Peter Limberg über Digitalen Tribalismus (7 von 8)

In the interest of appeasing shareholders, large social media companies battle over the attention economy, reducing our agency and turning us into memetic addicts along the way.

Peter Limberg with Conor Barnes: The Memetic Tribes Of Culture War 2.0 | medium.com 2018-09-14

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Dubstep Week

Ein CD-Cover aus dem Jahr 2006 mit unprätentiösen Impressionen schöpferisch arbeitender Kräfte im South London der Jahrtausendwende.

Abgesehen vom Montagsklavier steht die kommende KW ganz im Zeichen des Dubstep, der vermutlich eine der letzten kreativen Zuckungen des an Stilen und Ismen so überaus reichen 20. Jahrhunderts war. 1  Die Musikrichtung ist in den späten 1990er-Jahren in Londoner Clubs entstanden und verbindet die Linearität des Techno mit den Breakbeats des Drum and Bass. Die Schöpfungshöhe des Dubstep ist eher mäßig, will sagen, selbst ich brauchte eine Weile, um das Spezifische dieser musikalischen Ästhetik gegenüber verwandt klingenden Techno- oder Drum and Bass-Arbeiten herauszuhören.

Charakteristisch ist vor allem die Behandlung der Basstrommel, die zwar den Sound einer Techno-Kickdrum hat, aber stets synkopiert daherkommt, wodurch das markante Stampfen des Techno, das soo vielen soo auf die Nerven geht, entfällt. Ansonsten werden, wie in elektronischer Tanzmusik üblich, relativ wenige, aber prägnante Samples in Schichtarbeit hin- und hergeschubst, als gäbe es kein Morgen.

Die hier präsentierten 6 Musikstücke neigen zu unsentimentaler Verknappung, haben also rein gar nichts mit Burial oder gar Skrillex 2  zu tun (falls irgendjemand da draußen diese Namen schon mal gehört haben sollte). In den Vordergrund geschobene, nochmals affirmierte und übermächtige Beats stehen in nahezu leeren oder bestenfalls spartanisch möblierten akustischen Räumen, durch die gelegentlich meist nach Frau klingende Vokalsamples wie aus einer anderen Welt herumspuken.

Hedonistisch klingt das jedenfalls nicht, eher schon unterschwellig traurig, resigniert, stumpf und passiv-aggressiv. M. a. W., es handelt sich um angemessene Musik zur Zeit.

Den geneigten HörerInnen aufschlussreiches Lauschen wünscht

der Blogbetreiber


 

1 Im 21. Jahrhundert scheinen keine neuen Musikstile mehr zu entstehen, die mehr als zwei Dutzend Leute länger als vier Wochen begeistern können – ein faszinierendes soziokulturelles Phänomen, vermutlich eine Sekundärfolge der Digitalisierung. Ich lasse mich jedoch gerne vom Gegenteil überzeugen, bitte melden!

 

2 Burials post-digitale Variante romantischen Weltschmerzes geht in Ordnung, aber die Tracks von Skrillex verstören mich stets auf Neue als Anhäufung des musikalisch Hässlichen. Leider scheinen viele zu glauben, Dubstep „an sich“ klinge wie Skrillex. Aber Techno „an sich“ klingt ja auch nicht wie DJ Ötzi.
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Was ADHS eigentlich ist

Die kluge Miri Mogilevsky
Vor mittlerweile über 10 Jahren hat ein Neurologe eine ADH-Störung bei mir festgestellt, seitdem nehme ich ununterbrochen Ritalin und meine Lebensqualität hat sich auf ca. einer Million Ebenen verbessert. Natürlich habe ich mich auf alle möglichen Internet-Informationsquellen zum Thema gestürzt und glaube, mich mittlerweile ein wenig auszukennen. Dennoch bleibt diese Störung – vor allem in ihrer erst spät erkannten Form („Erwachsenen-ADHS“) – auch für mich weiterhin ein wenig nebulös und sogar dubios.  Um so mehr freute ich mich, als Bloggerin und Psychotherapeutin Miri Mogilevsky im April des vergangenen Jahres einen kurzen, knackigen Artikel zum Thema publizierte, der die gängigsten Missverständnisse zum Thema anspricht und ausräumt. Der Link ist hier.

