Lektüretagebuch (seit 2017)

Hier kann die geneigte Leserin nachverfolgen, welche Bücher ich gelesen habe & wie ich sie fand. Es kann sich dabei um ein (sehr) kurzes oder auch längeres Statement handeln. Buchrezensionen erscheinen weiterhin im Blog. Es handelt sich um ein Sudelbuch, also Notizen, die fragmentarisch, unausgereift oder schlampig sein können, also bitte nicht alles auf die Goldwaage legen!

2019-06-03

Henry James – meine erste Begegnung mit ihm. Vorgenommen, ihn zu lesen, habe ich mir seit ca. 25 Jahren. Manche Dinge brauchen eben. Auch hätte ich ihn 1994 höchstwahrscheinlich auf deutsch gelesen. Heute – mit meinen v. a. in den letzten ca. 15 Jahren systematisch verbesserten Englischkenntnissen – traue ich mir auch den Originaltext zu. Nun also The Portrait of a Lady, sein wichtigster Roman der ersten Schaffensphase aus dem Jahre des Herrn 1881. Solchen Sätzen begegne ich dort [p. 52]:

She had resented so strongly, after discovering them, her mere errors of feeling (the discovery always made her tremble as if she had escaped from a trap which might have caught her and smothered her) that the chance of inflicting a sensible injury upon another person, presented only as a contingency, caused her at moments to hold her breath.

Da hat also eine weibliche Person entdeckt, dass ihr Eindrücke unterlaufen, die sich als schlichter Irrtum herausstellen. Jedesmal, wenn sie das bemerkt, kommt in ihr ein derart starkes Gefühl der Ablehnung gegenüber diesen falschen Eindrücken auf, dass es ihr in diesen Augenblicken den Atem verschlägt. Sie hat nämlich Angst davor, eine andere, lediglich zufällig anwesende Person, spürbar zu verletzen. Die Entdeckung dieser falschen Eindrücke ruft in ihr jedesmal ein Zittern hervor, als wäre sie gerade einer Falle entronnen, in die sie vielleicht hätte stürzen können und die sie unter sich begraben hätte.

Kurz gesagt, James lesen ist eine Herausforderung, die allerdings weniger mit Sprache als mit Logik zu tun hat. Es ist bewundernswert, welches Geflecht an Bezugnahmen und Abhängigkeiten der Autor in so einem mittellangen Satz unterbringt. Und dabei geht es auch noch ausschließlich um mentale Vorgänge (zu James‘ Zeiten hätte man das evtl. „Psychologie“ genannt), in diesem Fall speziell um die psychosomatischen Folgen (Zittern, Atemstockung) der moralisch wertenden Selbstbeobachtung in einem lebendigen Geist.

2019-05-29

So, & schon hab ich den Brandt durch, den ganzen umfangreichen Roman, fast hätte ich gewohnheitsmäßig „Schwarte“ gesagt – aber das wäre ein vollständig unpassender Begriff für dieses schöne, intelligent konstruierte und in keinster Weise redundante oder gar aufgeblasene Buch (Ich wünschte, „Unendlicher Spaß“ hätte sich ähnlich flüssig lesen lassen!). Brandt bringt das Kunststück fertig, die Spannung bis zum letzten, Fragment bleibenden Satz aufrechtzuerhalten. Das muss man – bei fast 1.000 Seiten – erst mal hinbekommen. Und der abschließende vierte Teil lässt die Leserin darüber hinaus alles bisher Geschehene in einem neuen Licht erscheinen, ohne dem Erzählten Gewalt anzutun: Ein fantastischer Kunstgriff! Jan Brandt: Schriftsteller und Künstler.

