-24@thebaffler.com

Jetzt wissen wir also endlich, warum der Braunauer damals so durchschlagenden Erfolg speziell bei den depressiven deutschsprechenden Männern Mitteleuropas hatte: Er repräsentierte exakt den abgeschlafften, effeminierten, sexuell depravierten Loser, als den sie sich selbst sahen! Auf der anderen Seite brachte er es aber fertig, trotz all seiner offenkundigen Handicaps der Welt seinen Willen aufzuzwingen und sie nach seinem Wunsche umzugestalten!! Dabei bediente er sich, so Murray, einer Projektionsmethode: „In his subconscious, … Hitler believed that the only way to excise his psychological demons was to give them human form. Only then could they be vanquished – annihilated from the face of the earth.“

Nun, ob Hitler wirklich unbewusst war, dass sein fanatischer Antisemitismus externalisiertem Selbsthass entsprang, wage ich zu bezweifeln. Doch hierüber kann letztlich niemand eine seriöse Aussage treffen. Offensichtlich jedoch ist und bleibt, dass er mit den realen Jüdinnen und Juden letztlich „den Juden in sich“ auslöschen wollte, und der stand für all jene Charaktereigenschaften, mit denen er, behutsam ausgedrückt, nich so dolle klarkam.

Aber – und damit kehre ich zum Ausgangspunkt dieses Artikels zurück – ist mit dieser wahrhaft deepen tiefenpsychologischen Erkenntnis irgendetwas gewonnen?

Zumindest nicht in der physikalischen Welt. Aber immerhin: Der böhmische Gefreite als selbstmitleidiger Emo-Christus, das hat schon einen gewissen, wenn auch dubiosen, Unterhaltungswert.

Und wer weiß, vielleicht macht ja der Oskar Roehler da irgendwann mal was Spannendes draus („Selbstverhitlerung“). Jonathan Meese dürfte es sowieso „geil“ finden.

3 Kommentare zu „Hitler als Schmerzensmann

  1. Psychologie ist eben keine exakte Wissenschaft! Kann sie nicht sein.
    Im Moment versucht man Krankheitsbilder neu zu klassifizieren, DLF brachte vor wenigen Tagen ein Feature dazu.

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  2. @k&g: Schon klar, aber angesichts der monströsen durch Hitler „inspirierten“ Verbrechen erschien mir Murrays tiefenpsychologische „Persönlichkeitsanalyse“, die, fairerweise sei’s gesagt, entstand, bevor Auschwitz bekannt wurde, komplett aberwitzig. Was nicht etwa heißt, dass ich sie für falsch hielte!

    Ich finde C. G. Jungs Denken esoterisch – d. h. weder beweis-, noch widerlegbar – und zur esoterischen Dingen habe ich, wie du weißt, ein zutiefst ambivalentes Verhältnis, bzw. – zugegeben – eine Hassliebe. Diese schmerzt immer mal, zwingt mich aber in the long run auch immer mal, schöpferisch zu werden. Wenigstens möchte ich das gerne glauben, denn mitunter hat sie mich stattdessen: – paralysiert.

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