Für Eilige und des Englischen nicht wirklich so richtig mächtige hier eine Zusammenfassung der vier wichtigsten Aussagen des Textes:

  1. ADHS ist keine psychische Erkrankung, sondern eine Behinderung, die Folge einer Entwicklungsstörung während der Kindheit ist. Wie bei fast allen Behinderungen lassen sich die Folgen lindern, aber nicht wieder zum Verschwinden bringen. Sichtbar wird diese Störung entweder während der Kindheit selbst oder aber erst in späteren Jahren. Es handelt sich aber immer um dieselbe Störung. Es ist nicht möglich, als Erwachsener „plötzlich ADHS zu bekommen“, genausowenig, wie man plötzlich das Down-Syndrom haben kann. „Erwachsenen-ADHS“ ist also eine irreführende Bezeichnung für das Phänomen, dass Menschen, die seit ihrer frühen Kindheit mit den nicht immer dramatischen, aber immer chronischen Folgen dieser Behinderung zu kämpfen haben, erst in höherem Alter endlich ordentlich diagnostiziert werden.
  2. ADHS ist heutzutage gesellschaftlich sowohl über-, wie unterdiagnostiziert. Als Faustregel kann gelten: Je älter der Mensch, desto höher die Wahrscheinlichkeit einer undiagnostizierten ADH-Störung und umgekehrt. Das liegt schlicht daran, dass sich die entsprechende Diagnostik erst in den letzten Jahrzehnten vereinheitlicht und standardisiert hat. Deshalb kann es durchaus sein, dass heutzutage – Stichwort „Modediagnose ADHS“ – bei ein paar Kindern zuviel ADHS diagnostiziert wird. Andererseits hätte das Leben vieler älterer Betroffener viel besser verlaufen können, hätte man sie früher diagnostiziert.
  3. Einerseits muss nicht jeder, der diagnostiziert ist, Ritalin nehmen, um seine Symptome zu lindern, andererseits ist die Wirkungslosigkeit von Ritalin bei einer Diagnostizierten kein Beweis dafür, dass keine ADH-Störung vorliegt. Das ist – zugegeben – verwirrend, aber gibt es bsp.weise nicht auch Formen der Diabetes, bei denen man kein Insulin nehmen muss?
  4. Eine ADH-Störung ist Folge einer permanenten Beeinträchtigung Exekutiver Funktionen im Gehirn des Betroffenen (für eine ausführliche Definition dieses neuropsychologischen Fachbegriffs bitte dem Link folgen). Phänomene wie Hyperaktivität, Vergesslichkeit, die Neiung, andere zu unterbrechen oder das ständige „Verschlampen“ und „Verschwitzen“ wichtiger Dinge etc. können Folgen derart beeinträchtigter Exekutivfunktionen sein. Man kann aber auch ADHS haben, ohne unter exakt diesen Dingen zu leiden. Andererseits gilt, wessen Exekutive Funktionen gut funktionieren, der hat definitiv kein ADHS.

Fazit: An einer kompetenten und seriösen Diagnose geht kein Weg vorbei, sie kann in keinster Weise durch Selbstbeobachtung ersetzt (wohl aber ausgelöst) werden.

*

Und wer’s noch genauer wissen, will, kann sich diesen gut zehnminütigen und rhetorisch ganz ausgezeichneten Vortrag des gestrengen US-amerikanischen Psychiaters und ADHS-Gurus R. Barkley zum Thema „ADHS und Exekutive Funktionen“ aus dem Jahr 2009 reinziehen. Der Mann wirkt zwar durch und durch konservativ und durchaus autoritär, eröffnet seinen Vortrag aber gleich mit einer These, die allen gestandenen Konservativen die Haare zu Berge stehen lassen dürfte: „Self-control is not learned.“ Potztausend!

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«invaders (science fiction 3)», 2019


Audio-Material Chaosynth, Tone Loop (Steven Jones)
Audio-Editor Audacity 2.3.1
Audio-Effekte Change Pitch (Audacity Built-In), Hyperexp (Steven Jones), Ramp Panning, Random Panning, Stereo Delay (David R. Sky), Vocoder (Edgar Franke)

Kompositionsnotiz

Chaosynth war ein mit Zellulären Automaten arbeitender Software-Synthesizer, dessen Output mitunter musikalisch herausfordernd war. Anders gesagt, er klang „interessant“, aber nicht besonders musikalisch. Deswegen landeten einige der damals (2006/7) generierten Schnipsel gleich im virtuellen Abfall. Einen davon konnte ich jetzt sinnvoll verwenden und gesellte ihm einen „Tone Loop“ aus elementaren Wellenformen hinzu, der den einen oder die andere vielleicht ganz entfernt an frühen Techno (allerdings ohne Beat) erinnern mag.

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Peter Limberg über Digitalen Tribalismus (6 von 8)

[…] adaptive instincts turn maladaptive due to exposure to supernormal stimuli; magnified and more attractive versions of evolved stimuli. Nikolaas Tinbergen, the ethologist who coined the term supernormal stimuli, demonstrated that he could trick birds, fish, and insects into evolutionary traps using exaggerated dummy objects designed to trigger their instincts. […] psychologist Deirdre Barrett points out that humans are just as fallible to these superstimuli. Whether it be junk food, laugh tracks, pornography, or likes on social media, these artificial triggers addict us and hijack our agency.

Peter Limberg with Conor Barnes: The Memetic Tribes Of Culture War 2.0 | medium.com 2018-09-14