2019-05-28

Der Brandt liest sich wirklich beängstigend süffig & ist das exakte ostfriesische Pendant zu Niemanns oberbayerischen Heimatromanen. Ja: Heimatromanen, denn so müssen Heimatromane meiner Meinung nach heutzutage geschrieben sein, um diesen Namen zu verdienen: kritisch, aber nicht „dekonstruktiv“, klischeefrei (sowieso), ganz nahe an und empathisch mit den Figuren, die aber dennoch niemals allzu stark zur Identifikation einladen sollten (dafür sind sie zu stark von brennenden Widersprüchen durchzogen). Der/die HeimatschriftstellerIn in diesem Sinn liebt zwar im Grunde die lokale Beschränktheit seines Sujets und evtl. auch die eigene stabilitas loci, aber er verklärt sie nicht zur Universaltugend bzw. -weisheit. Stilistisch möchte ich Brandt wie Niemann als post-experimentell bezeichnen, Brandt „kann“ Joyce und setzt ihn gehaltsästhetisch ein (z. B. bei der Schilderung von psychischen Sonderzuständen seiner Figuren, herausragend vor allem bei „Stefans“ Schizophrenie!) so wie Niemann seinen Döblin „kann“. – Brandt wie Niemann sind nach-postmoderne Autoren, die flächendeckend-„dekonstruktivistischer“ Ironie zwar fähig sind, ihr aber keinen überragenden Erkenntnisgewinn mehr zuordnen. Sie sind aber auch keine naiven Neo-Realisten, dafür sind sie zu stark imprägniert von der Weltsicht der klassischen Moderne (siehe oben). – „Gegen die Welt“ bezeichnet die Gegenwelt, die die (männlichen) Jungfriesen in den 1990erjahren (man geht zu Konzerten von Tocotronic und Cpt. Kirk &.) intuitiv gegen die Lebensweise ihrer Altvorderen entwickeln. Für die – ihr Aufkommen, ihr Scheitern, ihre Binnenlogik, ihre Vergeblichkeit, ihre Tragik, ihre Psychopathologie und ihre Unreife – interessiert sich Brandt. Das klingt ein wenig düster und ist es auch: An Suiziden, Wohlstandsverwahrlosung, innerer Vereinsamung und geistiger Umnachtung ist kein Mangel in Brandts ostfriesischer Seelenlandschaft. Dass „Gegen die Welt“ dennoch nicht allzu traurig stimmt, liegt am stilgetreu karg wiedergegebenen ostfriesischen Alltagshumor, der vor allem in den üppig eingestreuten Dialogen zur Geltung kommt.

2019-05-22

So, jetzt habe ich den Yalom durch & muss leider sagen, dass der Autor „tiefer gedacht hat, als er ausführte“. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich das ganze Unternehmen nicht doch für einen – wenn auch unbeabsichtigten – geschmacklosen Scherz des literarisierenden existentiellen Psychotherapeuten halten soll. Denn am Ende gibt es nicht wirklich irgend eine erkenntnisfördernde Brücke zwischen Baruch/Bento (de) Spinoza und Alfred „Adolf“ Rosenberg. Die ja tatsächlich existiert habende Obsession des Reichsleiters mit Werk & Person des sephardischen Philosophen erweist sich am Ende als zu dünn, um als ausreichend tragende Grundlage einer intellektuellen Doppelbiografie dienen zu können. Außerdem stellte sich bei mir das – vom Autor sicherlich ebenfalls unbeabsichtigte – Gefühl ein, am Ende sei Spinoza mindestens ebenso verrückt gewesen wie der Nazi-Mythosoph, nur eben mit weitaus weniger destruktiven Folgen … – Außerdem hätte mich interessiert, was die existentielle Psychotherapie zur Genese von Rosenbergs idée fixe zu sagen hat. Aber darüber erfährt man im Buch leider auch nichts: Rosenberg tritt dort als bereits im zarten Jünglingsalter in der Wolle gefärbter Judenhasser auf.

2019-05-17

Meine Buchausgabe hat ein anderes Cover, eines ohne Hakenkreuze, aber wenn Swastikas angebracht sind, dann bei einem solchen Sujet (Antisemitismus als Obsession bzw. fixe Idee).

