Kulturkampf in den USA: Steven Bonnell vs. Jesse Lee Peterson

Der folgende, hm, Gedankenaustausch aus dem Jahr 2019 hat eine Qualität, die die Gegenwarts-US-Amerikanerin gemeinhin als hilarious bezeichnet. Hilarious mit „lustig“ zu übersetzen, ist aber irreführend bzw. unzureichend. Das teutonische „urkomisch“ trifft’s auch nicht. „Zum Schreien“ ist schon besser. Noch besser ist vielleicht „krass“ oder „abartig“.

So richtig hilarious ist das Video aber auf den zweiten Blick zumindest nicht ausschließlich, zeigt es doch schlaglichtartig Struktur & Niveau des die USA seit vielen Jahren diskursiv beherrschenden und erschöpfenden Kulturkampfs zwischen Conservatives und Liberals auf. Wiederum wäre es hier irreführend bzw. unzureichend, Conservatives mit „Konservative“ und Liberals mit „Liberale“ zu übersetzen.

US-amerikanische Conservatives sind entweder evangelikale Christen, Libertäre, Rassisten oder Maskulisten bzw. eine Mischung dieser Bestandteile. Dazu kommen jeweils unterschiedlich große Beimischungen liberaler Weltsicht.

Im Zentrum evangelikalen Christentums steht das sog. Wohlstandevangelium aka prosperity gospel. Wie gut es jemandem materiell oder gesundheitlich geht, sei ein direkter Spiegel göttlicher Gunst. Demzufolge gebe es so etwas wie unverschuldete Verarmung oder Krankheit nicht. Wer bsp.weise an Krebs erkranke, müsse vorher gesündigt haben. – Libertäres Denken glaubt, dass ausschließlich Individuen schöpferisch sein können. So etwas wie Gemeinwohl gebe es nicht, sehr wohl aber den permanenten Kampf aller gegen alle, aus dem stets der „schöpferischste“ siegreich hervorgehe. Staatliche Strukturen mitsamt ihres Steuersystems seien bestenfalls ein notwendiges Übel und sollten nach Möglichkeit minimiert oder komplett abgeschafft werden. – Rassisten glauben an eine objektiv begründbare Ungleichheit unter diversen Menschengruppen, die sie nach äußerlichen Merkmalen wie Hautfarbe und Gesichtszügen definieren. Häufig wird bsp.weise von sog. white supremacists geäußert, Schwarze seien, wie IQ-Tests zeigten, von Natur aus dümmer als alle anderen Menschengruppen, weswegen ihre institutionelle Gleichbehandlung oder gar Förderung Geldverschwendung sei. – Maskulisten schließlich glauben an die biologische Überlegenheit des Mannes gegenüber der Frau, deren gesellschaftliche Rolle sich deshalb auf die Erfüllung sexueller Wünsche von Männern sowie Geburt und Aufzucht von Kindern zu beschränken habe.

US-amerikanische Conservatives hätten in der CDU keinen Platz und in der CSU vermutlich auch nicht. Ihre Weltsichten stellen keine legitime Position innerhalb einer modernen rechtsstaatlichen Ordnung dar, sondern befinden sich in fundamentaler Opposition zu ihr.

Was sie bei aller Binnendifferenzierung eint, ist eine Fetischisierung der Differenz. Ich unterscheide mich, also bin ich. Aus der zweifellos bestehenden Unterschiedlichkeit der Menschen leiten sie deren Ungleichbehandung ab.

Im Gegensatz zu vielen Liberals habe ich übrigens kein Problem damit, sollte irgendwann wissenschaftlich bewiesen werden, dass tatsächlich Unterschiede im Durchschnitts-IQ zwischen diversen Menschengruppen festgestellt werden. Das Prinzip der Gleichbehandlung wird damit ja nicht außer Kraft gesetzt. Das Problem ist nie die unterschiedliche durchschnittliche Talentiertheit von Menschengruppen, sondern deren soziokulturelle Implikationen. So können es White Supremacists bsp.weise nicht ertragen, dass aschkenasische Juden unter den Nobelpreisträgern weit überrepräsentiert sind – das muss dann ja wohl der endgültige Beweis für die jüdische Weltverschwörung sein. Andererseits ist ihnen die Tatsache, dass noch nie ein Schwarzer den Physik-Nobelpreis erhielt der für alle Zeiten gültige Beweis, dass der IQ schwarzer Menschen einfach niedriger sei als der aller anderen Menschengruppen. Auf die Idee, dass aschkenasische Jüdinnen vielleicht einfach im Durchschnitt talentierter für abstrakt-mathematisches Denken sein könnten, kommen sie nicht, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Andererseits kommen sie auch nicht auf die Idee, dass die Nicht-Existenz schwarzer Physik-Nobelpreisträger etwas mit unterschiedlichen Bildungschancen zu tun haben könnte – weil auch das einfach nicht der Grund sein kann.

