Eine alternative Spieltheorie frei nach Wittgenstein

Peter Limbergs Podcast „Intellectual Explorers Club“ habe ich hier ja bereits Mitte März empfohlen, nun hat mich die Ausgabe vom 3. Juni besonders fasziniert, in der der kundige und aufmerksame Host den emeritierten New Yorker Philosophen und Religionswissenschaftler James P. Carse zu Gast hatte. Letzterer hat offensichtlich bereits Mitte der 1980er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts ein relativ populäres Buch namens Finite and Infinite Games verfasst, das – wie der greise Autor nicht ohne Stolz bemerkt – mittlerweile sogar ins Vietnamesische übersetzt wurde. Mir war es bisher leider noch nicht begegnet.

Der junge Wittgenstein im nassen Regenmantel

Interessanterweise ist der Ausgangspunkt von Carses Buch die wohlbekannte Ansicht des späten Wittgenstein, Sprache als Ganzes sei ein Spiel, dessen Regeln sich aber erst allmählich während ihres Gebrauchs, also beim Sprechen, herausbilden. Doch kaum sind die Regeln festgelegt, kommt sogleich eine neue Sprecherin herbei und modifiziert, verbietet, fügt an, stellt um, erweitert, deutet um etc. Darauf müssen die anderen, ob sie das wollen oder nicht, reagieren. Eine schöne englische Formulierung, die diesen Feedback-Prozess bündig zusammenfasst, ist making the rules as we go along – wir beginnen irgendwo und enden irgendwo anders, je nachdem, was die Lage erfordert. Mit Zufälligkeit oder Nach-Lust-und-Laune-Spielen hat das nur gelegentlich zu tun. Die Grammatik einer Sprache im Wittgenstein’schen Sinn ist im permanenten Werden und Vergehen begriffen – und das endet erst, wenn der letzte Sprecher den Löffel abgegeben hat.

James P. Carse (*1932)

Dieser Wandel der Sprache in ihrem Gebrauch, so Carse, sei ein gutes Modell eines unendlichen Spiels (infinite game), dem er das weitaus bekanntere Modell des begrenzten bzw. endlichen Spiels (finite game) gegenüberstellt, um das es in John Nashs Spieltheorie – populär geworden durch das Biopic „A Beautiful Mind“ (2001) mit Russell Crowe als John Nash – geht.

Carse interessiert sich – berufsbedingt – vor allem für Religion als angeblich paradigmatisches infinite game 1 , mir fiel aber sofort etwas anderes ein: das kapitalistische Wirtschaftssystem, besonders in seiner neoliberalen Ausprägung, denn letztlich besteht dieses doch nur aus einer unüberschaubaren Vielfalt von endlichen Spielen, also solchen, die nur Gewinner und Verlierer kennen. 2  Jeder player will der master player werden, nachdem er auch den letzten Konkurrenten eliminiert hat.

Aber genau dann (spätestens) endet ja jegliche Möglichkeit, überhaupt zu spielen! Komisch, jeder ernsthafte player in einem endlichen Spiel scheint permanent darauf hinzuarbeiten, nicht mehr spielen zu können bzw. müssen. Vielleicht liebt er am Ende gar nicht das Spielen, sondern nur das Gewinnen? Für den aktuellen US-Präsidenten trifft das ganz sicher zu.

Bessere Beispiele für unendliche Spiele scheinen mir Kreativität und/oder Erotik zu sein. Auch hier kommt man natürlich nicht ohne Ziele (Werke bzw. Lustempfinden) aus, aber wer sich allzu stark auf diese fixiert, verkrampft bzw. erstarrt. Es entstehen dann Phänomene wie der Kunstmarkt oder Pornografie 3 .

Für Nicht-MusikerInnen ist es immer wieder irritierend, dass es improvisierende MusikerInnen, wie auf diesem Plattencover besonders schön zu sehen, vermeiden, sich während der Arbeit anzusehen. Der Grund ist ganz einfach: Die interpersonale musikalische Koordination in einem solchen Setting soll ausschließlich über das Ohr erfolgen. Mit „Autismus“ hat das also nichts zu tun.

Ich habe den enormen Makro-Prozess des „Sprachspielens“ hier schon des Öfteren mit den Mikro-Prozessen innerhalb einer non-idiomatischen musikalischen Gruppenimprovisation verglichen, in der alle MusikerInnen über eine Mehrzahl finiter musikalischer Idiome (Jazz-Improvisation, freie Improvisation, Reproduktion klassischer Kompositionen, Live-Elektronik, Arbeit mit Samples, DJing) verfügen, während des Improvisierens aber in der Lage sind, diese Idiome an die jeweils aktuellen musikalischen Erfordernisse anzupassen. (Das klingt esoterischer als es gemeint ist, denn im Alltag verfügt der moderne Mensch ja auch wie selbstverständlich über eine Mehrzahl finiter Idiome. Mit einem Polizisten spreche ich anders als mit meinem besten Freund, in einem persönlichen E-Mail schreibe ich anders als im Blog etc. LinguistInnen nennen das Code switching.) Von Außen hört man dann im Idealfall einem infinite game beim Werden und Vergehen zu, das erst endet, wenn auch die letzte Musikerin erschöpft vom Schemel kippt.