„The Spinoza Problem“ von Irvin D. Yalom: Fantastisches Buch! Und noch fantastischeres Sujet: Eine „Parallelbiografie“ von Baruch Spinoza und Alfred Rosenberg. Wie kann man nur auf eine solche Idee kommen? Nun, der amerikanisch-jüdische Psychoanalytiker Yalom konnte das 2012. Und er imaginiert sich gar als fiktiver Therapeut des übelsten (Pseudo-)Intellektuellen, den der Nationalsozialismus hervorgebracht hat! Bzw. umgekehrt, er imaginiert den (Pseudo-)Intellektuellen des Nationalsozialismus auf der Couch. Das kann eigentlich nur in die Hose gehen und gräßlichen intellektuellen Kitsch hervorbringen! Das ist aber keineswegs der Fall, denn Yalom erfindet/fantasiert eigentlich gar nicht so viel, sondern collagiert lediglich Originaltexte seiner beiden kontradiktorischen Protagonisten. – Was für mich das Unangenehme an der Lektüre des Buches ist: Immer, wenn von Spinoza die Rede ist, denke in an meine Träume und Ideale (Unabhängigkeit in spiritueller, intellektueller und lebenstechnischer Hinsicht; ein kontemplatives Leben auf der Suche nach Wissen und Weisheit; endlose Neugier auf die Welt, die Dinge und, wenn auch weniger, die Menschen), und immer, wenn Yalom das Leben, Treiben und Fühlen Rosenbergs schildert (die Suche nach väterlicher Autorität; eine nicht stillzustellende Gier nach Anerkennung bei gleichzeitiger Verweigerung, sich ihnen wirklich zu offenbaren bzw. überhaupt etwas dafür zu tun; Pseudo-Intellektualismus; Fanatismus; Obesssivität; Impulsivität; die Unfähigkeit, sich wirklich auf andere MenschInnen einzulassen; Solipsismus; Arroganz), vergleiche ich das mit meinem eigenen Leben, Treiben und Fühlen und erkenne erschreckende Parallelen. Also ein in mehrfacher – trauriger wie erhellender – Hinsicht subversives Buch!

2019-01-19

„The Corrections“ von Jonathan Franzen: große Freude!

2018-09-07

Den Self abgebrochen – ich habe mich getäuscht, „Umbrella“ hat mit SF gar nichts zu tun, wie konnte mir das nur passieren? Außerdem wurde der Autor bereits mit Preisen überhäuft, was mich gleich hätte misstrauisch machen sollen. Also: Auf zu neuen Ufern…

2018-09-04

„Umbrella“ von Will Self aus dem Jahr 2012 angefangen: sprachmächtig, enigmatisch, packend, anstrengend, die ersten Seiten.

2018-08-13

Nee, Newitz ist doch keine große Autorin wie etwa Robinson, es mangelt ihr an Originalität, obwohl sie ungleich mehr Einfälle hat als Robinson. Aber man hat eben das Gefühl, das alles irgendwo schon mal gehört zu haben – auf die eine oder andere Weise.

2018-08-09

Annalee Newitz (*1969)

„Autonomous“ liest sich weiter gut, obwohl das Buch deutlich als Trivialroman inkl. blutrünstiger Szenen (ok, bisher nur eine) angelegt ist. Das explizite Ausbuchstabieren exotischer bzw. „innovativer“ Werkstoffe und genetisch modifizierter Organismen / Materialien hat deutlich fetischhaften Charakter. Das scheint aber genre-typisch zu sein in der zeitgenössichen SF. Das befriedigt die Fans, das wollen sie: Die Handlung kann so konventionell sein wie nur irgendwas, solange nur bestimmte keywords genannt werden, bestimmte irgendwie abgefahrene, irgendwie gerade szenemäßig hippe gadgetstools, Materialien, technologische Ideen. Aber war das nicht immer schon so in der SF?

2018-07-19

KS Robinson, immer weiter KS Robinson. Wird ganz allmählich besser, die Schwarte. Er lässt ein wenig viel gegen das internationale Finanzkapital schwadronieren, das Buch ist ganz offensichtlich stark von der Weltwirtschaftskrise 2007 beeinflusst. Aber er hat ja recht. Charmant, dass er ein Tom Sawyer/Huckleberry Finn-Element einschleust, indem er zwei flussfahrende Jungs eine Rolle spielen lässt – nur dass der Fluss nicht mehr der Mississippi ist, sondern die mehr oder minder brackigen Fluten des abgesoffenen Manhattan.

