Norbert Elias 1 von 2: Ent/Zivilisierung als Prozess

Systemtheoretisch inspirierte Soziologie à la manière de Luhmann kenne ich ad nauseam, aber von Prozesssoziologie hatte ich nie gehört. Dabei wurde ihr Erfinder und bekanntester Verfechter Norbert Elias zeit seines langes Lebens nicht müde, um sie zu werben, sie zu verteidigen und immer weiter zu verfeinern.

Vielleicht liegt es daran, dass „Über den Prozess der Zivilisation“, das Hauptwerk des Breslauer Juden,  ausgerechnet 1939 erschien. Ungünstiger Zeitpunkt irgendwie. Hat sich im Nachhinein evtl. nachteilig auf die Rezeption ausgewirkt. Kann sein. Wirklich.

Ein kurzer Ab-, Auf- und Umriss von Elias‘ Denken kann da nicht schaden. Ich habe mich dabei am entsprechenden Artikel in der deutschsprachigen Wikipedia orientiert. Mein Text gliedert sich in fünf Abschnitte, vier referierende und einen reflektierenden:

1 Zwang
2 Selbstkontrolle
3 Die Zivilisierung und ihre Umkehrung
4 Figurationen
5 Plädoyer für Prozesssoziologie

Kommenden Sonntag werde ich dann Elias‘ Gedanken auf einige Phänomene der Gegenwart anwenden.

*

1 Zwang

Zivilisatorische Dynamik entsteht durch den Wandel von Gesellschafts- wie Persönlichkeitsstrukturen. Ersteres nennt Elias Soziogenese, zweiteres Psychogenese. Was die Soziogenese betrifft, hat er sich an Marx (und meiner Meinung nach auch ein wenig an Darwin) angelehnt, was die Psychogenese betrifft, an Freud. Die Soziogenese ist der Psychogenese vorgelagert (Hier musste ich sofort an Marxens „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“ denken.).

Unter Soziogenese versteht Elias die Summe aller Integrations- und Differenzierungsprozesse auf demografischer, politischer, sozialer und ökonomischer Ebene, also den Prozess der Staatenbildung im weitesten Sinn. Soziogenetische Faktoren sind bsp.weise technischer Fortschritt, gesellschaftliche Differenzierung sowie der „Ausscheidungskampf“ (Elias) zwischen Menschen und Menschengruppen, die – neben manch Anderem – die Einrichtung des staatlichen Steuermonopols sowie die Entstehung der Geldwirtschaft notwendig machten.

Dabei kommt es bei zunehmender Zivilisierung zu einer Macht-Enteignung des Einzelnen bei gleichzeitig zunehmender Monopolisierung der Macht in den Händen weniger. Diese führt letztlich zur Entstehung befriedeter Räume, die zwar Planungssicherheit für Staat und Wirtschaft bieten, von ihnen geht aber auch ein ständiger Anpassungsdruck aus, der „den Einzelnen von klein auf an ein beständiges und genau geregeltes An-sich-halten gewöhnt …“ (Bd. II, S. 320)

Ein Beispiel für einen soziogenetischen Prozess wäre etwa die Ablösung der feudalen Machtstrukturen des Mittelalters durch die zunehmende Monopolisierung von Machtmitteln in der Neuzeit, was schließlich zur Vergesellschaftung von Machtmonopolen in kommunistischen bzw., wenn auch in geringerem Maße, sozialdemokratischen Gesellschaften führen sollte.

Unter Psychogenese versteht Elias die Veränderung von menschlichem Verhalten sowie menschlichen Affekten und Empfindungen als Teil des Zivilisationsprozesses. Es stellt sich für ihn stets die eine Frage: Wie werden Individuen den Anforderungen, die die Gesellschaft an sie stellt, gerecht?

