Der musikologische Gedanke zum Sonntag mit Dr. Wiener (2)

Aus der Partitur können zwar die Aktionen der Klangregisseure beim Nachvollzug einer Aufnahme verfolgt werden, nach ihren Angaben lassen sich aber die technischen Vorgänge weder im Einzelnen nachvollziehen noch adäquat reproduzieren. Hierzu muss man den Komponisten und den Klangregisseur der Uraufführung … konsultieren – eine in der Neuen Musik alles andere als unübliche und ungute, weil erfahrungsgemäß … verlustreiche Situation von oral history im technischen Medium, das zur herkömmlichen Partitur seit Beginn elektronischer Studiomusik aufgrund gänzlich anderer Produktionsbedingungen quer stand. Die … avancierten Partiturdokumentationen von Stockhausen … und Gottfried Michael Koenig …, die eine Reproduktivität in hohem Maße gewährleisteten, vermochten keine verbindlichen Standards zu setzen.

Oliver Wiener: „Io solitario in questa rimota parte alla campagna uscendo“. In: Musik-Konzepte II/2019, S. 49

Mit anderen Worten: Die extrem hochentwickelte Partitur-Kultur – man könnte, aber dies ist jetzt mein Gedanke, nicht der Dr. Wieners, sogar von einem „Partitur-Ethos“ sprechen – der Neuen Musik versagte bzw. versickerte meist zuverlässig, sobald es um die „Partiturisierung“ Elektroakustischer Musik ging. Bis heute existieren keine Standards, wie Komponieren im elektroakustischen Medium eigentlich „amtlich“ zu dokumentieren sei, um die Stücke reproduzierbar zu machen, anstatt fingerdick mit Staub bedeckte Tonbänder aufwändig zu restaurieren.

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