Im Gegensatz zu den ultra-reaktionären US-amerikanischen Conservatives sind die Liberals des Landes genau das, was man sich auch weltweit unter liberal gesinnten Menschen vorstellt. Sie treten ein für

  • die Trennung von Staat und Religionen bzw. eine religiöse Indifferenz des Staates (Ist mit evangelikalen Christen nicht zu machen. Der Staat habe stets auf Seiten der Religion zu stehen.)
  • eine weltanschaulich neutrale Justiz (Ist mit evangelikalen Christen ebenfalls nicht zu machen. Die Rechtsprechung habe sich an biblischen Grundsätzen zu orientieren. Alles andere habe sich dem bedingungslos unterzuordnen.)
  • eine steuerlich finanzierte medizinische Grundversorgung aller Staatsbürger:innen (Horrorvorstellung für Libertäre. Die geringverdienende Diabetikerin hat bestenfalls die charity Besserverdienender zu erwarten.)
  • die Gleichbehandlung aller Staatsbürger vor dem Gesetz (Alptraum aller Rassisten, da so der biologischen Überlegenheit ihrer Gruppe nicht Rechnung getragen werde. Die Gleichbehandlung von Ungleichem führe zu einer „Degeneration“ der Gesellschaft.)
  • das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit (Alptraum aller Maskulisten, da der natürlichen biologischen Überlegenheit des Mannes schwerer Schaden zugefügt werde, wenn sich bsp.weise Frauen ihrer Pflicht zu vielfacher Mutterschaft entziehen könnten.)

Ich führe diese allgemein bekannten Punkte deshalb hier so ausführlich auf, weil es selbst in der linksliberalen US-Presse leider fast ausschließlich um die Verteidigung von Gruppenrechten geht, wenn über Liberalism diskutiert wird. Dadurch entsteht der Eindruck, Liberalism erschöpfe sich im Eintreten für die Rechte von Frauen, Afro-Amerikanern, Homosexuellen, indigenen Völkern, Transsexuellen etc. Das klingt, als habe diese Weltsicht jemandem, der nicht einer dieser Gruppen angehört, also bsp.weise dem berühmten weißen heterosexuellen Mann, nichts zu bieten. „Ich bin weder eine Frau, noch schwarz, noch schwul, noch indigen und trans schon gar nicht. Wer setzt sich denn für meine Rechte ein?“ Dabei gerät völlig aus dem Blick, dass Liberalism ein Universalismus ist, d. h. ein politisches Denkmodell, welches von gruppenunabhängigen Rechten und Pflichten aller StaatsbürgerInnen ausgeht. Ich habe den Eindruck, dass das heutzutage von vielen weißen US-AmerikanerInnen, die aktuell noch ca. 56 % der Bevölkerung ausmachen, nicht bzw. – schlimmer – nicht mehr begriffen wird.

Und so wird der liberale Universalismus nach und nach von einem archaischen Tribalismus verdrängt, der die Aufrechterhaltung eines modernen Rechtsstaats immer schwieriger macht. Vermittelnde, von allen Parteien anerkannte Institutionen verlieren an Einfluss oder werden allein deshalb als parteilich diskreditiert, weil ihre RepräsentantInnen nicht dem eigenen Stamm angehören. Bisher latentes Freund-Feind-Denken tritt nun offener zutage: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ Es entsteht ein immer stärkerer soziokultureller Bekenntniszwang, um die Gruppen untereinander zu festigen. Abweichler werden immer rigoroser bestraft. Vormals unpolitische Dinge wie etwa Infrastruktur, Bildung oder Medizin werden mehr und mehr politisiert.

Eine solche Tribalisierung einer Gesellschaft lässt sich nicht unbegrenzt weit treiben. Der Zerfall des Staates in sich feindlich gegenüberstehende kleinere Gebilde ist die Folge. Damit verkleinern sich auch Wirtschaftsräume und die Konkurrenz um Ressourcen verschärft sich. Die Preise steigen, der Lebensstandard sinkt. Weitere Segregationen sollen diese Probleme lösen, tun es aber nicht. Ein Schuldiger im Ausland wird gesucht und gefunden, Vergeltung wird gefordert. Man sieht sich schließlich gezwungen, einen Angriffskrieg zu beginnen etc.