Kreative Kräfte um den charismatischen Gitarristen Derek Bailey bemühten sich seit den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts um non-idiomatische Improvisation, was später manchmal Free Jazz genannt wurde. Improvised Music oder auch (siehe Bild) Spontaneous Music trifft es aber viel besser, denn Free Jazz suggeriert unglücklicherweise Regellosigkeit bzw. Anomie. Das Gegenteil aber ist der Fall, wie ich soeben zu zeigen versuchte.

Natürlich hatten sowohl der eigentliche, also meist afro-amerikanische, Free Jazz, als auch die, meist weiße mitteleuropäische, Improvised Music, Aspekte des Anomischen, die in den anti-autoritären Zeitgeist dieser Epoche „passten“ – aber das ist nicht das, was mich im Jahr 2019 an diesen Arbeiten fasziniert. Denn hört man genauer hin und folgt der Logik des nur oberfläch chaotischen musikalischen Geschehens, wird rasch klar, dass niemand stärker einem komplexen Satz impliziter und expliziter musikalischer und gelegentlich auch außermusikalischer (z. B. konzeptueller) Regeln folgt als „frei“ improvisierende MusikerInnen. Let’s make the rules as we go along, it’s all in the game!


 

1 Ein etwas unglückliches Beispiel, wie ich finde, haben Religionen doch die Tendenz, sich gegenseitig zu finalisieren.

 

2 Natürlich ist auch Schach ein typisches finite game. Gruß an k&g an dieser Stelle!

 

3 Beide haben ihren Sinn und Zweck, sind aber nicht in der Lage, aus eigener Kraft das hervorzubringen, von dem sie permanent zehren. Ohne das unendliche Spiel der Kreativität kein Kunstmarkt und ohne das unendliche Spiel der Erotik keine Pornografie. Kunstmarkt wie Pornografie führen in diesem Sinn eine lupenrein parasitäre Existenz.
Wenn du die Weltsicht unterstützen möchtest, erwirb einen Download meiner Musik im WeltsichtWebShop oder sende mir ein Buch von meinem Wunschzettel.

3 Kommentare zu „Eine alternative Spieltheorie frei nach Wittgenstein

  1. Sehr schön, so wünsche ich mir das vom philosophischen Komponisten / komponierenden Philosophen.

    Schach ist theoretischerweise ein finite game – mit Positionen allerdings, die die Anzahl der Atome im Weltall übersteigt. So kann man doch von einem infiniten Raum sprechen oder?! 🙂

    Wie findet das Code switching statt, wenn Du mit dem, sagen wir mal Boxliebhaberfreund und dem Lyrikerfreund an einem Ort zufällig zusammentriffst? Welche Sprache wählst Du da? Ohne jeweils ständig Erklärungen zwischenschieben zu müssen?
    Ich denke, das wird sehr schnell finit, indem Du etwa den Lyriker beiseite nimmst und mit ihm einen überschaubaren Einzeldialog führst. Oder Du sagst: Wir klären das ein andermal. Das wäre dann aber auch finit. 🙂

    Gefällt mir

  2. @k&g: Danke für deinen interessierten Kommentar, lieber Gerhard! – Freilich ist die Anzahl möglicher Züge in einem Schachspiel ebenso unendlich wie die Anzahl der Attribute Gottes bei Spinoza. Es gibt dennoch aber immer nur einen Gewinner. Hier gilt es, die Begriffe kategorial streng auseinanderzuhalten, sonst kommt natürlich Unsinn heraus.

    Code switching ist natürlich keine Erfolgsgarantie für gelingende Kommunikation. Im Gegenteil, ungeschickt verwendet, wird einem von der Gegenseite vielleicht sogar Einschleimerei durch Mimesis vorgeworfen, sprich: Unaufrichtigkeit (Chamäleon-Problem). Aber gutgemeinte meta-diskursive Einschübe wie etwa, „Hej du Proll, ich komm jetzt mal auf dein Niwoh runter, damit du Spast auch checkst, was ich meine, Alter!“ dürften die Lage kaum verbessern. Code switching funktioniert also nach meiner Erfahrung nur performativ (man macht es einfach, lebt es einfach, dann wirkt es auch nicht aufgesetzt oder berechnend) oder gar nicht.

    Gefällt 1 Person

  3. Kein Zweifel bin ich interessiert, weil Du ja oft interessantes schreibst, also einige meiner Themenfelder berührst.;-)

    Code switching findet ja auch statt, wenn man in den örtlichen Dialekt fällt, um die Anfrage eines Einheimischen zu beantworten. Einem dabeistehenden Frankfurter Freund fiel dabei regelrecht die Kinnlade runter. SO hatte er mich noch nicht erlebt!

    Gefällt mir

Kommentieren:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s