Im Rahmen der Zivilisierung werden Außenzwänge (Fremdkontrolle) in Innenzwänge (Selbstkontrolle) transformiert. Im Verlauf der abendländischen Geschichte kam es zu einer „Veränderung des Verhaltens im Sinne einer immer differenzierteren Regelung der gesamten psychischen Apparatur.“ (Bd. II, S. 322) Diese Regelung erschien dem Einzelnen aber „als Selbstzwang, dessen er sich nicht erwehren kann, selbst wenn er es in seinem Bewusstein will.“ (ebda.), denn soziogenetische Innovationen haben die Tendenz, sich in der Psychogenese des Einzelnen zu reproduzieren:

Die eigentümliche Stabilität der psychischen Selbstzwang-Apparatur, …, steht mit der Ausbildung von Monopolinstitutionen der körperlichen Gewalt und mit der wachsenden Stabilität der gesellschaftlichen Zentralorgane in engstem Zusammenhang. (ebda.)

Der Wandel von Umgangsformen bsp.weise ist Teil der Psychogenese. Während im Mittelalter courtoisie (Ritterlichkeit) die Dinge regelte, wurde dies im bürgerlichen Zeitalter von der civilité (Gesittung) geleistet, die wiederum seit der Moderne von der civilisation (Zivilisiertheit) abgelöst wurde. Hinter diesen abstrakt anmutenden Begriffen standen bzw. stehen jeweils sehr konkrete Vorstellungen, wie man sich „richtig“ zu verhalten habe.

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2 Selbstkontrolle

Psycho- und Soziogenese sind durch Interdependenzketten, d. h. die Tatsache gegenseitiger Abhängigkeit der Menschen, miteinander verbunden. Je länger die Interdependenzkette, in die Menschen eingebunden sind, desto wichtiger wird ihre Fähigkeit zur Selbstkontrolle, worunter Elias das Vermögen versteht, den Einfluss spontaner emotionaler Impulse auf das Handeln aufgrund eines vorhergehenden Überdenkens ihrer Wirkungen und Rückwirkungen zurückzuhalten.

Wer sich nicht selbst in zeitgemäßer Art und Weise kontrollieren kann, unterliegt im Ausscheidungskampf. Die relative Stärke oder Schwäche des gesellschaftlichen Über-Ichs spiegelt sich in dessen mehr oder weniger dominierender Rolle in der individuellen Persönlichkeit. Nimmt die Selbstkontrolle zu, hat das gravierende kognitive Konsequenzen für das Individuum:

  • Erhöhung der Schamschwelle Immer mehr eigene Handlungen sind angstbesetzt.
  • Erhöhung der Peinlichkeitsschwelle (heute eher als „Fremdschämen“ geläufig) Immer mehr Handlungen anderer sind angstbesetzt.
  • Psychologisierung Die Fähigkeit, Vorgänge innerhalb anderer Menschen zu verstehen, steigert sich.
  • Rationalisierung Die Fähigkeit, die Folgen der eigenen Handlung langfristig vorauszuberechnen, steigert sich.

Ein solcherart selbstkontrolliertes Individuum verändert sein Verhalten:

  • Die Gewaltbereitschaft gegenüber Mitgliedern der eigenen Gruppe/Gesellschaft nimmt ab.
  • Sexualität wird zunehmend tabuisiert.
  • Die Tischsitten verfeinern sich.
  • Menschliche Ausscheidungen (Kot, Urin) werden zunehmend tabuisiert.

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3 Die Zivilisierung und ihre Umkehrung

Der Prozess der Zivilisation ist für Elias weder unidirektional noch irreversibel. Entzivilisierungsschübe sind immer möglich. Sie stellen nicht den Prozess der Zivilisation und seine Figurationen in Frage, aber sie kehren seine Richtung um: Innenzwänge (Selbstkontrolle) werden durch Außenzwänge (Fremdkontrolle) ersetzt.

