Was ADHS eigentlich ist

Die kluge Miri Mogilevsky
Vor mittlerweile über 10 Jahren hat ein Neurologe eine ADH-Störung bei mir festgestellt, seitdem nehme ich ununterbrochen Ritalin und meine Lebensqualität hat sich auf ca. einer Million Ebenen verbessert. Natürlich habe ich mich auf alle möglichen Internet-Informationsquellen zum Thema gestürzt und glaube, mich mittlerweile ein wenig auszukennen. Dennoch bleibt diese Störung – vor allem in ihrer erst spät erkannten Form („Erwachsenen-ADHS“) – auch für mich weiterhin ein wenig nebulös und sogar dubios.  Um so mehr freute ich mich, als Bloggerin und Psychotherapeutin Miri Mogilevsky im April des vergangenen Jahres einen kurzen, knackigen Artikel zum Thema publizierte, der die gängigsten Missverständnisse zum Thema anspricht und ausräumt. Der Link ist hier.

Für Eilige und des Englischen nicht wirklich so richtig mächtige hier eine Zusammenfassung der vier wichtigsten Aussagen des Textes:

  1. ADHS ist keine psychische Erkrankung, sondern eine Behinderung, die Folge einer Entwicklungsstörung während der Kindheit ist. Wie bei fast allen Behinderungen lassen sich die Folgen lindern, aber nicht wieder zum Verschwinden bringen. Sichtbar wird diese Störung entweder während der Kindheit selbst oder aber erst in späteren Jahren. Es handelt sich aber immer um dieselbe Störung. Es ist nicht möglich, als Erwachsener „plötzlich ADHS zu bekommen“, genausowenig, wie man plötzlich das Down-Syndrom haben kann. „Erwachsenen-ADHS“ ist also eine irreführende Bezeichnung für das Phänomen, dass Menschen, die seit ihrer frühen Kindheit mit den nicht immer dramatischen, aber immer chronischen Folgen dieser Behinderung zu kämpfen haben, erst in höherem Alter endlich ordentlich diagnostiziert werden.
  2. ADHS ist heutzutage gesellschaftlich sowohl über-, wie unterdiagnostiziert. Als Faustregel kann gelten: Je älter der Mensch, desto höher die Wahrscheinlichkeit einer undiagnostizierten ADH-Störung und umgekehrt. Das liegt schlicht daran, dass sich die entsprechende Diagnostik erst in den letzten Jahrzehnten vereinheitlicht und standardisiert hat. Deshalb kann es durchaus sein, dass heutzutage – Stichwort „Modediagnose ADHS“ – bei ein paar Kindern zuviel ADHS diagnostiziert wird. Andererseits hätte das Leben vieler älterer Betroffener viel besser verlaufen können, hätte man sie früher diagnostiziert.
  3. Einerseits muss nicht jeder, der diagnostiziert ist, Ritalin nehmen, um seine Symptome zu lindern, andererseits ist die Wirkungslosigkeit von Ritalin bei einer Diagnostizierten kein Beweis dafür, dass keine ADH-Störung vorliegt. Das ist – zugegeben – verwirrend, aber gibt es bsp.weise nicht auch Formen der Diabetes, bei denen man kein Insulin nehmen muss?
  4. Eine ADH-Störung ist Folge einer permanenten Beeinträchtigung Exekutiver Funktionen im Gehirn des Betroffenen (für eine ausführliche Definition dieses neuropsychologischen Fachbegriffs bitte dem Link folgen). Phänomene wie Hyperaktivität, Vergesslichkeit, die Neiung, andere zu unterbrechen oder das ständige „Verschlampen“ und „Verschwitzen“ wichtiger Dinge etc. können Folgen derart beeinträchtigter Exekutivfunktionen sein. Man kann aber auch ADHS haben, ohne unter exakt diesen Dingen zu leiden. Andererseits gilt, wessen Exekutive Funktionen gut funktionieren, der hat definitiv kein ADHS.

Fazit: An einer kompetenten und seriösen Diagnose geht kein Weg vorbei, sie kann in keinster Weise durch Selbstbeobachtung ersetzt (wohl aber ausgelöst) werden.

*

Und wer’s noch genauer wissen, will, kann sich diesen gut zehnminütigen und rhetorisch ganz ausgezeichneten Vortrag des gestrengen US-amerikanischen Psychiaters und ADHS-Gurus R. Barkley zum Thema „ADHS und Exekutive Funktionen“ aus dem Jahr 2009 reinziehen. Der Mann wirkt zwar durch und durch konservativ und durchaus autoritär, eröffnet seinen Vortrag aber gleich mit einer These, die allen gestandenen Konservativen die Haare zu Berge stehen lassen dürfte: „Self-control is not learned.“ Potztausend!

