Der musikologische Gedanke zum Sonntag mit Dr. Wiener (1)

Trigger warning: Enthält Ironie.

Der universale Sinnzuspruch an musikalische Texturen in ihrer Repräsentation von Weltordnung … steht in der aufgeklärten Moderne … zur Disposition – nämlich im Sinne eines „nur“ imaginären Wertzuspruchs. Die Kritik an imitativem Musikgewebe als billigem Machwerk zieht sich … bis hin zu Helmut Lachenmanns qualitativer Abstufung einer zur Beliebigkeit tendierenden Klangtextur gegenüber einer formkonstitutiven Klangstruktur. Ein Konzeptstück wie Johannes Kreidlers Fremdarbeit (2009), dessen musikalische Texturen bei einem chinesischen Auftragskomponisten und einem indischen Programmierer zu Niedrigpreisen in Auftrag gegeben wurden, kritisiert … die Vorbedingungen und Mechanismen imaginärer Wertbestimmung musikalischer Textur in einer globalisierten Situation.

Oliver Wiener / Martin Zenck: „Szenen und Räume des musikalisch Imaginären im Diskursfeld von Einbildungskraft und Phantastik“. In: Musik-Konzepte XII/2016, S. 13

Sehr richtig, Herr Dr. Wiener! Kann man aber auch einfacher ausdrücken, z. B. so: Der jeglicher authentischen Modernität zugrundeliegende weltanschauliche wie ästhetische Radikale Konstruktivismus machte Schluss mit dem bis hin zur Romantik unhinterfragten Paradigma, musikalische Texturen seien als nicht nur legitime, sondern stets unhintergehbar sinnstiftende Mimesis von Naturvorgängen aufzufassen, wovon bis heute Künstler-Ästhetiken wie etwa Lachenmanns „Strukturklang“-Idee oder Kreidlers „Konzeptmusik“ beredtes Zeugnis ablegen.

2 Kommentare zu „Der musikologische Gedanke zum Sonntag mit Dr. Wiener (1)

  1. Lieber Stefan, danke für’s posting. Das „harmonische Geweb“ (Mattheson) wurde schon in der Romantik kompositorisch destruiert (man höre nur Nr. XIII aus Schumanns „Dichterliebe“, Ich hab im Traum geweinet: auch hier trigger warning: enthält Ironie). Es wäre eine tolle Sache, der musikalischen Textur-Metapher weiter nachzuhorchen. Bei Lachenmann hallt die für die Moderne programmatische Ornament-Kritik in der Gegenüberstellung Textur/Struktur (Adolf Loos: Ornament und Verbrechen) noch deutlich nach. Die Geschichte des Ornaments ist immer begleitet vom Verdacht, Beiwerk spiegele nur Belanglosigkeit oder horror vakui. Dabei sind es eben die semantischen Implikationen, die Ornament oft zum Skandal machen. Im Wettstreit hat Athene die Weberin Arachne bestimmt nicht nur aus bloßem Neid in eine Spinne verwandelt, weil diese bessere Teppiche gewebt hatte, sondern aus Zensurgründen: weil sie desavouierende olympische Klatschnachrichten eingewebt hatte. Als Spinnennetzproduzentin konnte sie das dann nicht mehr. Bildverlust hat seinen Preis. Abstrakte Spinngewebe können oft nicht mehr sagen, als was sie alles NICHT darstellen können. Aber auch da ist sind Kippbewegungen von der Textur ins Semantische immer möglich. (Prominent Martin Kippenberger: Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken, 1984). – Einen schönen Sonntag noch wünscht der Doktor.

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  2. @Oliver Wiener: Willkommen in der Weltsicht erstmal und danke für deine mäandrierenden Gedanken!

    Was mich an dem Thema „Musik als Spiegel der Natur“ interessiert, ist das allmähliche Verschwinden des Mimesis-Gedankens im Prozess der „Zivilisierung“ (N. Elias, siehe meinen Essay hier) und dessen allmähliche Substitution durch den Konstruktions-Gedanken. Etwas vereinfacht ausgedrückt: Je weiter man in der Zeit zurückgeht, desto stärker wollten die Menschen in der Musik ein „Abbild“ der Natur erkennen (bis hin etwa zur Tetraktys der Pythagoräer). Der Umschwung fand während der Moderne statt: Die Dodekaphonie Schönbergs ist definitiv keine Nachahmung der Natur mehr, sondern eine selbsttragende Konstruktion.

    Mitunter findet dieser Paradigmawechsel sogar innerhalb des Werks einer einzigen Person statt, z. B. Wittgensteins. Freilich ging es bei dem vordergründig nicht um Musik, sondern um Sprache. Für Wittgenstein 1.0 (Tractatus) war bekanntlich zumindest ein Gutteil der Sprache auf Logik reduzierbar und damit letztlich Abbild zeitloser Gesetze. Über den ganzen Rest (z. B. seine Ablehnung der meisten modernen Kunst und Musik und seine Liebe zur Musik Schuberts?) wollte er damals lieber schweigen. Das ist aber keine philosophisch wirklich haltbare Position auf Dauer. Deswegen erblicke ich auch in Wittgenstein 2.0 (Untersuchungen) den Konstruktivisten, der das Problem des „Unausdrückbaren“ geschickt umschifft (wenn auch nicht wirklich löst), indem er ebenso schlicht wie unwiderlegbar behauptet, die Bedeutung der Sprache liege in ihrem Gebrauch. Schlitzohr!

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