2018-07-14

Die große Sommerlektüre 2018 hat begonnen: „New York 2140“ von Kim Stanley Robinson. Liest sich schon mal gut an, so wie ich es vom Meister erwartet habe: Viele geografisch korrekte, breit angelegte Schilderungen, gute Figurenzeichnung, zeitgemäßer, aber nicht an die Zeitläufte angeschleimter Plot. Kann so weitergehen 🙂

2018-04-29

Bedeutendes Lektüre-Ereignis: Der Roman „Orfeo“ von dem mir bisher nur dem Namen nach bekannten US-Amerikaner Richard Powers. Wurde mir von einer guten Bekannten empfohlen, nachdem es um einen Komponisten gehe. Zu Beginn der Lektüre denke ich „Doktor Faustus“ – all die Metaphern, abgegriffen etc. aber jetzt wird’s doch dramatisch besser, v. a. da Powers‘ Gewährsmann nicht Schönberg bzw. Richard Strauss bzw. irgendeine irreale Mischung aus beiden ist, sondern: – Olivier Messiaen, speziell sein „Quartett zum Ende der Zeit“! – Klar wird das wieder narrativ aufmotiviert, Literatur kann Musik halt „nur“ erzählen und nicht einfach hören oder abspielen. Aber so ist „Orfeo“ tatsächlich ein major update zur Mann’schen Schwiemelei, die mir schon als Germanistik-Student in den späten 1980er-Jahren gehörige Hassliebe abverlangte. – Powers verleugnet nicht das nahezu kollektive Vor-den-Kopf-gestoßen-sein des Publikums, aber er legitimiert das überzeugend durch das Kriegstrauma sowohl des letzteren wie auch des Komponisten (vgl. BA Zimmermanns „Soldaten“). Meine Rede: die beste „Neue Musik“ ist vor 1945 bereits geschrieben worden.

2017-11-24

Invisible Man ist bei Weitem das stärkste Buch, das ich seit Langem gelesen habe, jetzt freue ich mich auf Ellisons gesammelte Essays, v. a. auf die zum Thema Jazz.

2017-11-23

Invisible Man endlich fertiggelesen, das Buch ist im Laufe der Lektüre immer stärker geworden, was nicht allzu häufig passiert, mittlerweile erstarre ich in Ehrfurcht vor Ellisons Genie und Weitsicht, was auch nicht sonderlich häufig passiert. Der Roman ist von einer derartigen Hellsichtigkeit, was das Thema Rassismus betrifft – und hier speziell natürlich den Post-Sklaverei-Rassismus in den Vereinigten Staaten von Amerika -, dass einem schwindelig wird. „Rassismus ist ein Verhängnis“, so lässt sich Ellisons Erkenntnis zusammenfassen. Ein Verhängnis zudem, das auf einem Irrtum beruht, der sich wiederum von einer derart soliden „anthropologischen“ Grundlage (Menschen trauen instinktiv nur Menschen, die so aussehen wie sie selber) nährt, dass man die Gattung Homo sapiens schon komplett ummodeln müsste, um hier so etwas wie „Fortschritt“ zu erreichen. Ellisons grandios und absurd an sich selbst und „der Gesellschaft“ scheiternder Protagonist ist ein sehr junger, sehr unerfahrener und sehr hochbegabter Afroamerikaner, der sich im Lauf der Geschichte vom Naiven zum Idealisten, dann zum Realisten und Sarkasten und schließlich zum Fatalisten und Zyniker wandelt. „Unsichtbar“ fühlt er sich dabei in allen Phasen, selbst als er kurzfristig zum afroamerikanischen Maskottchen einer philanthropischen weißen „Bruderschaft“ aufsteigt, das mit seinem intuitiven Redetalent die schwarzen Massen Harlems für die Sache der Bruderschaft (die evtl. für die Kommunistische Partei der USA steht, das wird nicht ganz klar) gewinnen soll. Sogar einen neuen Namen bekommt er von der Bruderschaft, was er sich gefallen lässt, solange es nur der „progressiven“ Sache (soziale Gerechtigkeit im weitesten Sinn, das genaue, offenbar weltanschaulich recht anspruchsvolle „Programm“ der „Bruderschaft“ bleibt im Nebel) dienen mag.

Warum und wie genau der tragische Held sich von den weißen Menschenfreunden schließlich verraten und verkauft fühlt, muss die Leserin von Invisible Man – und ich wünsche diesem Buch noch viele Leser! – selbst herausfinden. Nur soviel sei verraten: die Dinge verhalten sich komplex.