So erklärt sich bsp.weise das mich immer wieder tief verstörende Phänomen, dass die Errichtung eines gewaltbasierten Zwangssystems von nicht wenigen Menschen als Befreiung beschrieben und erlebt wird, denn Psychologisierung und Rationalisierung im Elias’schen Sinn (siehe Abschnitt 2) werden in diesem Fall zu wenig erstrebenswerten, wenn nicht gar verzichtbaren Tugenden, während Scham- und Peinlichkeitsschwelle ins Bodenlose herabsinken. Die/der bisher zivilisatorisch eingezwängte Einzelne – vorausgesetzt freilich, sie/er gehört nicht zu den Feinden des Volkes – entlastet und entspannt sich in der Entzivilisierung und kann endlich wieder genießen, z. B. indem er schadenfroh dem Untergang der Feinde des Volkes zuschaut. Einige Beispiele hierfür kommenden Sonntag.

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4 Figurationen

Der Prozess der Zivilisation hat zwar immer eine Richtung, folgt aber keinem Masterplan. Was es jedoch sehr wohl gibt, so Elias, sind Figurationen, worunter er eine fundamentale dynamische Verflechtungsordnung versteht, die den Gang des geschichtlichen Wandels bestimmt. Die operative Basis jeglicher Figuration ist simpel:

Pläne und Handlungen, emotionale und rationale Regungen der einzelnen Menschen greifen beständig freundlich oder feindlich ineinander. (Bd. II, S. 312)

Die Figuration ist also weder zufällig bzw. chaotisch oder irrational, noch ist sie geplant oder vorherbestimmt:

„Zivilisation“ [ist] ebenso wenig wie die „Rationalisierung“ ein Produkt der menschlichen „Ratio“ und Resultat einer auf weite Sicht hin berechneten Planung. (Bd. II, S. 312)

Nichts und niemand hienieden, nicht einmal die Prozesssoziologie, ist also in der Lage, die Eigengesetzlichkeit der Figuration zu erkennen:

[Der Prozess der Zivilisation] wird blind in Gang gesetzt und in Gang gehalten durch die Eigendynamik eines Beziehungsgeflechts, … (Bd. II, S. 317)

Und das klingt m. E. eher nach Darwin als nach Marx, der der Evolution ja auch keinen Autor zuordnen konnte. Shit happens.

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5 Plädoyer für Prozesssoziologie

Vieles, was ich bisher dem Genius von Foucault (Sexualität!) und Luhmann (Komplexität!) zuschrieb, wusste Elias im Prinzip auch schon, wird mir klar. Er hatte vermutlich nur nicht das king size ego der Vorhergehenden und zudem, um ein bekanntes Diktum Helmut Kohls zu variieren, die „Ungnade früher Geburt“.

Faszinierend an seinem Theoriemodell erscheint mir vor allem dessen politische Uneindeutigkeit. Linken dürfte der materialistische und bis zu einem gewissen Grad klassenbewusste Einschlag gefallen, während Libertäre und Hemingway-Fans bei der These „Zivilisierung bedeutet Zwang und die Entmachtung des Einzelnen“ ins Schwärmen geraten dürften. Das Subversive an Elias‘ Modell ist, dass mit seiner Hilfe Auschwitz, Woodstock und das Dschungelcamp gleichermaßen als Entzivilisierungsschübe betrachtet werden können, ohne dabei ideologisch in trübe Gewässer geraten zu müssen. Die Linke betrachtet bsp.weise Woodstock, also „1968“, als emanzipatorisches Ereignis, die Rechte als Dekadenzphänomen. Prozesssoziologisch stellt Woodstock aber – so würde ich das im Sinne von Elias interpretieren – einen notwendigen Entzivilisierungsschub innerhalb einer übergreifend emanzipatorischen Figuration dar. Dass sich Linke und Rechte jemals auf eine solche Interpretation werden einigen können, glaube ich allerdings nicht.

