Jerofejew erklärt (sich) Russland (2015)

Gelesen habe ich nichts von ihm, aber der Name steht halt seit Jahren in den Feuilletons, also scheint er wichtig zu sein. Aus Jerofejews Biographie erfährt man, dass er teilweise in Paris aufgewachsen ist, was ihn potentiell zum „Mittler zwischen Ost und West“ macht – so hätte man das in der Sprache der friedlichen Nachkriegszeit formuliert. Heute macht ihn das eher zum Zerstörer westlicher Illusionen über das vorherrschende Welt- und Selbstverständnis russischer Menschen.

Und seine Ansichten haben sich durch den Russisch-Ukrainischen Krieg nicht geändert. In einem aktuellen Gespräch mit dem Deutschlandfunk sagte er:

Russland ist eine Zivilisation, die immer noch eher asiatisch als europäisch ist. Dort glaubt man eher an einen Kult der Macht als an Humanismus. […] … da ist nichts an demokratischer Mentalität zu zerstören in Russland. Stattdessen herrscht eine brutale Mentalität vor, die eigentlich noch aus der mittelalterlichen Mongolen-Zeit stammt. Meine Landsleute sind also tatsächlich nicht reif für die Demokratie, weil sie gar nicht wissen, was das ist. Sie schauen auf den Westen und halten eine Demokratie für eine schwache Staatsform voller Kompromisse.

Viktor Jerofejew im Gespräch mit Gisa Funk, Deutschlandfunk 2022-04-28

Als die deutsch-französische Politikwissenschaftlerin Florence Gaub einige Tage vorher bei Lanz Ähnliches formulierte, wurde das bsp.weise von DIE PARTEI-Aktivist Marco Bülow als „rassistischer Müll“ bezeichnet:

Wir dürfen nicht vergessen, auch wenn Russen europäisch aussehen, dass es keine Europäer sind, jetzt im kulturellen Sinne, einen anderen Bezug zu Gewalt haben, einen anderen Bezug zum Tod haben. … Naja, das gibt da nicht diesen liberalen, postmodernen Zugang zum Leben … da geht man einfach anders damit um, dass da Menschen sterben.

Florence Gaub in der Talkshow „Markus Lanz“, ZDF 2022-04-12

Demzufolge hätte Jerofejew ja eine nahezu ultra-rassistische Einstellung gegenüber seinen eigenen Landsleuten! Hm. Konvergiert das nicht ein wenig mit den Ansichten russischer Autokorso-VeranstalterInnen hierzulande, für die jemand wie Jerofejew vermutlich einfach ein „Vaterlandsverräter“ ist?

Sei dem wie dem auch sei, mich erinnert diese diskursive Gemengelage an eine Kritik an Julia von Heinzens ganz hervorragendem Spielfilm „Und morgen die ganze Welt“ aus dem Jahr 2020, der von einer jungen Frau in der deutschen Antifa handelt. In der JUNGLE WORLD war damals zu lesen, der Film komme allzu oft „nicht über jene Klischees hinaus, die er zu kritisieren vorgibt“. Seine Geschichte sei „in einem Umfeld angesiedelt, das die Regisseurin unter Antifa versteht“. Das Problem dabei: Julia von Heinz war lange Jahre in der Antifa aktiv, der Film ist demzufolge in weiten Teilen autobiografisch.

Die Leserin versteht, worauf ich hinauswill: Vielleicht sollte man Menschen, die aus erster Hand aus ihrem Land bzw. ihrer (Sub-)Kultur berichten, erst einmal ein gewisses Wohlwollen entgegenbringen und ihren Eindrücken und Urteilen Glauben schenken? Kritisieren kann man sie anschließend natürlich trotzdem.

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