2017-11-03

The Dark Forest wird besser, humaner, weniger militaristisch. Liu wird doch nicht auch noch Liebesgeschichte können?

Spontaner Erwerb und ebenso spontane Lektüre von Houellebecqs Schopenhauer-Brevier: Witzigerweise geht es um exakt dieselben Themen wie in meiner aktuellen Schopenhauer-Reihe allhier in der Weltsicht: Was heißt es, glücklich zu leben & was braucht man dafür?

2017-10-24

Reingeschnuppert (ausführlich) und schließlich beiseite gelegt: Tarkowskis Ästhetik „Die versiegelte Zeit“: Bringt nix, man lernt nichts, der Text zeugt lediglich von der Gottesfurcht und dem King Size-Ego seines Verfassers.

Angefangen: „The Dark Forest“ von C. Liu, der zweite Band der Dreikörpertrilogie: Puh, jede Menge Militärkram erstmal, Hierarchiekämpfe, Personalpsychologie, sowas. Eher enttäuschend bisher.

2017-10-02

Helden der Kopfarbeit: Den Gebrüdern Strugazki verdanken wir u. a. die Vorlage für Andrei Tarkowskis Film „Stalker“

Das Märchen von der Troika von den Strugazki-Brüdern aus dem Jahr 1967 ist alles andere als Science Fiction. Es liest sich eher wie eine ziemlich deftige Gesellschaftssatire, fast ein Bauernschwank, „Szenen aus dem ländlichen Russland“ oder so. Dennoch sehr unterhaltsam und hervorragend geschrieben. Und zwischendurch, ganz nebenbei & ohne Absicht, lassen die Autoren eine ihrer infamen Figuren eine Definition von „Postmoderne“ im Trump’schen Sinn aufsagen:

Was ist eigentlich Lüge? … Lüge ist Leugnung bzw. Verfälschung der Tatbestände. Und was ist ein Tatbestand? Kann man denn unter den immer komplizierter werdenden Bedingungen unseres Alltags überhaupt noch von Tatbeständen sprechen? Ein Tatbestand ist eine von Augenzeugen bestätigte Erscheinung oder Handlung. Es kommt mitunter vor, dass Augenzeugen voreingenommen sind, habgierig, oder ganz einfach nur dumm und einfältig. Ein Tatbestand wird auch von Dokumenten beglaubigt, wobei die Dokumente gefälscht oder fabriziert sein können. Ein Tatbestand ist letztlich eine Erscheinung oder Handlung, über deren Gültigkeit ich persönlich bestimme, wobei aber auch mein Instinkt mitunter wackelig, ja sogar durch unvorhergesehen eingetretene Umstände irrig sein kann. Daraus ergibt sich, dass der Tatbestand eine höchst gebrechliche Rolle spielt. Der Tatbestand ist ein verschwommener, unzuverlässiger Begriff, den wir in Hinkunft gänzlich abschaffen werden. Lüge und Wahrheit werden dadurch zu zwei primären, mit allgemeinen Argumenten kaum zu definierenden Begriffen.

2017-09-16

Roehlers Selbstverfickung hat mich – mit einigen wenigen Einschränkungen – rundum begeistert. Der Text ist aus lässig-männlicher Perspektive geschrieben, besitzt mehr als ausreichend Selbstironie, beschäftigt sich tatsächlich mit dem nicht ganz einfachen Thema „heterosexuelle Erotik“, teilt aus, wo nötig, und steckt ein (Selbstkritik!), wo angebracht. Uneingeschränkte Leseempfehlung, vor allem für LeserInnen, die Helmut Kraussers „Hagen-Trinker-Trilogie“ aus den 1990er-Jahren („Schweine und Elefanten, „Könige über dem Ozean“, „Fette Welt“) mochten.