Ein weiterer Vorteil der Prozesssoziologie ist ihre robuste Konstruktion bzw. Antifragilität, denn im Gegensatz zu Marxismus und Psychoanalyse lässt sie sich m. E. nicht zur monokausalen Verschwörungstheorie umfälschen. Während „radikale“ MarxistInnen wie „radikale“ AnhängerInnen der Psychoanalyse im Zweifel, d. h., wenn sie nicht mehr weiter wissen, immer die Möglichkeit haben, ihren Sündenbock zu finden – bei MarxistInnen ist es das Kapital, bei AnhängerInnen psychoanalytischer Welterklärungen das Begehren –, lassen Interdependenzketten und Figurationen eine solche Option per se nicht zu.

Elias‘ kühne Behauptung, die „Rationalisierung sei kein Produkt der menschlichen Ratio“ (siehe Abschnitt 3), hätten vermutlich weder Marx noch Freud akzeptiert, sie hätten sie vermutlich nicht einmal angemessen verstanden. Freilich will ich nicht behaupten, Marx und Freud seien schlichte Gemüter gewesen, aber bei beiden gibt es trotz aller hochentwickelten und -durchdachten Binnenkomplexität ihrer Weltsichten irgendwann dann doch, wenn auch manchmal gut versteckt, eine Letztbegründung, die nicht angerührt werden darf. Das sehe ich bei Elias‘ Ansatz nicht, ihm ist die „Eigendynamik von Beziehungsgeflechten“, also etwas, was am Ende marxistischer oder psychoanalytischer Gesellschaftsanalysen herauskommt, erst der Anfang der Theoriebildung. Das macht Norbert Elias zu einem intellektuellen Vorläufer systemtheoretisch inspirierter bzw. konstruktivistischer Soziologie.

Mit Hilfe seiner Figurationen versucht Elias zwar, seine Theorie so erklärungsmächtig wie möglich zu machen, aber ihm ist klar, dass seine Analyse niemals komplett sein kann. Nicht, weil das prinzipiell nicht möglich wäre, sondern aus Mangel an Ressourcen. Durch dieses an Spinozas klassischen Szientismus angelehnte Theoriedesign nimmt Elias erkenntnistheoretisch eine Position zwischen coolen postmodernen Skeptikern – Theoriebildung ist angesichts der Komplexität der Dinge grundsätzlich ein fragwürdiges Unterfangen geworden und das wird sich auch nie mehr ändern – und technokratisch konstruktivistischen Alleswissern wie etwa Bruno Latour – nur mit Hilfe von Theorie kann überhaupt gewusst werden, also ist alles, auch und gerad sog. „Fakten“, theory-laden – ein.

Aber ist Elias‘ Weigerung, einmal identifizierte Prozesse und Figurationen entweder systemisch zu integrieren (Luhmann) oder aber dem Schwarzen Loch des Begehrens zu übergeben (Foucault) seinem Forschungsgegenstand – immerhin der menschlichen Zivilisation – nicht sogar angemessener als der totalisierende Theoriestil seiner Nachfolger? Jedenfalls bewahrt sich seine Theorie auf diese Weise ihre offenen Fragen, ohne aber beliebig zu werden. Sie watet, um Thomas Bernhard zu variieren, „mit klarem Denken durch den Morast“. Eine Metapher übrigens, die angesichts der prominenten Rolle menschlicher Exkremente in der Prozesssoziologie oft gar keine ist.

Prozesssoziologie bietet eine Meta-Erzählung gesellschaftlicher Bewegungen an, die ein humanistisches 1  Zentrum behält. Denn hier haben weder das Begehren noch Systeme das letzte Wort, sondern Menschen. Auch, wenn die meist – trotz bester Informiertheit – nicht recht wissen, warum ihnen was wie geschieht. Und ist exakt das, also die Gleichzeitigkeit von bester Informiertheit und Blindheit in ein und demselben Individuum, etwa nicht die conditio humana unserer Zeit?


 

1 Alle coolen Theorie-Nerds bekommen angesichts des Begriffs „Humanismus“ jetzt bitte ihr „zuständiges Jaulen“ (DF Wallace). – – – Danke. Weitermachen.

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Norbert Elias 2 von 2: Prozesssoziologie für das 21. Jahrhundert

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