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7 Kommentare zu „Was ADHS eigentlich ist

  1. Ich lese:
    Zu den exekutiven Funktionen zählen unter anderem:

    1 das Setzen von Zielen,
    2 strategische Handlungsplanung zur Erreichung dieser Ziele,
    3 Einkalkulieren von Hindernissen auf dem Weg dahin,
    4 Entscheidung für Prioritäten,
    5 Selbstkontrolle (Impulskontrolle und Emotionsregulation),
    6 das Arbeitsgedächtnis
    7 bewusste Aufmerksamkeitssteuerung,
    8 zielgerichtetes Beginnen, Koordinieren und Sequenzieren von Handlungen,
    9 motorische Umsetzung, Beobachtung der Handlungsergebnisse und Selbstkorrektur.

    1 Das Setzen von Zielen dürfte eigentlich kaum Probleme machen, immer geht es doch darum, etwas daraus zu machen.
    2 Ich stolpere oft in ein Tun, gerade bei keramischen Arbeiten. Strategische Planung ist da nicht meine Stärke. Allerdings stört mich das keineswegs, da immer etwas enstehen dürfte, was mich anspricht..
    3 Das sage ich immer meiner Frau, wenn sie sich neue Technik kauft
    4 Oft schwierig, gerne mache ich alles gleichzeitig…aufmerksamsheischende Aussen-und Innenwelt.
    5 Ganz ganz schlecht, gerade abends stopfe ich gerne in mich hinein
    6 ist gut
    7 Lesen über mehr als 10 Minuten am Stück fällt mir notorisch schwer, das ist ein feistes Ärgernis !!
    8 Das läuft ganz gut
    9 Auch dieses

    Ich bin ein mängelbehaftetes Wesen…doch wer ist das nicht.

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  2. @k&g: Danke für deinen ausführlichen und sachlich sehr anregenden Kommentar!

    Müsste ich mich nach diesem Schema (unmedikamentiert) selbst benoten, käme Folgendes heraus:

    • ad 1: Note 3
    • ad 2: Note 5
    • ad 3: Note 6
    • ad 4: Note 6
    • ad 5: Note 3
    • ad 6: Note 4
    • ad 7: Note 3
    • ad 8: Note 3
    • ad 9: Note 1

    Falls nun der Einwand „Jaja, solche Tage hatte ich auch schon!“ kommen sollte, bitte ich um Beachtung, dass dieser Zustand nahezu unabhängig von meiner Tagesform existiert. Anders gesagt, bei mir sind nahezu alle Tage „solche Tage“ – und ich sage das nicht, weil ich Mitleid erregen will, es ist einfach so.

    Allerdings hatte ich bereits ein halbes Jahrhundert Zeit, diese Defizite zu kompensieren und so erklärt sich auch der Ausreißer bei Punkt 9: Aus der berechtigten Angst heraus, zu versagen, ist aus mir ein zwanghafter Selbstkontrolleur, Selbstzweifler und manchmal geradezu Selbstverhinderer geworden, ohne dass ich allerdings unter einer Zwangsstörung im psychiatrischen Sinn leide (und das ist amtlich, in einer entsprechenden Spezialklinik für Zwangserkrankungen konnte man mir mit dieser Art von Zwanghaftigkeit nicht helfen und gab das auch offen zu).

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  3. Der Einwand „Jaja, solche Tage hatte ich auch schon!
    wäre unvernünftig, natürlich kann er im rhetorischen Gefecht mal fallen.

    ad3: Ich kann nur mehr schwer Hindernisse akzeptieren. Das ist schlimmer geworden.
    Hilfreich ist es, wenn man sich und dem Partner (!) sagt: Das Zusammenbauen des Möbels, die Installation der Software,…,jetzt wird wohl 4 Stunden und mehr dauern!!
    ad4: Letzthin ist mehrmalig wieder Keramik zu Bruch gegangen, weil sie zulange in der Sonne trocknete. Der Herr dieser Dinge machte eben derweil zig Dinge gleichzeitig.

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  4. Danke für die Zusammenfassung und das erhellende Video, sehr aufschlussreich.
    Hatte im engeren und erweiterten Umfeld bereits öfter mit ADHS und ADS zu tun.
    Mir wird gerade klarer wie man besser mit Betroffenen umgehen kann.

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