*

Aber zurück zum Video: JL Peterson wirkt aufgrund seiner undeutlichen Aussprache zunächst ein wenig dümmlich, gar bemitleidenswert – ein Eindruck, der sich im Laufe des Gesprächs aber verflüchtigt. Er weiß genau, was er tut und stellt fast ausschließlich geschlossene Fragen (also Fragen, die nur mit Ja oder Nein beantwortet werden können), die so gestaltet sind, dass sie den Befragten immer stärker in die Enge treiben. Ein Beispiel:

Q Mögen Sie schwarze Konservative?

Antwortet man hier als Liberal mit „Nein“, könnte man als Rassist überführt werden, der den Schwarzen etwas nicht gönnt, antwortet man aber mit „Ja“, schwächt man das eigene Lager.

Einer solchen ebenso schlichten wie perfiden rhetorischen Einkreisungstaktik, die dazu dient, komplexe Sachverhalte bis zur Unkenntlichkeit zu vereinfachen, kann man eigentlich nur entgehen, indem man das Framing des Fragenden durch Gegenfragen aufbricht. Etwa so:

A Wen meinen Sie mit „schwarze Konservative“? Nennen Sie bitte konkrete Personen.

Peterson geht auf diese von Bonnell häufig angewandte Verteidigungs-Strategie aber fast nie ein, sondern wiederholt einfach seine Eingangsfrage, was das Video immer quälender und folter-artiger macht, je länger es dauert. So wird es von einem zumindest formal korrekt geführten Interview zu einer Art Schauprozess – allerdings nicht in der Art und Weise, wie das JL Peterson wohl intendiert hat. Er möchte an Bonnell ein Exempel statuieren und ihn der hypocrisy, also Heuchelei, überführen, entlarvt dabei aber unbeabsichtigt Stück für Stück seine eigenen Vorurteile, etwa „alle erwachsenen Gamer leben bei Mutti“ etc.

Hinzu kommen Passagen, in denen Peterson Bonnell ganz ohne pseudo-intellektuelle Verbrämung mit Häme überzieht („Beta-Male!“), was dann das Ganze endgültig auf Schulhof-Niveau herunterzieht. Aber so geht’s halt mitunter zu im US-amerikanischen Kulturkampf: irgendwann wird sich nur noch gegenseitig verbal gegen das Schienbein getreten.

4 Kommentare zu „Kulturkampf in den USA: Steven Bonnell vs. Jesse Lee Peterson

    1. @k&g: Sowohl Bonnell als auch Peterson sind Unternehmer-Performer, sie verdienen Geld mit dem Schwachsinn. Dass die US-amerikanische Kultur hochgradig performativ ist, haben wir ja während der Nachkriegszeit hauptsächlich genossen (gute Filme, gute Serien, gute Musik, gute Kunst und so), aber die kulturelle Selbstzerstörung wird jetzt eben genauso gnadenlos performt. Und das tut dann eben so richtig weh, weil die US-Amerikaner:innen mit der gleichen Leidenschaft, dem gleichen Perfektionismus und der gleichen Professionalität bei der Sache sind wie weiland bei der Produktion von „aufbauenden“ Kulturprodukten wie „Star Trek“ oder „Magnum“. Die Perversion dieses Vorgangs ist in den US-Medien allgegenwärtig, aber hier kommt sie besonders gut heraus: alle Beteiligten strengen sich wahnsinnig an, soziokulturelle Destruktivität möglichst sexy und unterhaltsam aussehen zu lassen.

      Dabei sind mir drei Adjektive aufgefallen, die vor allem in Überschriften ständig vorkommen: das bereits erwähnte „hilarious“, aber auch „unhinged“ (wörtlich: aus den Angeln gehoben, im übertragenen Sinn also „durchgeknallt“) und natürlich „fascinating“ (wenn jemand besonders angeekelt ist von den Äußerungen seines politischen Gegenübers, bezeichnet sie das oft als „fascinating“, was wohl analytische Distanz bzw. Coolness zum Ausdruck bringen soll, aber m. E. eher auf Hilflosigkeit deutet). Das mit Abstand häufigste Verb ist „to call out“, olso jemanden anprangern.

      Um deine Frage zu beantworten: Es gibt einen monetären Benefit, der Rest vergiftet das Klima – im übertragenen wie im wörtlichen Sinn. Fascinating.

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