2017-08-03

Altruizin oder Der wahre Bericht darüber, wie der Eremit Bonhomius das universelle Glück im Kosmos schaffen wollte, und was dabei herauskam (1964) – So, jetzt ist definitiv Schluss mit Lem. Sein Skeptizimus ist eindeutig gegen den damals real existierenden Sozialismus seiner polnischen Heimat gerichtet und hat sicherlich sämtliche „Anti-Kommunisten“ im Westen ähnlich entzückt wie weiland Orwells „1984“. Aber exakt diese anti-idealistische Haltung, was die angeblich „wahre“ Natur des Menschen betrifft (er/sie/es ist selbstsüchtig, dumm, sexbesessen, hinterlistig, gewalttätig), ist eben auch nur die halbe Wahrheit, sonst hätte sich Zivilisation niemals entwickeln können. Vielleicht nervt mich Lems Skeptizimus auch deshalb so, weil gerade ein Prachtexemplar eines solchen „wahren“ Menschen in Form des selbstsüchtigen, dummen, sexbesessenen, hinterlistigen und gewalttätigen D. Trump den us-amerikanischen Präsidententhron okkupiert hat. Also: Lem – guter Autor, aber es ist gerade nicht „seine“ Zeit.

2017-07-31

Lem. Auf diesem Bild hat er eindeutig etwas Wichtelhaftes:

2017-07-29

Die Geschichte von den drei geschichtenerzählenden Maschinen des Königs Genius von  Stanisław Lem: langsam is gut mit Lem. Man weiß, worauf’s hinausläuft & so. Irgendwo zwischen Dürrenmatt (schon wieder!) & Raumschiff Orion / Raumpatrouille. Das Kaschperlhafte seiner Figuren geht mir langsam, aber sicher auf die Nerven. Was will er eigentlich? Die Welt belehren? Die Welt retten? Alles in seiner zuckersüßen Zynismussauce ertränken?

2017-07-25

Experimenta Felicitologica von Stanisław Lem: Von ähnlicher Qualität wie Ziffrianos Erziehung (siehe unten). Eine wirklich angemessene Verfilmung dieser als Märchen getarnten philosophischen Traktate dürfte außerordentlich schwierig sein. Natürlich kann man sie – wie geschehen – wie einen tschechischen Märchenfilm aus den 1970erjahren („Drei Nüsse für Aschenbrödel“) verfilmen, wodurch aber ca. 50% des Contents verlorengingen. Verfilmt man sie dagegen mit allem metaphyischem Ernst à la Tarkowski („Solaris“), wir alles zäh und nahezu unverdaulich, die Leichtigkeit, die bei der Lektüre stets durchscheint, ginge verloren und damit die anderen 50% des Lem’schen spirits.

2017-07-19

Ralph Ellison Invisible Man angefangen aus alternativloser Langeweile. Erinnert auf ungute Weise an die Dürrenmatt-Lektüre meiner Schulzeit (Pflicht!). Der Protagonist kommt mir reichlich selbstmitleidig und arrogant vor.

2017-06-26

Stanisław Lem Der Mensch vom Mars (1964) abgebrochen: schwach, viel schwächer als der Lem, den man kennt. „Lem vor Lem“. Hat er versucht, Isaac Asimov zu imitieren?
Dieter Roth Bastel-Novelle (1974) [Auszüge]
Jean Starobinski Montaigne. Denken und Existenz (1982) [Auszüge]

2017-06-26: gerade abgeschlossen

Stanisław Lem Robotermärchen (1964) xxx
Karl Heinz Bohrer Jetzt (2017) xxxx
Stanisław Lem Vom Nutzen des Drachens (1983) xxxx
Stanisław Lem Die Wiederholung (1979) xxxx
Stanisław Lem Ziffrianos Erziehung (1976) xxxxx
Liu Cixin The Three-Body Problem (2007) xxxx
Bernd Stegemann Das Gespenst des Populismus siehe Blogartikel

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2 Kommentare zu „Lektüretagebuch (seit 2017)

  1. Von Lem fällt mir nur ein Fragment ein: Die Hauptfigur sitzt im Baum und schickt sich an, die Ergebnisse der Wissenschaften der letzten 20 Jahre, die er während eines Tiefschlafs versäumt hatte, nachzuholen. Der schiere Amount des hierbei zu Lesenden beeindruckte sehr…

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  2. Joachim schreibt: Von gelegentlicher Lemlektüre ist mir nur die Begegnung eines Außerirdischen mit einem Besoffenen geblieben, der sich „mit einem Äthylen-Schutzschild“ umgeben hatte. Das find ich wirklich originell.

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