Subjekte vs. Bürger*innen

Der ganze Kanal ist übrigens großartig und eine sozusagen anthropologische Fundgrube. Ich weiß nicht, wie der Kanalbetreiber Daniil Orain das macht, ohne im Gefängnis zu landen, aber irgendwie schafft er es bisher.

Was für mich bei den Interviewten vor allem rüberkommt, ist eine komplette und tiefe Indifferenz gegenüber der Regierung und ein tiefsitzender Unwille, sich als Bürger*in eines Gemeinwesens zu betrachten. Man ist Untertan, Subjekt. Man überlebt oder eben nicht. Die Regierung verhält sich dem Überleben ihrer Subjekte gegenüber komplett indifferent. Sie ist nicht für das Gemeinwohl verantwortlich, ja wird damit nicht einmal in Verbindung gebracht. Sie ist das große Andere, das nach opaken Regeln funktioniert.

Das erklärt, warum viele Russ*innen im Ausland immer tief verwundert darüber sind, wenn sie auf die Taten ihrer Regierung angesprochen oder gar verantwortlich gemacht werden: Aber das hat doch nichts mit mir zu tun, das war doch die Regierung und auf die haben wir doch keinerlei Einfluss. Bei uns wird der Staat kritisiert, in Russland ist man entweder mit allem zufrieden und arrangiert sich oder man ist gegen alles bzw. will eigentlich sowieso demnächst auswandern.

Der Unterschied zwischen Stadt und Land in Russland ist gigantisch, was die Lebensqualität betrifft. Ein besonders schauriges Beispiel hier:

Interessanterweise wirkt sich das aber nicht auf die Haltung gegenüber der Regierung aus, die Moskauer*innen sind lediglich auf kultiviertere Weise zynisch bzw. sie verlassen sich darauf, dass sie gute Beziehungen haben und es deshalb für sie schon nicht so schlimm kommen wird:

Der ganz große Unterschied zwischen West und Ost scheint zu sein, dass selbst die wüstesten Kritiker*innen hier oder in den USA oder in Frankreich ihre Kritik adressieren können. Der Staat ist für sie ein Gegenüber, das, so korrupt und dysfunktional es auch sein mag, weiterhin prinzipiell ansprechbar und damit veränderbar bleibt. In Russland existiert dieses Gegenüber nicht, Kritik findet keinen Adressaten, stattdessen starrt man auf die Mauern des Kreml.

Die gesamte Polemik der AfD zielt darauf ab, geneigten Teilen unserer Bevölkerung weiszumachen, sie seien Subjekte einer Regierung im oben definierten Sinn und nicht Bürger*innen eines (demokratischen) Staates. Wie präzise das an der Subjekt-Mentalität DDR-sozialisierter Menschen anzuknüpfen in der Lage ist, wurde mir nach dem Ansehen der „1420“-Videos von Orain klar.

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